Der neue Mensch

Visionen von Vollkommenheiten

Sähen wir den Menschen nicht nur als historisches Wesen, sondern als lebendiges Symbol, so würde uns das den Weg bahnen zu einem neuen Erwachen, zu einem Wiedererringen der archaischen Symbole und Archetypen, die, lebendig oder versteinert, in der religiösen Überlieferung der gesamten Menscheit vorhanden sind. So könnte der moderne Mensch auch die Symbolik seines eigenen Körpers wiederentdecken.

Mircea Eliade

Der neue Mensch, das ist der moderne, optimierte Mensch der digitalen Gegenwart?

exploring the patterns of conditioning

The New Human is The Poetic Human?

Der neue Mensch
Ist in Eines Seele das Schauen erwacht,
das neue, das Künftiges sucht:
bald wird’s eine weithin weckende Macht,
der die tumbe Menge wohl flucht.

Zielsicher doch fährt der allmächtige Geist,
der im dunklen Waldland gehaust,
durchs Leben wie Sturm, der Dämme zerreißt,
so daß es Starke selbst graust.

Doch die Starken erstarken. Es wächst ihr Mut.
Ihre Augen erschimmern im Schein
der neuen Schönheit. Es blüht ihr Blut.
Wie Lenz braust die Zukunft herein.

Das alles wirkt die Gegenwart
Des Einen, der weiter gesehn
als die Andern, Des Menschen von höherer Art.
… Wer könnte ihm widerstehn?

Der neue Mensch!

Der neue Mensch

Mensch, es strömen die Jahrtausende
In dein offnes Herz. Der sausende
Flügelschlag der Zeit bestürme dich!
Halte fest der Promethiden Feuer,
Und in ihrem heiligen Glanz erneuer
Zart zu Faltern das Gewürme sich.

Der neue Mensch
Gingest du nicht deinen Gott verkaufen
Unter Lächeln, Liebeln, Huren, Saufen?
War mit Gold gefüllt nicht Raum und Zeit?
Lern an reiner Quelle wieder trinken,
Lerne wieder liebend niedersinken
In die Kniee vor der Ewigkeit.

Aus den Kratern schweben die Dämonen,
Welche bei den schwarzen Engeln wohnen,
Und es steigt die süd- und nordsche Flut,
Schwing die Fackel deiner reinen Seele.
Horch: schon zwitschert wieder Philomele,
Und es schwirrt der Zukunft Adlerbrut.

Der neue Mensch
Sollen Irre durch die Gassen taumeln?
Sollen Schwangere am Galgen baumeln?
Freiheit, welche mordet, ist nur Wahn.
Stosst hinab in tiefste Höllentiefen,
Wo noch immer nicht sie endlich schliefen,
Nero, Robespierre und Dschingiskhan.

Die ihr lebend starbet in den Grüften

Unsrer Städte: schwingt euch mit den Lüften

Eines neuen Frühlings in die Welt.

Liebe will sich liebend euch ergeben,

Lachend werdet ihr das Leben leben,

Wenn der morsche Tempel fällt!

Macht sich der willentlich handelnde, zielstrebige Mensch zum neuen Menschen?

Der neue Mensch wird erschaffen:

Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren. Er wird es sich zur Aufgabe machen, der Bewegung seiner eigenen Organe – bei der Arbeit, beim Gehen oder im Spiel – höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen. Er wird den Willen verspüren, die halbbewußten und später auch die unterbewußten Prozesse im eigenen Organismus: Atmung, Blutkreislauf, Verdauung und Befruchtung zu meistern, und wird sie in den erforderlichen Grenzen der Kontrolle durch Vernunft und Willen unterwerfen. […] Das Menschengeschlecht, der erstarrte Homo sapiens, wird erneut radikal umgearbeitet und – unter seinen eigenen Händen – zum Objekt kompliziertester Methoden der künstlichen Auslese und des psychophysischen Trainings werden. Das liegt vollkommen auf der Linie seiner Entwicklung. Der Mensch hat zuerst die dunklen Elementargewalten aus der Produktion und der Ideologie vertrieben, indem er die barbarische Routine durch wissenschaftliche Technik und die Religion – durch Wissenschaft verdrängte. Dann hat er das Unbewußte aus der Politik vertrieben, indem er die Monarchie und die Stände durch die Demokratie und durch den rationalistischen Parlamentarismus und schließlich durch die kristallklare Sowjetdiktatur ersetzte. Am schlimmsten hat sich die blinde Naturgewalt in den Wirtschaftsbeziehungen festgesetzt – aber auch von dort vertreibt sie der Mensch durch die sozialistische Organisation der Wirtschaft.[…] Im tiefsten und finstersten Winkel des Unbewußten, Elementaren und Untergründigen hat sich die Natur des Menschen selbst verborgen. Ist es denn nicht klar, daß die größten Anstrengungen des forschenden Gedankens und der schöpferischen Initiative darauf gerichtet sein werden? Das Menschengeschlecht wird doch nicht darum aufhören, vor Gott, den Kaisern und dem Kapital auf allen vieren zu kriechen, um vor den finsteren Vererbungsgesetzen und dem Gesetz der blinden Geschlechtsauslese demütig zu kapitulieren! Der befreite Mensch wird ein größeres Gleichgewicht in der Arbeit seiner Organe erreichen wollen, eine gleichmäßigere Entwicklung und Abnutzung seiner Gewebe, um schon allein dadurch die Angst vor dem Tode in die Grenzen einer zweckmäßigen Reaktion des Organismus auf Gefahren zu verweisen, weil es gar keinen Zweifel geben kann, daß gerade die äußerste Disharmonie des Menschen – die anatomische wie die physiologische –, die außerordentliche Unausgeglichenheit der Entwicklung und Abnutzung der Organe und Gewebe dem Lebensinstinkt eine verklemmte, krankhafte und hysterische Form der Angst vor dem Tode verleiht, die den Verstand trübt und den dummen und erniedrigenden Phantasien von einem Leben nach dem Tode Nahrung gibt. Der Mensch wird sich zum Ziel setzen, seiner eigenen Gefühle Herr zu werden, seine Instinkte auf die Höhe des Bewußtseins zu heben, sie durchsichtig klar zu machen, mit seinem Willen bis in die letzten Tiefen seines Unbewußten vorzudringen und sich so auf eine Stufe zu erheben – einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus, und wenn man will – den Übermenschen zu schaffen.“ Der neue Mensch ist da!

