I / Alle Götter in mir! 2019-09-11T20:34:18+00:00

Project Description

I / Alle Götter in mir!

Gehör erbitt ich   aller heiligen Geschlechter,
höhrer und mindrer    Söhne Heimdalls;
du willst, dass ich, Walvater,    wohl erzähle
ält’ste Kunde der Wesen,     derer ich mich erinnere.[1]

“Tristan und Isolde”, “Orpheus und Eurydike”, “Penthesilea”, “Die Orestie”, “Der Herr der Ringe”, “Narnia”, “GOT” … allen Opern, Theaterstücken, Filmen, Liedern und Gedichten unserer zivilisierten Welt, liegen Bilder und Symbole aus uralten Mythen zugrunde. Diese sind die Spiegel aller innerweltlichen Konflikte der Menschen seit Beginn aller Tage und bestehen so unverändert fort. Denn jedes Stück Unterhaltung oder Kunst, für das ich mich begeistere – in Abwehr, Spannung, Interesse oder Begierde – ist geschaffen aus Menschen, von Menschen, für Menschen, jenen im Wesen und Kern uralten Menschen – dem alten Adam[2]. Sie bringen all die Leben meiner verborgenen Existenz, im Schatten meines beschränkten bewussten Seins zum Singen. So erklingt im unendlich weiten, reichen Land tief in meinem Inneren, das Lied der Lieder – die „ält’ste Kunde der Wesen, derer ich mich erinnere“, in seiner ganzen archaischen Dramatik. Es ist das Lied des Lebens aus Überfluss und Tod, das Lied vom Rad der Fortuna – Glück und Unglück verteilend, das Lied von Eis und Feuer[3], das Lied vom Sein mit meinen Gegensätzen schlechthin. Es erzählt von den in verschiedenen Intensitäten immer wiederkehrenden Situationen, in denen ich mich in den Widersprüchen meines Lebens aufzureiben drohe, zwischen denen mein wunschverhaftetes[4] Selbstbild entlarvend zerbröselt, gleich rostigem Eisen im taufeuchten Wald. Dieses Lied singt vom gefahrstillen Abwärtsstrudel im tobenden Ozean, aus dessen Untiefen vielleicht allmählich majestätisch, neues unverwundetes Land auftaucht. Ein neues Land aus altem geboren. Für diesen Moment erwacht das Paradies aus hundertjährigem Schlaf, für eine Nacht blühen alle Blüten aller Potentiale in mir. Ich regeneriere mich labend, schöpfe frische Kraft für den neuen Umlauf der ewigen Melodie.

„Sähe die Geschichte den Menschen nicht nur als historisches Wesen, sondern als lebendiges Symbol […] sie würde uns den Weg bahnen zu einem neuen Erwachen, zu einem Wiedererringen der archaischen Symbole und Archetypen, die, lebendig oder versteinert, in der religiösen Überlieferung der gesamten Menschheit vorhanden sind. […] So könnte der moderne Mensch auch die Symbolik seines Körpers wiederentdecken, denn sein Körper ist ein Anthropokosmos. […] Erlangt der moderne Mensch ein neues Bewusstsein von der ihm eigentümlichen anthropokosmischen Symbolik (die nur eine Spielart der archaischen Symbolik ist), so erringt er eine neue Daseinsdimension, von der der zeitgenössische Existentialismus und Historizismus nicht das geringste wissen: eine Seinsweise der Wahrhaftigkeit, eine authentische und gesteigerte Seinsweise […].”[5]

Das alles in mir. Jederzeit findet sie statt, die wahre Geschichte. Und weil ich Mensch bin, beginnt erneut mein Werk aus Zerstörung und Aufbau.

[1] Die Weissagung der Seherin – Völuspa, in Die Götterlieder der älteren Edda, übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Arnulf Krause, Reclams Universal – Bibliothek Nr. 18426, 2018, S. 10

[2] Das Bild vom „alten Adam“ fußt auf der Bibel und ihrer Vorstellung vom „alten Menschen“ in seiner Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit, an dessen Stelle der neue Mensch treten soll. „…ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus.“ (Kol.3,9). Vom „alten Menschen“ spricht man, wenn man den Menschen mit allen seinen Schwächen beschreiben will. Den „alten Adam ausziehen“ heißt so viel wie seine „Fehler ablegen“ und ein neues (gottgefälliges) Leben beginnen. Quelle: Universal Lexikon, deacademic.com

[3] Das Lied von Eis und Feuer, im Englischen A Song of Ice and Fire, ist eine Fantasy-Saga des US-amerikanischen Autors George R. R. Martin. Dieses Buch bildet die Vorlage zur Erfolgsserie Game of Thrones.

[4] Jakob Grimm bringt den Namen Wotan (Odin) aus der nordischen Mythologie etymologisch u.a. mit dem Begriff Wunsch in Verbindung, Jakob Grimm, Deutsche Mythologie, Kap VII Wuotan, 1875

[5] Mircea Eliade, Ewige Bilder und Sinnbilder, Über die magisch-religiöse Symbolik, Insel Taschenbuch 1998, Erstausgabe Paris 1952, S.39ff