III Das wörtliche Verständnis des Mythos zerstört seinen Sinn

III Das wörtliche Verständnis des Mythos zerstört seinen Sinn 2019-09-12T13:05:19+00:00

Project Description

Das wörtliche Verständnis des Mythos zerstört seinen Sinn[1].

Wissenschaftlicher Konsens ist heute: Mythen und Religionen sind zuerst poetisch zu lesen, als ein Symbol des Menschen im System der ihn bettenden Natur und seiner Entwicklung darin. Sie zeigen „das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst“[2], sind somit intrapersonelle Tatsachen und erst in zweiter Instanz historische. Ja, Mythen und Religionen sind menschliche Lebensäußerungen und keine Expeditionsberichte aus dem Inneren der Erdkugel, die im wörtlichen Verständnis nur noch zur Kleinkindunterhaltung taugen.

„[…] das Bild des verlorenen Paradieses, das plötzlich Umrisse gewinnt in der Musik eines Akkordeons – welch ein unwürdiges Studienobjekt war das doch! Aber diese Einstellung zeigte nur, wie sehr man vergaß, daß das Leben des modernen Menschen überströmt von halb vergessenen Mythen, von heruntergekommenen Hierophanien, von ihren Gefühlswerten beraubten Symbolen. […] Ein ganzer Müllhaufen von Mythologischem lebt in seinen unzureichend kontrollierten Seelenzonen fort.[…] der Mythos vom verlorenen Paradies, das Bild vom vollkommenen Menschen oder das Mysterium der Frau und der Liebe […] All das findet sich unter vielen anderen Dingen – doch wie sehr säkularisiert, abgewertet, übertüncht! – im halbbewussten Strom des alltäglichen Lebens: in den Tagträumen, in den Melancholien, im freien Spiel der Bilder […] Die abgewerteten Bilder bezeichnen den Ausgangspunkt, von dem aus die geistige Wiedergeburt des modernen Menschen beginnen könnte.”[3]

Doch traditionell patriarchal strukturiert und autoritätsgläubig abhängig, beschäftigen sich darstellende KünstlerInnen akribisch mit dem wörtlichen Verständnis des Mythos, d.h. mit der sichtbaren, rational erfassbaren Geschichte. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem Erforschen von Ursache und Wirkung, Schuld und Unschuld, Ort, Zeit, Zusammenhänge usw., nicht aber der unsichtbaren, vielschichtigen, menschlichen Lebensäußerung, die die eigentliche gigantische, versteckte und selbst unterdrückte! Kraft hinter jedem Mythos ist. Stattdessen stecken sich die immer gleich agierenden Darsteller, einfach in neue Kostüme vor wechselnden Hintergründen. Gewaltige, unfassbare Landschaften werden Kulissen für die Inszenierung der Story – vernünftig, wirkungsvoll aufbereitet, verständlich in Szene gesetzt und durch Pseudogötter (Stars) personifiziert. Leicht konsumierbare Unterhaltung. Kein Geld da, kein Publikum für den gefahrvollen Widersinn poetischer Tiefe. Demokratie rein rechnerisch verstanden, kann diktatorisch werden. Worte werden geübt, Lebensläufe erfunden, Rollen entwickelt, Betonungen und Gesten trainiert. Praktische Arbeit an der Spaltung der Seele, statt im Urvertrauen auf den ganzen Menschen als komplexes Wesen und wissender Organismus.

The show must go on
The show must go on (yeah yeah)
Ooh, inside my heart is breaking
My make-up may be flaking
But my smile still stays on
Yeah[4]

Ich werde auf die Schauspielarbeit nach Stanislawski[5] nochmals in Denken I eingehen. Die daraus entstandenen Methoden und Techniken, beruhen auf einem äußerlichen, zielorientierten, linear denkenden Zerlegen der Textvorlagen für das naturalistisch (authentisch) wirkende Vorspielen der Geschichte. So wird der erzählte Mythos seiner großen archaischen Aufgabe allerdings nur noch zufällig gerecht. Vergleich: das ist ein wenig so, als würde ein Religionswissenschaftler die Jungfrauengeburt oder Auferstehung Christi jenseits ihres Symbolcharakters als historische Tatsache erklären. Damit macht er sich lächerlich. Das ist ja schon genau so geschehen durch die Kirche, mit dem Ergebnis das das eigentliche große Bild, gänzlich seine Strahlkraft verliert und absurd sinnlos wirkt. Wahrheit und Weisheit – das Paradies wird ein infantiler Traum, wiederholt in endloser Beliebigkeit. Halten wir wirklich weiter so dogmatisch an unseren „alten“ Traditionen fest? Ist es das wert – der blutige Mythos nur noch als perfekter Schein, austauschbare Massenware für eine möglichst homogene Zielgruppe? Befreit von jeder irritierenden, widersprüchlichen, phantastischen, unverkäuflichen und somit revolutionären Welt? Jede Weltreligion hat ihr Dogma dafür, als Leitstern und letzte Gewissheit.

