V / Anfängergeist 2019-06-20T18:43:25+00:00

Project Description

Nichts was mich unterhält, existiert ohne meinem immer währenden inneren Drama. Hinter aller Inszenierung des Welttheaters jedoch, verstecken sich die Mythen der Kulturen – die wahren Geschichten, die die große Zeit offenbaren. Sie tragen das leuchtende Purpurgewand im Sonnenglanze des gewohnten Lebensschein und wirken doch eifrig treibend, aus dem sumpfigen Urgrund der Zeitlosigkeit schlechthin.

”Der Mensch vermag sich anscheinend im Weltall nicht zu behaupten, ohne an irgendeine Fassung des allgemeinen Mythenerbes zu glauben. Ja, die Erfülltheit seines Lebens scheint sogar in direktem Verhältnis zur Tiefe und Weite nicht etwa seines rationalen Denkens, sondern seiner Mythologie zu stehen. […] Denn es ist eine Tatsache, dass die Mythen unserer verschiedenen Kulturen als energiefreisetzende, lebenstreibende und -lenkende Kräfte auf uns einwirken, ob bewusst oder unbewusst.”[1]

Die Mythen bringen die Kunde der ältesten Wesen, derer ich mich erinnere ungefragt in das Heute. All ihre Wesen, spielen das alte Lied der Lieder im heiligen Ernst, das wichtige Leben verlachend. Und ihr Spielen, das ist:

“ … ein Schritt hin zur eigenen Wahrheit, der Geist wird befreit, nicht von irgend etwas […] sondern zu etwas, etwas Frischem und Neuem: einer spontanen Tat.”[2]

Spielen zeugt vom Ursprung der Menschenkultur, der Quelle unter dem heiligen Baum in dem die Nymphen baden und mich erwarten. Ihr Gesang, ihr Werben, Bitten und Flehen, zieht mich in das Verderben.

„Sage vergeht nie ganz, die verbreitete, welche der Völker redende Lippe umschwebt: denn sie ist unsterbliche Göttin.“[3]

Ich erkenne mich wieder in ihr und erlebe die unendlichen Weite des kindlichen Augenblickes im Zentrum der Welt. Ich bin eine Sommerwiese im Blütenrausch, ein kolossaler Walfisch in den strömenden Tiefen des unendlichen Ozeans, ein Vogel auf dem Wind liegend, gleite durch die Lüfte. Ich stehe wieder am Anfang, jungfräulich und leer. Ich, der ewige Anfänger, dem nie etwas gelang.

“Im Anfängergeist gibt es keinen Gedanken: “Ich habe etwas erreicht.” Alle selbstbezogenen Gedanken grenzen unseren unendlich weiten Geist ein.”[4]

In meinem so unendlich weiten kindlichen Anfängergeist, bin ich in meinem reinsten Sein, erneut mit allen Wesenskräften ausgestattet. Für diesen Augenblick der Unendlichkeit, spiele ich das alte Lied gänzlich in mir.

“Alles in uns, – wir sind, »aus den Strudeln aller Abgründe, von den Sternen aller Himmel«, – alle Götter in uns, – wir sind erfüllt von Einem, das mächtiger, unheimlicher und größer ist als wir selbst. Ich kann nur suchen, mich gut mit ihm zu stellen […] Auf die richtige Form des Umgangs kommt ebensoviel an, denn es ist das Mächtige und Vielgesichtige, Vielgliedrige in mir selbst […] Wenn sein uns zugekehrtes Gesicht uns lächelt, trägt ein anderes, das es uns gnädig abgewendet vorenthält, die grauenvollen Züge, die uns versteinen. In allen Gebärden spielt es zugleich, in liebender Fürsorge, schreckender Gewalt und weltüberhobenem Gleichmut; das Weibliche und das Männliche, das Lockende und das Mütterliche, das strahlend Heldische und das Hohnlachen der Vernichtung blitzen an ihm auf, darüber die göttliche Ruhe des Jenseits. Alle Tiergestalten in ihrer sprechend sinnbildlichen Gewalt des Dumpfen und Weichen, des Grausamen und Warmen, Reißenden und Sanften sind seine spielenden Facetten.”[5]

[1] Joseph Campell, Mythologie der Urvölker, DTV 1996, Originaltitel: The Mask of God: Primitive Mythologie, New York 1959, S.16

[2] Ebd. S. 43

[3] Hesiod, Werke und Tage, / Jhd. V. Chr., zitiert in Die Kinder – und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, Göttingen, 1850

[4] S. Suzuki, Zen Geist – Anfänger Geist, S. 23, Herder Spectrum Band 6090, 2012, Originaltitel: Zen Mind Beginners Mind. Informal talks on Zen meditation and practice, Weatherhill 1970

[5] Heinrich Zimmer, Indische Sphären, Rascher Verlag Zürich 1963, Erstauflage 1935, S. 183