Nie mehr gefangen zwischen Melancholie und Menschmaschine!|brief@NeuerMensch.com

Pierrot Lunaire von A. Schönberg, Bachelorarbeit Pia Schwarz, SS 18

„…  Als ich mit dem „Pierrot Lunaire“ begonnen habe, sah ich mich 21 Einzelstücken gegenüber, die mir noch sperrig erschienen und die wie ein unüberwindbarer Berg vor mir standen. Ich hatte Sorge, nicht alles zu schaffen, da wir in sehr detaillierten und kleinen Schritten vorwärts gegangen sind. Jeder einzelne dieser Schritte war aber relevant und wichtig, das habe ich schon währenddessen gespürt. Es dauerte eine Weile, bis ich die Texte wirklich bei mir hatte, aber als es soweit war und als ich die Rolle des „Pierrot“ für mich verstanden und mir zu eigen gemacht hatte, sprudelte die Darstellung aus mir heraus. Von Woche zu Woche wurde es immer weniger Plan, weniger „wie soll es am Ende aussehen“, ich habe es zulassen gelernt, Dinge entstehen zu lassen, sie nicht zu bewerten oder zu zerdenken. Das ist für mich eine unglaublich schöne und erleichternde Möglichkeit, die ich auch in anderen Lernprozessen wiederfinde und weiterverfolgen kann. Natürlich habe ich gespürt, dass vieles von mir und meiner Offenheit abhängig war. Doch erstaunlicherweise ist selbst aus den Proben, in denen ich mich absolut blockiert gefühlt habe, immer etwas entstanden. Ich habe gelernt – und die Kamera, die bei jeder Probe mitlief, hat mir geholfen – das zu erkennen, habe erlebt, dass nicht immer die Vorbereitung im Sinne von wirklichem Hinsetzen und Lernen das Resultat ausmacht, sondern das alles, wirklich alles, was ich erlebe und empfinde, in meine schauspielerische Arbeit einfließen kann. Ich bin durch die Arbeit durchlässiger geworden, freier in mir selbst und dadurch im Spiel und das vor allem auch deswegen, weil ich meine Schwächen und so gesehenen Unzulänglichkeiten anzunehmen lernte. Oft war das, was ich in den Texten finden konnte, sehr nah an mir und meinem Erleben, und das waren oft sehr intensive und, wie ich finde, heilsame Erfahrungen. Doch auch das Erlebnis, dass sich Empfindungen in manchen Momenten auch ändern und ich darauf selbst in der Konzertsituation eingehen kann, also nicht starr in einem Konstrukt gefangen bin, das eingeübt werden muss, hat mich sehr bereichert. So wurde die Angst vom Beginn der Arbeit bald unsinnig, denn es ging nicht darum, so viel wie möglich gemacht und inszeniert zu haben, sondern genau den Prozess zu erleben, mich auf das einlassen zu können, was ich im Bezug auf die Texte in meinem Körper spüren konnte, und daraus dann eine Geschichte oder viele kleine Geschichten werden zu lassen. Diese Art der Arbeit, das erstaunliche Erlebnis, dass Texte, die im ersten Moment völlig undurchsichtig erscheinen, plötzlich alles von mir erzählen und mir aus der Seele sprechen; das war unglaublich bereichernd und hat mir für die Aufführungssituation den größtmöglichen Halt gegeben, ohne mich einzusperren. Zum Schluss waren meine Emotionen, Gedanken, mein Körperempfinden und die Musik eine Einheit, die mir Sicherheit gegeben hat, und trotzdem war ich offen für neue Dinge, die im Moment entstehen konnten. Ich denke, dass ich diese exemplarische und sehr genaue Arbeit an diesem Stück werde übertragen können, dass diese Art, Texte und Rollen zu bearbeiten, mir auch für kommende Projekte enorm weiterhelfen wird. Denn nicht nur für die szenische Inszenierung habe ich viel mitnehmen können, sondern auch das Lernen der Stücke wurde effektiver und ich konnte einen ganz besonderen Bezug zu meiner Stimme herstellen, wodurch die klangliche Entwicklung der Stücke über die Zeit unglaublich groß war. …“

(Privater Konzertmitschnitt der Künstlerin)

2018-06-27T11:19:09+00:00