Vollkommen Unvollkommen. Der neue Mensch – Vision der menschlichen Vollkommenheit.

Die Form der Weltüberlegenheit

von Olaf Rauschenbach, Auszug aus riverrun mythmakerz, 2019, S.35

Das ist die Idee, das ist der Gedanke: “Souveränität gegenüber dem Zwange der Natur, auf irgend etwas, Gefahr oder Lockung, Trieb oder Störung, reagieren zu müssen, ist das Ziel. Es geht um die Überwindung des Leibes als der Sphäre der Kreatürlichkeit und um die Anbildung einer unmenschlichen Haltung als Form der Weltüberlegenheit. […] Hier kämpft ein Wille um völlige Freiheit von Ich und Umwelt.“[1]

Faust
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär‘ das Höchsterrungene.
Eröffn‘ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.” [2]

Wer diese Verse versteht, kennt zivilisiertes Glücksstreben.

“Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein. Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.”[3]

„Der neue Mensch“ – eine abstrakte Vorstellung meines „zivilisierten“ menschlichen Geistes von Vollkommenheit. Mit dieser fixen Idee im Kopf, jener unerreichbaren Zielsetzung, gestalte, forme und verändere ich aktiv handelnd gewaltsam, die mich umgebende Welt und mich selbst. Anthropozän[4].

“Gott ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall, dessen Peripherie aber nirgends ist. Als menschliche Erscheinung ist er Heros und sündenloser Gottmensch, also vollständiger und vollkommener als der natürliche Mensch. Er überragt und umfasst diesen, der sich zu ihm verhält wie ein Kind zum Erwachsenen, oder wie ein Tier (Schaf) zum Menschen. […] Der Inhalt solcher Symbolgebilde ist die Vorstellung eines überragenden, umfassenden, vollkommenen oder vollständigen Wesens, welches entweder durch einen Menschen mit heroischen Eigenschaften oder durch ein Tier mit magischen Attributen oder durch ein magisches Gefäß oder eine sonstige “schwer erreichbare Kostbarkeit” […] oder direkt geometrisch durch das Mandala dargestellt wird. Diese archetypische Vorstellung entspricht einer als unbewußtes Bild vorhandenen Ganzheit des Individuums, das heißt des Selbst.”[5]

Und jetzt kommt der Mensch mit seinem wörtlichen Verständnis des Mythos und legt weltverändernd los. Das geht so seit einigen tausend Jahren.

Gedachter Ausgangspunkt:
Unvollkommener Mensch, triebgesteuertes Wesen, das schwache Geschlecht der feuchten schmutzigen Erde, die ewige Sünderin, die Verführung, Neugier und Versuchung, die Schwäche, die personifizierte Todsünde hin- und hergeworfen zwischen Leid, Hilflosigkeit, Zorn, Trauer, Haß und Liebe, Glück, Begeisterung, Lust. Der alte Adam, der alte Mensch, der permanente Sündenfall. Ein wandelndes Schuldbuch, eine einzige Unterlassung, ein „faultierhafter Neger“[6] – unfähig Werte, Bleibendes zu schaffen, keine Spuren hinterlassend, ohne Gedanken an das was wird oder war. Ständig seiner unergründeten Tiefe ausgeliefert in „unfreiwilliger Teilhabe“[7]. Dem kollektiven Unbewußten fest verhaftet. Nein, mit einem solchen Menschen ist kein Staat zu machen, kein Acker zu bestellen, kein Handel zu treiben, ewig von der Hand in den Mund, nein das geht so nicht weiter. Ein neuer Mensch muss her! Das Gegenteil! Ein radikaler Gegenentwurf zum „alten“ Menschen, der sich nicht „ersäufen“[8] lässt.

Gedachtes Ziel:
Der neue Mensch: Von der Jungfrau in Heiligkeit geboren – Vollkommener Mensch, Idealmensch, Herrenmensch, Übermensch. Lenker und Beschützer voll Mitgefühl, Liebe und Gerechtigkeit – ein (selbst)beherrschtes Mannsbild, ein starkes Geschlecht, ein König, ein Kaiser: dem EINEN GOTT GLEICHES Selbstkonzept zur Gestaltung meines Ich und der Welt. Der neue Adam, adam secundus, DER NEUE MENSCH, Der vollkommene Mensch, der im Lichte lebt.

