Nie mehr gefangen zwischen Melancholie und Menschmaschine!|brief@NeuerMensch.com
Der neue Mensch. Editorial 2018-05-16T18:56:51+00:00

Der neue Mensch - Vollkommen Unvollkommen. Editorial

„So leget nun von euch ab … den alten Menschen … erneuert euch im Geist und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffender Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Epheser 4, Vers 22, Neues Testament“)

„Der neue Mensch“ – eine abstrakte Vorstellung meines „zivilisierten“ menschlichen Geistes von Vollkommenheit. Mit dieser fixen Idee im Kopf, jener unerreichbaren Zielsetzung, gestalte, forme und verändere ich aktiv handelnd gewaltsam, die mich umgebende materielle Welt und mich selbst. Das geht so seit mindestens 2000 Jahren.

Der neue Mensch_book of kells

Wie zeigt sich „Der neue Mensch“ heute in Dir und mir?

In der permanenten, zwanghaften Selbstoptimierung, dem Focus auf den eigenen Vorteil, im blinden Fortschrittsglauben, in der gewaltsamen Umformung unseres einstigen, natürlichen Lebensraumes und in unserer männlich dominierten Gesellschaft.

Was liegt eigentlich der Vision der menschlichen Vollkommenheit, so wie ich sie heute erlebe zugrunde?

Die Erkenntnis und Behauptung der Unzulänglichkeit des Menschen.

„Siehe, ich bin in sündlichem Wesen geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ (Psalm 51:5) Der Mensch ein „Mängelwesen“ (A. Gehlen, Der Mensch und seine Natur, 1940), mit dem es die Natur nie gut gemeint hat. Er ist „biologisch defizitär“ geboren, zum Überleben auf seine Kultivierung, als Schutz vor der wilden Natur, angewiesen. Das Alte, Schwache ist geprägt durch die „Erfahrung seiner Handlungsunsicherheit und Daseinsohnmächtigkeit“ (vgl. G. Küenzlen, Der neue Mensch, S. 26 – 29) Unvollkommener Mensch, triebgesteuertes Wesen, das schwache Geschlecht der feuchten schmutzigen Erde, die ewige Sünderin, die Verführung, Neugier und Versuchung, die Schwäche, die personifizierte Todsünde hin- und hergeworfen zwischen Leid, Hilflosigkeit, Zorn, Trauer, Haß und Liebe, Glück, Begeisterung, Lust. Der alte Adam, der alte Mensch, der permanente Sündenfall. Ein wandelndes Schuldbuch, eine einzige Unterlassung, ein „faultierhafter Neger“ (Kolonialbegriff) – unfähig Werte, Bleibendes zu schaffen, keine Spuren hinterlassend, ohne Gedanken an das was wird oder war. Nein, mit einem solchen Menschen ist kein Staat zu machen, kein Acker zu bestellen, kein Handel zu treiben, ewig von der Hand in den Mund, nein das geht so nicht weiter.

Ein neuer Mensch muss her! Das Gegenteil! Ein radikaler Gegenentwurf zum  „alten“ Menschen, der sich nicht „ersäufen“ (Luther) lässt.

Der neue Mensch: Von der Jungfrau in Heiligkeit geboren – Vollkommener Mensch, Idealmensch, Herrenmensch, Übermensch, heller, weisser Gottmensch, Lenker und Beschützer voll Mitgefühl, Liebe und Gerechtigkeit – ein (selbst)beherrschtes Mannsbild, ein starkes Geschlecht, ein König, ein Kaiser: dem EINEN GOTT GLEICHES Selbstkonzept zur Gestaltung meines Ich und der Welt. Der neue Adam.

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Aus dem primitiven, alten Menschen soll ein neuer Mensch werden! Aber wie?

Kann ich tatsächlich meinem "einfach so sein" entfliehen?

„…but the Man put his fingers in his ears, and ran on, crying Life! Life! Eternal Life! So he looked not behind him, but fled towards the middle of the Plain…“ (John Bunyan, The Pilgrim`s Progress, 1678)

Die Mittel meiner Umgestaltung sind mir bekannt: Disziplin, Recht, Ordnung, Sicherheit, Stolz, Stärke, Identität, Staat, Armee, Krieg.

