XIV Die Form der Weltüberlegenheit

XIV Die Form der Weltüberlegenheit 2019-09-13T15:01:39+00:00

Project Description

Das ist die Idee, das ist der Gedanke:

“Souveränität gegenüber dem Zwange der Natur, auf irgend etwas, Gefahr oder Lockung, Trieb oder Störung, reagieren zu müssen, ist das Ziel. Es geht um die Überwindung des Leibes als der Sphäre der Kreatürlichkeit und um die Anbildung einer unmenschlichen Haltung als Form der Weltüberlegenheit. […] Hier kämpft ein Wille um völlige Freiheit von Ich und Umwelt.”[1]

 

“Faust
Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
Es ist die Menge, die mir frönet,
Die Erde mit sich selbst versöhnet,
Den Wellen ihre Grenze setzt,
Das Meer mit strengem Band umzieht.

Mephistopheles
Du bist doch nur für uns bemüht
Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;
Denn du bereitest schon Neptunen,
Dem Wasserteufel, großen Schmaus.
In jeder Art seid ihr verloren; –
Die Elemente sind mit uns verschworen,
Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.

Faust
Aufseher! –

Mephistopheles
Hier! –

Faust
Wie es auch möglich sei,
Arbeiter schaffe Meng‘ auf Menge,
Ermuntere durch Genuß und Strenge,
Bezahle, locke, presse bei!
Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,
Wie sich verlängt der unternommene Graben.

Mephistopheles
Man spricht, wie man mir Nachricht gab,
Von keinem Graben, doch vom Grab.

Faust
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär‘ das Höchsterrungene.
Eröffn‘ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.”[2]

Wer diese Sätze versteht, versteht zivilisiertes Glücksstreben. Schaffe, schaffe Häusle baue. Junge, Du willst doch mal was werden. Aus Dir soll mal was Gescheites werden und keine gescheiterte Existenz. Hast Du denn gar keine Idee, keinen Gedanken, was Dich begeistern kann? Willst Du denn gar nichts Bleibendes schaffen?

“Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein. Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.”[3]

„Der neue Mensch“ – eine abstrakte Vorstellung meines „zivilisierten“ menschlichen Geistes von Vollkommenheit. Mit dieser fixen Idee im Kopf, jener unerreichbaren Zielsetzung, gestalte, forme und verändere ich aktiv handelnd gewaltsam, die mich umgebende Welt und mich selbst. Anthropozän[4].

“Gott ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall, dessen Peripherie aber nirgends ist. Als menschliche Erscheinung ist er Heros und sündenloser Gottmensch, also vollständiger und vollkommener als der natürliche Mensch. Er überragt und umfasst diesen, der sich zu ihm verhält wie ein Kind zum Erwachsenen, oder wie ein Tier (Schaf) zum Menschen. […] Der Inhalt solcher Symbolgebilde ist die Vorstellung eines überragenden, umfassenden, vollkommenen oder vollständigen Wesens, welches entweder durch einen Menschen mit heroischen Eigenschaften oder durch ein Tier mit magischen Attributen oder durch ein magisches Gefäß oder eine sonstige “schwer erreichbare Kostbarkeit” […] oder direkt geometrisch durch das Mandala dargestellt wird. Diese archetypische Vorstellung entspricht einer als unbewußtes Bild vorhandenen Ganzheit des Individuums, das heißt des Selbst.”[5]

Und jetzt kommt der Mensch, mit seinem wörtlichen Verständnis des Mythos und legt weltverändernd los. Das geht so seit einigen tausend Jahren.

Gedachter Ausgangspunkt: Unvollkommener Mensch, triebgesteuertes Wesen, das schwache Geschlecht der feuchten schmutzigen Erde, die ewige Sünderin, die Verführung, Neugier und Versuchung, die Schwäche, die personifizierte Todsünde hin- und hergeworfen zwischen Leid, Hilflosigkeit, Zorn, Trauer, Hass und Liebe, Glück, Begeisterung, Lust. Der alte Adam, der alte Mensch, der permanente Sündenfall. Ein wandelndes Schuldbuch, eine einzige Unterlassung, ein „faultierhafter Neger“[6] – unfähig Werte, Bleibendes zu schaffen, keine Spuren hinterlassend, ohne Gedanken an das was wird oder war. Ständig seiner unergründeten Tiefe ausgeliefert in „unfreiwilliger Teilhabe“[7]. Dem kollektiven Unbewußten fest verhaftet. Nein, mit einem solchen Menschen ist kein Staat zu machen, kein Acker zu bestellen, kein Handel zu treiben, ewig von der Hand in den Mund, nein das geht so nicht weiter. Ein neuer Mensch muss her! Das Gegenteil! Ein radikaler Gegenentwurf zum „alten“ Menschen, der sich nicht „ersäufen“[8] lässt.

