Da wo Du nicht bist, ist das Glück

Da wo Du nicht bist, ist das Glück 2019-09-12T12:57:04+00:00

Project Description

“Der schlimmste Feind des Menschen ist der Mensch, immer bereit nach des Teufels Unterweisung Unheil anzurichten, sein eigener Scharfrichter, ein Wolf, ein Satan gegen sich selbst und andere. Kein Dämon kann so plagen, kränken und quälen wie der Mensch seine Mitmenschen. Wie oft verwende ich allen Scharfsinn darauf, mich zu Grunde zu richten und missbrauche dabei alle meine guten Gaben zum eigenen Ruin. Verloren in völliger Verderbtheit. Dein Verderben kommt aus dir. Perditio tua ex te.”[1]

Mit vernünftigen, funkelnden, geschliffenen Worten, zerstöre ich Mensch mich schleichend schon immer. Worte von Minderwertigkeit und Mangel als Ansporn zu neuem Schaffen. Unvollkommener unglücklicher Mensch, alter Adam, nie ausreichend ich mit mir. Nie im Moment. Nie entspannt im Augenblick. Immer im Werden, Wollen, Müssen. Immer erfolgwärts gerichtet, immer wunschwärts orientiert. Immer im Stress. Mit Selbstabwertung beflügle ich meinen Geltungsdrang, mein Glücksstreben – mit einem Extrem nähre ich das andere. Verharre unverstanden, meiner Sprache beraubt unverständlich, im stehenden Atemzug schwebend im über dem Abgrund, bar jeder Kraft und kein rettendes Ufer mehr sehend.

“Wo bist du, mein geliebtes Land,
Gesucht, geahnt, und nie gekannt?
Das Land, das Land so hoffnungsgrün,
Das Land, wo meine Rosen blühn;

Wo meine Freunde wandelnd gehn,
Wo meine Toten auferstehn,
Das Land, das meine Sprache spricht,
O Land, wo bist du? …

Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer, wo?
Im Geisterhauch tönt’s mir zurück,
„Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.“[2]

Mein Wille ist machtlos, meine Innenwelt den drängenden unmittelbaren Erfahrungen augenscheinlich nicht gewachsen. Die Zeit steht still und droht konstant mit dem endgültigen Ende. Tod. Doch ewig rettend, spielt die „Erlöserfunktion des Mythos ihre Rolle […] für jedes menschliche Wesen, das seinem Abenteuer lauscht.“[3] Die wahre Geschichte bändigt die Drohung der Zeit. Sie wird in mir erzählt, von mir hier und jetzt, wenn gar nichts mehr geht, wenn der Verstand verzweifelt ausgelaugt schweigt.

„Die wahre Geschichte ist es, die […] die große Zeit offenbart, die mythische Zeit, welche die wahrhaftige Quelle allen Seins und allen kosmischen Geschehens ist“[4]

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[1] Burton, 1651, S.77

[2] Georg Philipp Schmidt von Lübeck, Des Fremdlings Abendlied, 1808, Text zum Lied Der Wanderer, Komp: Franz Schubert, D 489 – Opus 4/1

[3] Eliade, 1952, S.71

[4] Eliade, 1952, S.70