Immer im Stress, immer in der selbst aufgezwungen Entwicklung und Behauptung, immer hungrig, immer wunschwärts, erfolgwärts gerichtet, immer gespannt auf Erfolge und Mißerfolge, immer in Verteidigungshaltung, immer in Erwartung des Feindes, immer im Wettkampf. Ein Start – Ziel Konzept der Sicht auf mich, andere und die menschliche Gesamtheit, bei der das Ziel nach menschlichem Ermessen nie in diesem Leben erreicht werden kann. Daraus folgt Gewalt als Voraussetzung für das Erreichen von Ergebnissen. Gewalt gegen das was ich bin und werde und vielleicht nicht sein will. Immer in der Anstrengung, im Wachstum, im Fortschritt. Dabei verspanne ich mich bloß, gehe nur noch verbissen durch die Welt. Aufgebläht vom Ansammeln, statt „mal richtig durchzuschnaufen“, asthmatisch das Ausatmen vergessend.

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Ist der Glaube an die Notwendigkeit des materiellen Fortschritts und meiner zwanghaften schmerzhaften Selbstoptimierung, nicht eigentlich die missverstandene innerweltliche Entwicklungsmöglichkeit, die mir eigen ist?

Um die Vision der Vollkommenheit „Der neue Mensch“ und ihre Spuren in der Gegenwart heute zu verstehen, muss ich meinen linearen, männlichen Blickwinkel ändern. Jedes rationale, analytische, wissenschaftliche Erklären verfehlt den Kern zwangsläufig. Das wäre „mehr desselben“.
Ich suche stattdessen Poesie, Leidenschaft und Phantasie als DIE bewussseinserweiternden, ratgebenden, wahrheitsfindenden Fähigkeiten des Menschen. Zwischen besonderen Worten warten lebendige Wissenspeicher auf ihre Entdeckung – Die Poetik der Natur, der Ursprung jeder Kunst, das „gnothi seautón“ des Apollon: Erkenne Dich selbst.
„Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“(Heraklid)

Daß ich mich also selbst erkennen kann, sozusagen vom Baum der Erkenntnis nasche, macht mich das besser als andere Lebewesen?
Nein, die Selbsterkenntnisfähigkeit ist eine wichtige Begabung der Menschen für ihr Überleben, dazu nützlich mich im Schwingen mit der Natur zu halten, mich nicht Kraft meines Geistes über anderes Leben zu erheben. Nicht ich bin der Natur ausgeliefert. Ohne meine Selbsterkenntnis ist die Natur mir ausgeliefert und ich zerstöre mit IHR meine Lebensgrundlage und somit mein Leben. Mich selbst erkennen, heißt meine Unwissenheit überwinden und mein natürliches Wirken sehen können. Meine Selbsterkenntnis führt mich zurück in die Unschuld des Kindes, des klaren Geistes, des Anfänger Geistes – zur Geburt aus der Weisheit der Jungfrau.

„Der neue Mensch“, das ist zuerst eine unausgesprochene Metapher für eine neue Bewusstseinstufe meiner immerwährenden, kreisförmigen innerweltlichen Entwicklung zwischen Geburt und Tod. Die Geschichte dieser nichtmateriellen Entwicklung, finde ich in den Sagen und Mythen dieser Welt, doch vom alten Adam nie aufgeschrieben, einzig im Kontakt unter Menschen weitergegeben. Weder lineare Entwicklungsmodelle, noch Konkurrenzthesen der Evolutionstheorie helfen hier zu verstehen.

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Sage und Mythos, das ist doch Kinderkram?

"Sage vergeht nie ganz, denn Sie ist unsterbliche Göttin." (Hesiod)

Mutter Natur – der alte Mensch und sein Mythos:
Ich lasse die  Annahme ich sei ein schutzloses, biologisch defizitäres Mängelwesen vollkommen ausser Acht. Ich lasse meine Natur gelten. Was ist darf sein. Nein, ich bin der Natur NICHT schutzlos ausgeliefert. Ich bin Ihr Teil, fest eingewoben in ein komplexes System des Lebens und der Lebendigkeit in einer Ökonomie des Schenkens. Die Sonne spendet ihre alles ernährende Energie doch auch ohne Lohn. Der Mensch und sein Mythos entstand aus dem Schwingen mit der Natur, dem gleichberechtigten Miteinander allen Lebens, der Beziehung, dem Kontakt zwischen den Dingen. Die eigene seelische Erneuerung innerhalb eines Initiationsritus, eines Schwellenrituales hin zu einem neuen Lebensabschnitt nach Krise und Konflikt, ist so betrachtet, statt einer profanen, kindischen, ekstatischen, orgiastischen Ablenkung, plötzlich ein essentieller, spiritueller Vorgang in der kreisförmigen Dramaturgie des Lebens. Der Ritus des Mythos – eine immer notwendige, wiederholbare, tiefgreifende Erfahrung. (Die Heldenreise – Eine Reise zu Dir. „Folge Deiner Freude und Dein Universum wird Dir Türen öffnen, wo bisher Mauern waren.“ (J. Campell) Ein rituelles Selbsterfahrungsseminar von Paul Rebillot).