Realität:
Immer im Stress, immer in der selbst aufgezwungen Entwicklung und Behauptung, immer hungrig, immer wunschwärts, erfolgwärts gerichtet, immer gespannt auf Erfolge und Mißerfolge. Ein Start – Ziel Konzept der Sicht auf mich, andere und die menschliche Gesamtheit, bei der das Ziel nach menschlichem Ermessen nie in diesem Leben erreicht werden kann. Daraus folgt Gewalt als Voraussetzung für das Erreichen von Ergebnissen. Gewalt gegen das was ich bin und werde und vielleicht nicht sein will. Immer in der Anstrengung, im Wachstum, im Fortschritt. Das ist der neue Mensch, die „Ganzheit des Individuums“?

“Fütter mein Ego! Fütter mein Ego! Fütter mein Ego!
Ich bin 6 m gross und alles ist wichtig
Ich bin 9 m gross und alles ist mehr als wichtig
Ich bin 12 m gross und alles ist unvorstellbar
Fütter mein Ego Fütter mein Ego! Fütter mein Ego!
Ich bin das ganze chinesische Volk und Yü-Gung kann Berge versetzen
Bin 6m gross
Bin 9m gross
Bin 12m gross
und Fütter mein Ego Fütter mein Ego! Fütter mein Ego!” [9]

„der Glaube an ein fortschreitendes kollektives Vollkommenerwerden der Welt blieb bislang das Rückgrat des Abendlandes: religiös in der Idee der Ecclesia militans und ihrer Weltmission, säkular im Fortschrittsglauben der Humanität, materiell im Rausche der weltverbindenden Technik. In der westlichen Kunst hat das Dämonische kein Lebensrecht mehr in der Sphäre des kollektiven Ausdrucks, des repräsentativen Betriebes; es flüchtet in die Form von Kitsch und Schmutz […]  an denen sich das Zeitkind erlabt, indem es sich dabei schämt oder selbst verlacht; – oder es lebt in der Kunst Vereinzelter als individuelle Explosion: als Wahrheit begehrt, aber abseits […]  Die offizielle Kunst Europas, die seine Ideologie repräsentiert, ist im Leerlauf […] verödet.“[10]

[1] Heinrich Zimmer, Indische Sphären, S. 63, Rascher Verlag Zürich 1963, Erstauflage 1935

[2] Johann Wolfgang Goethe, Faust II, 5. Akt, 6. Szene, 11539 – 11576

[3] 2 KOR 5,14-20

[4] Der Ausdruck Anthropozän (zu altgriechisch ἄνθρωπος ánthropos, deutsch ‚Mensch‘ und καινός ‚neu‘) ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche: nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Quelle: wikipedia

[5] Carl Gustav Jung, Abs. 229 – 230, S. 173 in Psychologische Deutung des Trinitätsdogmas, 1940, aufgeführt in Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, Edition C.G. Jung, Patmos Verlag 2015, 4. Auflage

[6] Kolonialbegriff, vgl. Gottfried Mergner, Unser Nationales Erbe des deutschen Kolonialismus, Rassistische Bilder – Mitleid mit den Opfern – die Unschuld der Erben, in Ein Herrenvolk von Untertanen, Hrsg. Andreas Foitzik, Rudolf Leiprecht, Athanasios Marvakis, Uwe Seid , Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, 2006

[7] Vgl. Heinrich Zimmer, Indische Sphären, Rascher Verlag Zürich 1963, Erstauflage 1935

[8] Martin Luther im kleinen Katechismus: „Den Alten Adam in täglicher Reue und Buße zu ersäufen“ oder weiter überliefert ist sinngemäß „Ich dachte den alten Adam ersäuft zu haben, aber das Aas kann schwimmen.“

[9] Songwriter: Alexander Hacke / Blixa Bargeld / Andrew Chudy / Mark Chung / F. M. STRAUSS Songtext von Yü-Gung (Fütter mein Ego) © Freibank, THE ROYALTY NETWORK OBO FREIBANK MUSIKVERLAGS, SUMMERY MUSIC PUBLISHING LTD

[10] Heinrich Zimmer, Indische Sphären, Rascher Verlag Zürich 1963, Erstauflage 1935, S. 89

2019-05-17T12:56:47+00:00