Leo Trotzkij, 1923, zitiert in Peter Keiler (Freie Universität Berlin) Lev S. Vygotskij – Ikarus mit gestutzten Flügeln, S. 23/24

Der neue Mensch ist der alte Mensch! Mensch ist Mängelwesen?

Der „Neue Mensch“ ist eine Leerformel, doch diese wurde aufgefüllt von Sehnsüchten, Wunschträumen unterschiedlichster Art. Als Leitbild stand er „Diktatoren und Schlächtern“ ebenso wie „Revolutionären, Aufklärern und Humanisten“ vor Augen, wie es im Vorwort zum Katalog der Ausstellung „Der Neue Mensch“ heißt. Er trägt den Untertitel „Obsessionen des 20. Jahrhunderts“. Der Katalog zeigt einmal mehr etwas von der Vielfalt der Ideen vom Neuen Menschen. Der Neue Mensch, das kann der durchschaubare, züchtbare, optimal funktionierende oder auch der beseelte, religiös erweckte Mensch sein. Es kann ein künstlicher Mensch sein, die dynamische, kraftvolle, perfekt funktionierende Maschine Mensch, von der die italienischen Futuristen phantasierten, oder der Mensch, dessen Naturwüchsigkeit aus der Hülle gesellschaftlicher Konventionen und diskursiver Ordnungen hervorgebrochen ist. Der Kreis um Stefan George gab, wie der Beitrag von Gert Mattenklott über George und Jünger zeigt, die Parole von der „Neubeleibung“ des Menschen aus, die den Menschen nicht als Gehirn, sondern in seiner Gesamtheit respektiert wissen wollte. Ernst Jünger konzipierte, in seinem Essay „Der Arbeiter“, den Neuen Menschen als heroischen Kämpfer, als Typus des „kaltblütigen Kriegers“, als Menschen, der den Tod, das Grauen, die apokalyptischen Katastrophen kalt lassen. Jünger steht damit in der Tradition jener Selbsterhebungen des autonomen Subjekts, die im 18. Jahrhundert unter dem Begriff des „Erhabenen“ vorgenommen wurden.

Quelle:

Der „Neue Mensch“ – eine Obsession des 20. Jahrhunderts

Zwei Ausstellungskataloge aus dem alten Jahr
Thomas Antz

https://literaturkritik.de/id/752

Ein spielender Mensch wird/ist ein neuer Mensch?

DER NEUE MENSCH

Der rollt gezückt aus dumpferen Schimmel-Hö€en.- Mit Striemen tätowiert ; zernagt von Pest. In dessen Mantel knurren noch Gewitter. Er bläst Gift-Dolde der Asyle aus. Mit Hebel-Armen‘. Brust: Turm. Stirnen Schild. Er schreitet! Schreitet!! Sternen Chöre flossen. Und schreitend! Schreitend . . . Haare Fahnen schossen! Er schwingt sich auf gens blühende Gefild. O Tänzer in Azuren! Brüder: .Tänzer! O Heimat: Erde! Sonnberauschter Pfühl. Du trägst der Zeiten Schwinge am Gelenk. Solch Sonn-Haupt groí3 im Äther-Frühling hängt. O neuer Mensch! Gebirg der Tausend Rassen! Geschliffene Früh. Nun gleichen alle dir! Und wieder Gott du steigst aus Efeu-Wassern. Mütter Terrassen Umtauen jubelnd dich . . . O neuer Mensch . . . zerfleischte Schultern: Wiesen! Und schleppend dich und zerrend dich: Empor! Und greifend dich und flehend dich : Empor! Empor! Empor! Empor! . . Bald hoch aller Venen-Pumpen jagend. Wille zur Menschheit bohrt mit Flammen-Stürmen. So müssen wir dich, Gott des Tags, bald sichten. Pest Hydra rast in strotzenden Gewülmen . . . Ja mathematisch dich Gestirne schon gestalten. Schon langst du Feuer in Gesängen waltend . . . So muí3t du dich ein Glühender errichten!!

Johannes R. Becher 1919, Insel Verlag Leipzig