Die seltene Erscheinung des wahren Helden tritt über den Horizont, der keiner Götterhilfe, keiner Zauberwaffen bedarf, der nicht erbebt wo alle zittern. Aber was er Einziges, Unerhörtes ist, vermag er einzig aus sich selbst. Heldentum ist innerlich: in uns wird überwunden oder nirgendwo.

Heinrich Zimmer

Der neue Mensch; vergessene Pfade.

DIE EDDA

Wütendes Spiel der Unvollkommenen Midgards!
Der geheimnisreiche Abstieg, hinauf zum Anfang der Zeit – zum menschlichen Herz im Konflikt mit sich selbst. Mythologie erleben, dort wo sie entsteht – im Kampf mit dem Feuer der Gefühle. Kultur schöpfen. Kultur vernichten. Ewiges Scheitern. Ewiges Erwachen. Ewiger Neubeginn.

Vom Speer verwundet, Odin geopfert – ich selbst mir selbst.

Gandre Heid
Synopsis Teil I und Teil II der Edda, Spieldauer insgesamt: ca. 80 Minuten

Vor der Zeit: Den Schlund der Urleere gibt es und einen Baum der Welt. Unendlicher Wald spendet Wasser – den Tau der in den Tälern nieder fällt. Leben kreist, schicksalslos, willenlos, schuldlos. Land des Überflusses, Land der Riesen, Land der Menschen. Jene die mehr beginnen zu wollen, als das gnadenlose WAS IST JETZT des Augenblickes. Der Traumzeit im Licht des Mondes, im Schatten des dunklen Waldes entwachsen – mit der Kraft der Sonne erdichten sie Götter. Asen. Wanen. Entwickeln sich aus den nichts verzeihenden Banden des natürlichen Seins. Goldene reife Felder warten in lichter Zukunft, an Stelle riesenhaften Urwaldes. Fortschritt, Zivilisation – Unsterblichkeit?
Das mächtige Midgard entsteht und zerstört sich selbst. Immer wieder. Menschen sterben schuldig. Es gibt keinen Erlöser. Hinab in den Anfang der Zeit – hinauf in die Möglichkeiten der Leere. Ein stetig wiederkehrendes, gewaltiges Ragnarök. Ein stetig wiederkehrendes neues Leben.
Hängend am Lebensbaum im ewigen Selbstopfer – es findet die dreimal vollkommen initiierte Seherin Gandre Heid, Odin verkörpernd, in den Wurzeln die keiner kennt, die Runen der Erkenntnis.

Die Erde begehrt die Sonne, ihre Wärme, ihre zarten Strahlen, ihre Berührung, ihr Lachen. Freyja begehrt den Sonnenkönig, damit er sie liebe, erhitze, ihre Knospen zum Blühen bringe, umfange und ganz mit Licht erfülle. SIE begehrt IHN. Weiblich begehrt männlich. Doch die Sonne mag nicht kommen, die Kälte zu vertreiben. Was eigentlich unaufhaltsam ist, erzwingt Gandre Heid mit zauberhaft zwingenden Bannsprüchen und Spottreden. So wird der Sonnenkönig der Erde Liebe gewähren, ob er will oder nicht.
Aber immer muß die Sonne wieder gehen, sonst verbrennt die Erde. Zuviel des Guten. Ewiges Glück sonst, ewiges Wachstum, ewiger Tag, keine Sünde. Zur Sommersonnenwende muss der König wieder gehen. Der Stellvertreter der Sonne. Gottes Stellvertreter auf Erden. Er wird geopfert. Ein Menschenopfer leitet die Zeit der Dunkelheit ein. Balders Tod, Weltuntergang (Ragnarök) und Neubeginn im Schlund der Urleere. Die Erde begehrt die Sonne…
… ewig gleich. Gandre Heid weiß das und erzählt, ohne die übliche patriarchale Abwertung der Frau, das mythische Urmotiv der heiligen Hochzeit, der „hierós gamós“ zwischen Himmelskönig und Erdgöttin.

Die handelnden Figuren:
Die Erde selbst: Mutter des Lebens, Herrin über Tage, Freyja, Tochter der Nerthus – froh, erfrischend, erfreuend, herrlich – eine göttliche Schwester dem brüderlichen Ebenbild: Freyr, Sohn des Niördr – Kinder der Erde – männlich UND weiblich – verführerisch, schön, heilig, verlockend wundervoll, reich; weiblich in den meisten Kulturen; die Frau. Ihr heiliges Tier: der Eber, Ghullinbursti, das goldene Schwein.

Die Sonne: verkörpert durch den Sonnenkönig, die Tat auf den Feldern, befruchtend durch Schaffen, Licht und Tag, glänzend, rein, moralisch, leuchtend, wärmend, erheiternd, gütig, göttlich, klar. Weit entrückt, keusch sich gebend, sich versteckend hinter den Wolken des nährenden Regens. Die Sonne – das Ersehnte und das Verbrennende zugleich, das Feuer der Kultur und die Hitze der Emotion, Konflikt, Krieg, Held – das Ideal und das Problem; männlich in vielen Kulturen, der Mann. Gold ist seine Farbe, der Löwe sein Tier.