“Ein Dogma ist immer das Resultat und die Frucht von vielen Geistern und vielen Jahrhunderten. Es ist gereinigt von allem Bizarren, von allem Unzulänglichen und Störenden der individuellen Erfahrung. Aber trotz alledem, ist die individuelle Erfahrung, gerade in ihrer Armseligkeit, unmittelbares Leben, sie ist das warme, rote Blut, das heute pulsiert. Sie ist für einen Wahrheitssucher überzeugender als jede Tradition. […] Und ein lebendiger Geist wächst und überwächst sogar seine eignen alten Formen […] Neben diesem ewig erneuerten Leben des Geistes, der auf vielfachen und unbegreiflichen Wegen durch die Geschichte der Menschheit sein Ziel sucht, wollen von Menschen festgehaltene Namen und Formen wenig sagen, sind sie doch nur die wechselnden Blätter und Blüten am selben Stamme des ewigen Baumes.”[6]

Letztendlich entscheide ich selbst, was mir wichtig ist. Meine Erfahrung entscheidet. Punkt. Und ich? Lebe weiter als Menschmaschine, als Teilmensch, als wäre ich glücklich und zufrieden mit mir. Kein Problem. Ich bin anerkannt, ich schreibe Autogramme, ich werde im Supermarkt angehimmelt, mein Konto explodiert nach oben. Ich bin wer. Wissenschaftlich denkendes Menschfragment ich, habe mich eingesperrt in einem Lebenskäfig aus Zeit und Gewohnheit, jenseits meiner kreatürlichen Vollständigkeit: voll und ganz Kulturmensch. Yolo[7]. Mensch zelebriert sich selbst im Kreis als geldwertes Objekt seiner eigenen Begierde. Jedes Deo überdeckt noch meinen tierischen Stallgeruch.

“Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.”[8]

Zum Verlassen des Käfigs ist ein Paradigmenwechsel in meinem Denken erforderlich. Der Weg führt in die Innenwelt, die wirkliche Realität. Welcher Wahnsinn eröffnet sich mir, wenn ich dieses Bild ungebremst in meinen Körper einlasse und spürend erfahre. Analog, weg von der Literatur in die Welt da draußen– die Ratte, die Giraffe im Zoo, der getötete Thunfisch, das Milchvieh, der bezwungene und zugemüllte Himalaya Gipfel, der viel befahrene Ozean, der begradigte, ausgebaggerte Fluss – alles in mir. Was wird möglich, verlasse ich meine mich überhöhende Position des reflektierenden Subjektes, das ein Objekt analysierend betrachtet, für eine wechselseitige Beziehung in Verbundenheit?

”Das Paradox der Kultur lautet: Um vollständig Mensch zu werden, benötigen wir […] das wechselseitige Verbundensein mit anderen Lebewesen. Um Mensch zu sein, müssen wir Tier werden, Stein, Wasser, ja, Welt. Das Tröstliche besteht darin, dass wir das alles schon sind. Wir müssen uns nur darauf einlassen.[9]

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[1] Vgl. Campbell, Mythologie der Urvölker, 1959

[2] Der Autor von Das Lied von Eis und Feuer (Game of Thrones) hat wiederholt geäußert, dass für ihn das Leitthema jeder Erzählung das „menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst“ sei (the human heart, in conflict with itself); nur darüber lohne es sich zu schreiben, wie es William Faulkner bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur ausgedrückt habe. Ian Irvine: George R R Martin: Tolkien for the 21st century. In: Independent, Quelle: wikipedia

[3] Eliade, 1952, S.19ff

[4] Brian May, Queen, Album Innuendo, 1991

[5] Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, (1863 – 1938) russischer/sowjetischer Schauspieler, Schauspiellehrer, Regisseur, Theaterreformer. Das „Stanislawski-System“, Resultat seiner Arbeit, hatte prägenden Einfluss auf die Methoden von Stella Adler, Lee Strasberg, Stanford Meisner und bildet damit heute die Basis der Lehre für angehende SchauspielerInnen.

[6] Jung, Psychotherapie und Seelsorge, 1940, Abs.538, S.355

[7] You Only Live Once

[8] R. M. Rilke, Der Panther, erschienen in “Neue Gedichte”, 1907

[9] Weber, 2016, S.137