Joseph Beuys und seine Aktion  ,,Coyote; I like America and America likes me“ von Tamara Tolnai

Joseph Beuys ist einer der umstrittensten Künstler unserer Zeit. Sein umfangreiches Werk umfasst neben zahllosen Zeichnungen, Installationen und Objekten auch mehrere ungewöhnliche Aktionen. Die Aktion ,,Coyote; I like America and America likes me„ vom Mai 1974 soll hier näher besprochen werden. Sie fand in der New Yorker Galerie René Block statt und dauerte exakt vier Tage. Schon Beuys` Ankunft in Amerika war Teil der Inszenierung: vom New Yorker Flughafen wurde er – komplett in Filz gewickelt – von einem Krankenwagen zur Galerie gefahren. In einem separaten Raum erwartete ihn ,,Little John„, ein waschechter amerikanischer Kojote. Beuys verbrachte drei Tage und drei Nächte mit dem Tier, er ordnete Filzbahnen, stapelte täglich die neueste Ausgabe des Wall Street Journal, war ausgerüstet mit Handschuhen, Spazierstock, und einer Triangel, gelegentlich zerrissen Turbinengeräusche die Stille. Innerhalb dieser 72 Stunden nahm Beuys Kontakt zum Kojoten auf. Anfangs verunsichert und aggressiv, gewöhnte sich das Tier bald an den Künstler, es schlief auf den Filzbahnen, die es zuvor attackiert hatte. Beuys legte sich auf das Strohlager des Präriewolfes. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wurde immer inniger. Schließlich hieß es Abschied nehmen. Beuys drückte ,,Little John„ zärtlich an sich und verstreute das Stroh im Raum. Die Prozedur des ,,Krankentransportes„ wiederholte sich, so dass Beuys nichts von New York gesehen hatte als eben diesen Raum mit dem Kojoten. Er erläuterte später, er habe sich ganz auf den Kojoten konzentrieren, sich isolieren und nichts von Amerika sehen wollen als das Tier. Über den Präriewolf äußerte er, dieses den Weißen verhasste Tier könne auch wie ein Engel angesehen werden.