Das Lebende lebendiger werden lassen!

Von den Göttern und Sünden unserer Gegenwart hinab in den Mist der Geschichte: Inquisition, Reformation, Absolutismus und Aufklärung, weiter über die gesellschaftlichen Utopien des 20. Jahrhundert, hin nach Eisenhüttenstadt – einst Stalinstadt, das letzte steinerne Monument des „neuen Menschen“.

Anregungen zu einem Perspektivenwechsel in der Sicht auf mich und andere. Lebendigkeit, Enlivenment – Die Weisheit entbindet die Freiheit. Wie gestalte ich meine menschliche Freiheit zum Leben?

„Geschichte ist Mist!“
Ein Mensch will Anerkennung.
Die sonderbare Geschichte des brav gebildeten Diederich Auer, erzählt in seinen Gedankenstürmen aus Sorge, Geschichte und Vision, immer auf der Flucht vor der eigenen Bedeutungslosigkeit. Eine Filmchronik auf den Spuren der Vision der menschlichen Vollkommenheit, zusammengesetzt aus unzähligen Videoschnipseln, Bildern, Musikstücken und Zitaten, sowie den Gedanken Diederich Auers in diesem einzigen exemplarischen Moment seines Lebens.

Ich suche weiterhin, die Gletscher des neuen Menschen in mir schrittweise abzuschmelzen, wo immer ich darauf verzichten kann. Ich suche den ungesteuerten Fluß zwischen Geben und Nehmen, Einatmen und Ausatmen, Gestalten und Wirken lassen: Lebendigkeit. Sein. Augenblick. Im Alten das Neue! Vom Passiven zum Aktiven! Weder Opfer noch Täter. (Ygdragssil – In Würde Vollkommen Unvollkommen. Den alten Adam schätzen lernen, dem neuen Adam die Macht nehmen.  Workshop)

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Kunst und Lebendigkeit

Warum nehme ich mir dieses Thema? Zuerst: ich bin in Eisenhüttenstadt geboren, der letzten Tempelanlage des neuen Menschen. Und weil ich als Künstler kompetent bin in meinem beschriebenen Sinne. Zudem habe ich fachkundige Unterstützung genutzt. (Ninon Hensel, Klinische Gestalttherapeutin; Dr. phil. Wolfgang Hartl, Kunsthistoriker). Weiterhin wird die Darstellende Kunst auch die  Wissenschaft von Gut und Böse genannt. Sie setzt die Extreme der Unterscheidungen in Beziehung, erzählt in tausenden Varianten den Mythos: Scheitern und Neubeginn, Liebe und Haß: vom Kampf der Menschen mit – oder der Flucht vor sich selbst und den Realitäten. Dies geschieht bis heute im Sinnbild des heftigen, epischen, heiligen Krieges, durch Katastrophen, Intrigen, Betrug, Mord, Ehebruch und unmögliche Missionen – stellvertretend für des Menschen innerweltliche Konflikte. All den darin handelnden Figuren, stelle ich als Darstellender Künstler meine Seele zur Verfügung und entblöße dabei vielleicht manchmal ein Körnchen Wahrheit. Allerdings nur wenn ich aufhöre, um Anerkennung zu buhlen und anfange um des Spieles wegen zu spielen. Das ist Wirklichkeit. (riverrun – the neverendin story of Love, hate & death. mythologisch, kulturgeschichtlich und gestalttherapeutisch basiertes Schauspielseminar)

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Ich hoffe mit meiner Arbeit dazu beitragen zu können, daß Menschen auf dieser Welt entstehende Konflikte, immer mehr zuerst als ihre eigenen innerweltlichen Konflikte begreifen können. Ich wünsche mir und Dir den Mut, Dich Dir selbst zu stellen und daran zu wachsen, BEVOR Du Dir einen Feind suchst, den Du dann stattdessen tötest. Das wäre wirklich schwach.
Beginne ich also mit dem schrittweisen Abtragen, des Jahrhunderte alten Eises auf meiner Seele. Dazu lade ich auch Dich ein – zu kritischem Diskurs, Erfahrung und Entwicklung.

Olaf Hensel

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