Gedachtes Ziel: Der neue Mensch: Von der Jungfrau in Heiligkeit geboren – Vollkommener Mensch, Idealmensch, Herrenmensch, Übermensch. Lenker und Beschützer voll Mitgefühl, Liebe und Gerechtigkeit – ein (selbst)beherrschtes Mannsbild, ein starkes Geschlecht, ein König, ein Kaiser: dem EINEN GOTT GLEICHES Selbstkonzept zur Gestaltung meines Ich und der Welt. Der neue Adam, adam secundus, DER NEUE MENSCH, Der vollkommene Mensch, der im Lichte lebt.

Realität: Immer im Stress, immer in der selbst aufgezwungen Entwicklung und Behauptung, immer hungrig, immer wunschwärts, erfolgwärts gerichtet, immer gespannt auf Erfolge und Mißerfolge. Ein Start – Ziel Konzept der Sicht auf mich, andere und die menschliche Gesamtheit, bei der das Ziel nach menschlichem Ermessen nie in diesem Leben erreicht werden kann. Daraus folgt Gewalt als Voraussetzung für das Erreichen von Ergebnissen. Gewalt gegen das was ich bin und werde und vielleicht nicht sein will. Immer in der Anstrengung, im Wachstum, im Fortschritt. Das ist der neue Mensch, die „Ganzheit des Individuums“?

“Fütter mein Ego! Fütter mein Ego! Fütter mein Ego!
Ich bin 6 m gross und alles ist wichtig
Ich bin 9 m gross und alles ist mehr als wichtig
Ich bin 12 m gross und alles ist unvorstellbar

Fütter mein Ego Fütter mein Ego! Fütter mein Ego!
Ich bin das ganze chinesische Volk und Yü-Gung kann Berge versetzen
Bin 6m gross
Bin 9m gross
Bin 12m gross
und Fütter mein Ego Fütter mein Ego! Fütter mein Ego!” [9]

 

Gemeinsamer Nenner des Christentums, sowie der faschistischen und kommunistischen Sozialutopien der Moderne, ist die Herausbildung eines vollkommenen Menschen, der sich aus den Zwängen der Natur befreit hat. Dazu gehören das erlebte Ausgeliefertsein an seinen eigenen Gefühls- und Hormonhaushalt, die biologischen Grenzen der menschlichen Physis bei der Umsetzung seines Willens, der Alterungsprozeß (Verfall der Schönheit) und der unvermeindliche Tod. Der Mensch der sich diesen Unabwendbarkeiten im hingebenden Kreislauf fügt, das ist der alte Mensch. Der sie überwindet durch Wille, Glaube, Training, Kampf – das ist der neue Mensch. Das Christentum überwand durch den radikalen Vollzug eines keimenden Paradigmenwechsel hin zum historischen, linearen Denken, durch Behauptung, Gedanke, Blut und Wort, missionarisch gewaltsam den „alten Glauben“ und ebnete unserer modernen Zivilisation den Weg. Die Sozialutopien überwanden schließlich ebenfalls durch Behauptung, Agitation, Propaganda und Gewalt einen „alten Glauben“, ganz in dessen Geiste. Doch das Innenleben der Menschen lässt sich offensichtlich nicht so einfach überwinden, auch wenn ich es noch so oft behauptend herbeirede und stattdessen, der wilden Natur, also meiner Umwelt meine willentliche Form aufnötige und sie damit schrittweise zerstöre. Am Ende bin ich tatsächlich am Ziel und habe auch mich zerstört. Davon zeugen die großen Weltkriege und der Klimawandel aktuell. Unsere über Jahrhunderte antrainierten Verhaltensweisen im Vertikalzwang der Selbstoptimierung wirken selbstzerstörerisch. Das ist meine Erfahrung.