In der Aktion in New York manifestierte sich die ureigene Kunsttheorie des Joseph Beuys. Auch der viel zitierte ,,Schamanismus„ des Künstlers zeigte sich sehr deutlich, gerade im Kontext des Kojoten als von der amerikanischen Urbevölkerung als heilig verehrtem Wesen. Beuys wurde zum Medium, zum Mittler zwischen den Welten. Über diese Eigenschaften hinaus spricht man einem Schamanen gewöhnlich Heilfähigkeiten zu. Beuys verstand sich jedoch selbst nie als Heiler im direkten Sinne, sondern als Person, die ihre Mitmenschen mit Hilfe der Kunst zur Selbstheilung anregt. Kunst war für ihn Medizin, Therapie, er ging sogar soweit sie als Salbe oder Pille zu bezeichnen. Wie Aristoteles stellte er hohe Ansprüche an die Kunst: sie sollte in erster Linie erziehen. Doch den Begriff der Katharsis dehnte Beuys viel weiter aus: Seine Kunst sollte nicht nur eine moralische Reinigung bewirken, sie sollte das Publikum ästhetisch erziehen und die althergebrachte Trennung zwischen Kunst, Leben und Politik aufheben. In der Kunst verwirklichte Beuys seine Theorie vom erweiterten Kunstbegriff und der sozialen Plastik. Für ihn war ,,Jeder Mensch ein Künstler„, was heißen sollte, dass jeder ein bestimmtes kreatives Potential hat, das er auf verschiedene Bereiche anwendet. Somit ist alles vom Menschen Geschaffene Kunst. Diese Ausdehnung des künstlerischen Schaffens auf alle Bereiche der Gesellschaft und des täglichen Lebens, und die Tatsache dass Beuys sich grundsätzlich nie an irgendwelche Schemata hielt, stehen in krassem Gegensatz zu Aristoteles` Forderung nach Einhaltung gewisser Normen in Bezug auf Form und Inhalt. Unter philosophiegeschichtlichem Aspekt betrachtet, weist die Beuys`sche These, Kreativität sei angeboren, Parallelen zu Baumgartens Theorien auf, denn für Beuys war – wie für Baumgarten die Fähigkeit zum ästhetischen Urteil – Kreativität zu einem gewissen Maß bei jedem Menschen vorhanden. Sie musste später nur noch gefördert werden. Beuys war der Ansicht, Kunst solle ästhetisch erziehen und vorhandenes Potential fördern. Kunst sollte plastisch sein, sie sollte in alle Lebensbereiche hinein reichen. Plastik bedeutete für Beuys ,,organisch von innen gebildet„, sie war für ihn ein ,,wärmehaft-chaotischer„ Vorgang, ein energetischer Prozess. Dieser Wärme- und Energiegedanke zeigt sich in den bei der Kojoten-Aktion verwendeten Materialien Filz, Metall, Stroh, Turbinengeräusche. Plastik im Beys`schen Sinne war jedoch noch viel mehr: sie dehnte sich auf den sozialen Bereich aus. Geschichte bezeichnete er als Plastik, ebenso Geist, Politik, Sprache und Gesellschaft. Beuys erweiterte mit diesem Ideal die Dimensionen der Kunst und sprengte jeglichen Rahmen des überlieferten Kunstverständnisses. Versuchen wir, zwischen Beuys` Kunsttheorie und der Mimesistheorie Platons einen Vergleich zu ziehen, so werden wir feststellen müssen, dass er mit seiner Aktion in New York Platon aufs heftigste widersprach. Er mag zwar mit ,,Coyote; I like America and America likes me„ bestimmte Dinge zum Ausdruck gebracht haben, er thematisierte Wärme, Energie, Mensch und Tier, ahmte jedoch keineswegs nach. Schon die Idee vom erweiterten Kunstbegriff und das daraus resultierende Ideal der sozialen Plastik an sich kontrastieren zu Platon. Inwiefern können Geist, Gesellschaft oder Sprache denn Nachahmung sein?

Doch was wollte uns Beuys mit ,,Coyote; …„ sagen? Der Betrachter steht vor einem unlösbar erscheinenden Rätsel.

Die Kunst Beuys` scheint förmlich nach Interpretation zu schreien. Andererseits müssen wir uns auch die Frage stellen, ob wir womöglich zuviel in das Werk hinein interpretieren, es gar überinterpretieren Beuys selbst wehrte sich gegen jegliche Interpretation seiner Werke. Interpretation, aber auch Selbstinterpretation verurteilte er als ,,unkünstlerisch„. Wir als Rezipienten müssen sein Werk erfahren und nicht ergründen, müssen eintauchen in die eigene Welt, die es nicht nur eröffnet, sondern ist. Wir müssen uns zwar mit dem ungewöhnlichen Mann auseinandersetzen, mit seinen Ideen und Idealen, aber mindestens genau so viel Anstrengungen müssen wir darauf verwenden, uns auf die Kunst einzulassen, sie auf uns wirken zu lassen. Zur Lösung der Rätsel, die uns Beuys aufgibt soll noch einmal der Meister selbst, der Mythos und Visionär, zu Worte kommen: ,,Wenn auch das Kunstwerk das größte Rätsel ist„, meinte er schlicht, ,,der Mensch ist die Lösung.`

Literaturverzeichnis

H. Stachelhaus: Joseph Beuys; Claassen Verlag,1987
P. Bianchi & C.Doswald: Gegenspieler – A.Warhol & Joseph Beuys; Fischer Taschenbuch Verlag, 2000
Internet (Encarta Enzyklopädie, http://www.artnet.de, http://www.beuys.de und andere)
Quelle: werner-knoben.de

2018-10-02T19:16:49+00:00