Dazwischen Skinir: Vermittler, Diener, Herold, Sprachrohr der Erde, Reisender zwischen den Welten, Schamane, Druide, Dichter – Gandre Heid. Es ist seine Reise zwischen den Gegensätzen überhaupt. Wenn sie zusammenkommen reden wir Menschen von Liebe. Gandres Auftrag: die Erde wieder zum blühen bringen, mit allen Mitteln. Erde und Sonne vereinigen. Mit seiner Zauberkraft und ihren Gaben.

Wir kennen zwar die Geschichte, kennen die historischen Wurzeln, aber dass das alles heute in uns drinsteckt, das vergessen wir und glauben wohl eben darum, aktuell nichts machen zu können. Doch wir werden noch immer weder für den Kapitalismus, noch für bestimmte Technologien, noch für das Patriarchat geboren.

Rudolf Bahro
Informationen

Ein Unheilskundiger, ein Satan, ein Schamane. Der Minotaurus aus Hyperborea. Ist queer, anarchistisch, konventionslos – ist Seherin und Zauberer, ist Punk. Ein Reisender zwischen den Welten auf vergessenen Pfaden. Der verkörperte Gegensatz, ist göttliche Zerstörung, ist Konflikt, Spaltung und Einheit. Ya evam veda.

Der neue Mensch, Die Edda, vergessene Pfade

Wenn Hell und Dunkel miteinander verschmelzen, wenn Geschlechter einander berühren, wenn die Stimme des Traumes die Vernunft verführt, wenn tosende Stille die Weite meiner Tagträume empfängt – dann öffnet sich mein Blick in Gewesen und Werden, in andere Welten meiner Welt. Dann wird Mann zur Frau und Frau zum Mann – beide Beides. Die Geschlechter gehören einander und sind Eines. Die Sackgasse der Gegensätze – Arena meines gigantischen Schauspiels. Das ist die Zeit des Rituals im Feuerschein. Der Mythos erwacht.

In der lila Stunde, wo Augen und Rücken
Vom Pult sich erheben, wenn der Menschenmotor wartet,
Wie ein knatterndes Taxi-Auto wartet,
Kann ich Tiresias, pochend zwischen zwei Leben, ich blinder
Greis mit runzligen Weiberbrüsten sehen,
In der lila Stunde, der Abendstunde (T.S. Eliot, the waste land)

In der blauen Stunde christlicher Feiertage, zur Sommer – und Wintersonnenwende, zur Stärkung und Versicherung von Gemeinschaft.

Der neue Mensch, Die Edda, vergessene Pfade

Erdichten und Glauben (Tacitus) im Zentrum der Welt,  zwischen Erde und Himmel. Unter dem schützenden Dach des „Weltenbaumes“ auf der kühlen feuchten Erde sitzend, in der Abendstunde am flackernden Feuer: IM ZENTRUM DER WELT. An der axis mundi (Weltenachse), im Angesicht der weit geöffneten Tore in das GRENZENLOSE.

Innerhalb jener Kulturen, die mit der Konzeption dreier kosmischer Regionen – Himmel, Erde, Hölle – vertraut sind, bildet das “Zentrum” den Punkt, wo diese drei Regionen einander überschneiden. An diesem Punkt ist die Möglichkeit gegeben, daß eine der Weltebenen aufbricht und damit eine Verbindung der drei Regionen untereinander zustande kommt. […] Somit liegen Hölle, Weltzentrum und “Himmelspforte” auf derselben Achse – und auf dieser Achse fand einst der Übergang von einer Weltenregion in eine andere statt. (Eliade)

Ein Baum – das Bühnenbild; die Wiese herum – der Zuschauerraum; Sonne, Wind und Regen.

Der neue Mensch, Die Edda, Vergessene Pfade

Dass man das Leben mit einem Maximum an “Chancen” periodisch neu beginnen kann. Darin liegt nicht nur eine optimistische Sicht der Existenz, sondern auch eine uneingeschränkte Bejahung des Seins, das die Teilhabe am Sein durch die Uroffenbarung garantiert wird, deren Hüter er (der Mensch selbst) ist. Die Summe der Uroffenbarungen aber liegt in seinen Mythen. (Eliade)

Die Kundalini des Yoga und die Midgardschlange der nordischen Mythologie – ein wesensgleiches poetisches Bild der Lebenskraft und der Zerstörung. Ihr Erwachen erneuert Leben. Was im Yoga eine praktische Übung des physischen Körpers, ist im  Theater eine phantastische Reise in mythischer Zeit – im heiligen und ewigen Augenblick der InWelt der Menschen. Erwecken wir die Midgardschlange, leben das gewaltige Ragnarök (Weltuntergang) und halten Hochzeit mit Erde und Himmel bis zum nächsten Chaostag. Feiern wir Liebe und Leben.

Der neue Mensch, Die Edda, Vergessene Pfade

Die Edda – das sind im Moment des Sieges der christlichen Erlöseridee schriftlich festgehaltene Texte, einst wirklich gelebter Überlieferungen. Doch …

Menschen mit einer heiligen Schrift haben sich über diejenigen gestellt, die volkstümlichen Traditionen angehörten, unabhängig vom Reichtum ihres Mythos und Zeremoniells.“ (Gary Snyder, Lektionen der Wildnis)

Das „sinnlose“ Sein überwinden müssen, für einen „sinnvollen“ erdachten Willen?

Der neue Mensch, Die Edda, vergessene Pfade