Die seltene Erscheinung des wahren Helden tritt über den Horizont, der keiner Götterhilfe, keiner Zauberwaffen bedarf, der nicht erbebt wo alle zittern. Aber was er Einziges, Unerhörtes ist, vermag er einzig aus sich selbst.

Heinrich Zimmer

Der neue Mensch; vergessene PfadeDIE EDDA

Wütendes Spiel der Unvollkommenen Midgards!

Der geheimnisreiche Abstieg, hinauf zum Anfang der Zeit – zum menschlichen Herz im Konflikt mit sich selbst. Mythologie erleben, dort wo sie entsteht – im Kampf mit dem Feuer der Gefühle. Kultur schöpfen. Kultur vernichten. Ewiges Scheitern. Ewiges Erwachen. Ewiger Neubeginn.

Mit Gong, Didgeridoo und Schamanentrommel zelebriert der clowneske Mythenerzähler Gandre Heid, den Weltuntergangsmythos der nordischen Mythologie.

Heldentum ist innerlich: in uns wird überwunden oder nirgendwo.

Heinrich Zimmer
Spieldauer: 70 Minuten / Ort: Weidenbühne Weilheim / Termine und Tickets unter Spielplan
Synopsis

Poesie des Scheiterns

Gandre Heid zelebriert den heilsamen Weltuntergang der nordischen Mythologie: Scheitern und Neubeginn. Gandre Heid ist Joker, Clown, Narr, Trickster. Ein Unheilskundiger, ein Satan. Der Minotaurus aus Hyperborea. Ist queer, anarchistisch, konventionslos – ist Seherin und Zauberer, ist Punk. Ein Reisender zwischen den Welten auf vergessenen Pfaden. Der verkörperte Gegensatz, ist göttliche Zerstörung, ist Konflikt, Spaltung und Einheit. Ya evam veda.

Die Edda – das sind im Moment des Sieges der christlichen Erlöseridee schriftlich festgehaltene Texte, einst wirklich gelebter Überlieferungen. Doch  befreit von zahllosen Umdeutungen einer Heldengeschichtsschreibung die nur Sieger und Besiegte kennt, offenbart sich eine andere, eine vergessene Welt. Midgardschlange, Riesinnen, Fenriswolf, Schicksalsbrunnen, Walküren – poetische Bilder voll Lebenskraft und Zerstörung. Sehen wir vermeintliche Ungeheuer in ihrem wahren Wesen, leben das gewaltige Ragnarök (Weltuntergang) und halten Hochzeit mit Erde und Himmel. Feiern wir Geburt, Leben, Liebe, Tod.

Gandre Heid findet sich wieder, in den schamanischen Traditionen indigener Völker und Ihren einander wesensverwandten Mythen.
Ein Baum – das Bühnenbild; die Wiese herum – der Zuschauerraum; Sonne, Wind und Regen. IM ZENTRUM DER WELT. Im Angesicht der weit geöffneten Tore in das ZEITLOSE:

Im Ostenkeimendes Leben aus ewiger Urleere ohne Ende und Grenze. Dem weitem Wasser entsteigen Riesinnen, Bäume, Berge, Wesen. Von Süden her wärmt Sonne uralten Fels. Erweckt Kinder. Grünes Gras auf immer fruchtbaren Böden. Licht gibt Gestalt, Farbe, Energie und Schatten. Menschen schöpfen Götter. Götter schöpfen Menschen. Beide Dämonen. Tatkraft herrscht im Westen. Alles erhält Namen, Zahl, Geist, Verstand, Aufgabe. Gegensätze treten zu Tage. Schicksale erfüllen sich. Erschaffen, Kämpfen, Betrügen, Stehlen. Trennung. Spaltung. Oben und Unten. Hell und Dunkel. Gut, Böse – Charakterstarre. Schattenwelten. Geordnete Welt.
Doch verbannte Ungeheuer sprengen Fesseln, wenn Tag und Nacht sich treffen, wenn Hell und Dunkel miteinander verschmelzen, wenn Geschlechter einander berühren, wenn des Traumes Stimme jede Vernunft verführt – dann wird Mann zur Frau und Frau zum Mann – beide Beides. Sackgasse der Gegensätze – Arena eines gigantischen Schauspiels: Der Mythos – heiliger, heftiger, ewiger Augenblick der InWelt des Menschen. Himmel und Erde halten Hochzeit, schenken ALLEN Wesen Freiheit. Vereinigung. Kampf. Das Ende im Norden, der Sonne fern im Liebestod – weise, sinnlich, heftig, stürmisch, orgiastisch, gewaltig, friedlich auch, zärtlich. Respektvoll. Jedes ICH ausgelöscht.

Die Sonne versinkt im Meer. Alles verdunkelt sich. Erde und Himmel gehören einander. Frieden. Traum. Urzeit ist. Kein Ende, keine Grenze.

Wir kennen zwar die Geschichte, kennen die historischen Wurzeln, aber dass das alles heute in uns drinsteckt, das vergessen wir und glauben wohl eben darum, aktuell nichts machen zu können. Doch wir werden noch immer weder für den Kapitalismus, noch für bestimmte Technologien, noch für das Patriarchat geboren.

Rudolf Bahro

Olaf Rauschenbach ist Gandre Heid / Fotos: Sabine Jakobs