Mortal cosa son’io
Masterarbeit Stefanie Weidmann

Seit dem Wintersemester 2017/2018 besuchte ich den Schauspielunterricht an der HfM Nürnberg bei Olaf Rauschenbach. Zu Anfang war ich abwechselnd irritiert und belustigt von der Arbeit, die Olaf mit uns machte. Die ständige Introspektive, das Graben in der eigenen emotionalen Innenwelt, die Verweigerung von Profanität selbst bei den profansten Texten empfand ich zu Anfang als anstrengend und unangenehm, sehr mir der intellektuelle Überbau auch zusagte. Vor allem die von Ole unablässig geforderte Verbindung von Emotion und Körper konnte ich nicht herstellen.

Irgendwann zu Beginn meines dritten Semesters bei Ole passierte aber etwas mit mir. Plötzlich, in einer ohnehin sehr emotionalen Zeit, konnte ich etwas „spüren“, die Körperlichkeit folgte unmittelbar und ungefiltert auf den emotionalen Impuls und umgekehrt. Recht schnell war mir dann klar, dass ich mein Masterabschlusskonzert zusammen mit Ole gestalten wollen würde. Ich war bereits recht früh in meinem Studium auf den Prolog aus Claudio Monteverdis „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ gestoßen und fand die Interaktion zwischen Mensch und Göttern nach dem Vorbild eines antiken Dramenprologs ergreifend, dass ich ihn als Rahmen für mein Konzert verwenden wollte. Das Konzert sollte das universal menschliche Leiden im Angesicht der sein Leben bestimmenden Kräfte Zeit, Schicksal und Liebe darstellen. Da ich ein ziemlicher „Kopfmensch“ bin, ging ich das ganze Konzept auf der Basis meines Hintergrunds als Historikerin und Philologin sehr intellektuell an, dachte mir Szenarien aus, und wollte vor allem ein Publikum beeindrucken, das das Konzert „verstehen“ sollte, meine Gedanken nachvollziehen, die Komplexität der einfließenden philosophischen und spirituellen Überlegungen begreifen. Durch diesen Anspruch fühlte ich mich bei der Vorbereitung oft gefangen zwischen meinen beiden Rollen – der darstellenden Künstlerin auf der Bühne und der „Drehbuchautorin“ und Regisseurin mit klarem Vermittlungsauftrag und – anspruch.

In der Arbeit mit Ole fanden wir eine andere Herangehensweise – den Transport von Emotion und universell verständlicher, verbindender menschlicher Erfahrung, durch das eigene authentische Erleben auf der Bühne. Wir arbeiteten an den einzelnen Barockarien, dem rezitativischen Prolog, und den größtenteils modernen Gedichten mit dem gleichen Prozess:
Ich spürte nach, was der Text „mit mir macht“, welcher körperliche Impuls (nicht welche Gedanken) durch ihn ausgelöst werden.
Den akuten körperlichen Impuls brachten wir dann in eine Form, die auf der Bühne für mich auch reproduzierbar sein würde.

Dieser Prozess bereitete mir einige Schwierigkeiten, da er oftmals von mir verlangte, mein vorsichtig konstruiertes Selbstbild als Sängerin, Frau, soziales Wesen… abzulegen und mich einer roheren und unangepassten Version von mir zu nähern und sie zuzulassen. Ich empfand die Arbeit und mich selbst dabei oftmals als peinlich, unattraktiv, provokativ, verstörend und gesellschaftlich nicht kompatibel. Ole leitete mich durch den gesamten Prozess mit seiner eigenen ungehemmten und sensiblen Art, er ließ mich nicht im Äußeren verbleiben, im „Zeigen“ und Schau-“Spielen“ und „Darstellen“, sondern er ermunterte mich und zog an mir, bis ich in der Lage war, in vielen Momenten die Maske abzulegen und auf der Bühne zu „sein“ statt “ zu tun als ob“.

Am meisten war es Oles eigenes Wesen, der Eindruck, dass er sich selbst ganz nah ist und nicht spielt oder (sich) darstellt, der mir diese Arbeit ermöglicht hat. Die Voraussetzung dafür war auch, dass ich die Zusammenarbeit, obwohl es stellenweise um extrem intime Gedanken und Emotionen ging, als durchgängig sehr professionell empfand. In keinem Moment fühlte ich mich von Oles Person oder seinen Umgang mit mir unangenehm berührt oder bedrängt, vielmehr fühlte ich mich durch meine eigenen Unsicherheiten geleitet und ermutigt, eine authentischere Position in mir auf der Bühne zu finden.

Der Schauspielunterricht bei Ole hat mein Studium Musiktheater insgesamt sehr bereichert, und vor allem mein Abschlusskonzert zu einer ganz besonderen Erfahrung für alle Beteiligten und – den Rückmeldungen folgend – auch für das Publikum gemacht.
„Alles in uns,- wir sind nach des Dichters Wort, […] aus den Strudeln aller Abgründe, von den Sternen aller Himmel – Alle Götter in uns.“ (Zimmer, Yoga und Buddhismus, Frankfurt/Main 1925)

 

Im Prolog zu Claudio Monteverdis Oper „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ sieht sich der Mensch – personifiziert in seiner ureigensten Qualität, der Schwäche – konfrontiert mit drei zu Gottheiten erhobenen Urgewalten, deren Willkür er sich gänzlich ausgeliefert sieht: Zeit, Schicksal und Liebe.

Es scheint ein verlorener Kampf – doch ist es tatsächlich ein Kampf gegen übermächtige äußere Kräfte? Oder ist es vielmehr das endlose innere Ringen mit der eigenen Vergänglichkeit, den selbstzerstörerischen Tendenzen und der Verletzlichkeit, das den Menschen gefangen hält und ihn daran hindert, selbstbestimmt und frei zu leben?

Und vermag die radikale Akzeptanz der zentralen Selbstaussage „Mortal cosa son’io, fattura humana – Ich bin ein sterblich Ding, menschlich geschaffen“den Weg zur Befreiung weisen?
Stefanie Weidmann