„Die menschliche Natur wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird zum Teufel gejagt, die Natur wird kurzerhand negiert. Ihnen geht es nicht um die Menschheit, die eine historische, lebendige Entwicklung zurücklegt und aus sich heraus schließlich eine normale Gesellschaft entwickelt, sondern umgekehrt um ein soziales System, Ausgeburt eines mathematischen Hirns, das der ganzen Menschheit Wohlstand bringt und sie im Nu gerecht und sündenfrei macht, unter Umgehung jedes lebendigen Prozesses, jedes […] lebendigen Weges.[…] Daher auch ihre Antipathie gegen den lebendigen Prozeß des Lebens: Weg mit der lebendigen Seele. Die Lebendige Seele verlangt Leben, die lebendige Seele richtet sich nicht nach der Mechanik, die lebendige Seele ist verdächtig, die lebendige Seele ist konservativ! […] Mit Logik allein kann man sich über die Natur nicht hinwegsetzen. Die Logik rechnet mit drei Möglichkeiten, aber deren gibt es eine Million!“[10]

Die so lange kultivierte und tief in uns verankerte individuelle Unzufriedenheit mit sich selbst und deren scheinbar mögliche Eliminierung durch konkrete historische Taten, ist heute der Nährboden für die Extreme der Sozialutopien und Religionen, die Kriege, den Populismus, die esoterische Glücksindustrie und vor allem, für die vom Wachstum zwingend abhängige Konsumgesellschaft. Sie alle gehen Hand in Hand und bedingen einander, trotz aller äußeren Unterschiede – Brüder im Wesen.

„Die menschliche Weltgeschichte besteht von Anfang an in einer Auseinandersetzung des Minderwertigkeitsgefühles mit der Selbstüberhebung. Die Weisheit sucht die Mitte und büßt dieses kühne Unterfangen durch eine mißliche Verwandtschaft mit Dämon und Tier und leidet darum an moralischer Mißdeutbarkeit.“[11]

Wir aber erstreben eine saubere, äußere, moralische Ordnung in der Selbstüberhebung, die einem maskenhaften Scheintod entspricht. Noch jeder kann seinen Reinlichkeitswahn ungeniert ausleben und gleichzeitig Gallonen sauberen Wassers verseuchen, mit keimtötenden Säuberungsmitteln, die perfekten Glanz suggerieren in einer geordneten Welt der leeren Kunsträume. Das Tier, das derart durch mich, in mir stirbt, wird nachher in meinen Museen oder Zoologischen Gärten ausgestellt werden. Der Coyote in der New Yorker Galerie[12]. Ein den Weißen Einwandern verhasstes Tier, den Natives ist es heilig, wird schamanisches Kunstobjekt in weißer, zivilisierter Scheinwelt. Ob die Gäste der New Yorker Galerie im Soho des Jahres 1974 sich erkennen konnten, in der Kunstaktion des Beuys?

„Wirklich am Leben zu sein, bedeutet, sich mitten in der Unordnung zu befinden, über die ständig verhandelt werden muß. Das ist die arttypische Weise, in der Homo sapiens seine Widersprüche austrägt. […] Es gilt die einander widerstrebenden Aspekte der gelebten Realität sorgfältig miteinander auszuhandeln, schutzloser zu werden, zu geben, nicht in größerem Maße zu erhalten. Das bedeutet eine Praxis des “Lebens”, die das Gegenteil esoterischer Klischees ist. Sobald wir Natur als Inbegriff sowohl von Freiheit, als auch von Notwendigkeit akzeptieren, können wir sie nicht länger als sicheren Hort moralisch gehobenen, schönen und gesunden Verhaltens betrachten. […] Jedes Streben nicht nach Verbindung, sondern nach Perfektion steht außerhalb von Schöpfung. Es ist der Versuch einer Kontrolle des Lebendigen, der unvermeindlichen Tod produziert. […] So gesehen ist das Leben stets “Komplettes Desaster”. [13]

Anders formuliert, das Wesen der Künste ist eine Poesie des Scheiterns, die gelebt werden möchte. Kunst kann nicht das ausschließliche Streben nach Perfektion sein, sonst wird Kunst künstlich oder Kunsthandwerk. Ein Künstler, in meiner Lesart: jeder lebendige Mensch, der einem eigenen Bild der Vollkommenheit folgt, beraubt sich seiner spielerischen Wurzeln und verendet in der Starre der eigenen Form. Er trägt ein Gesicht zur Schau, das nicht seinem wahren Wesen entspricht. Sein Körper ist deformiert und begrenzt durch die Zwänge, der selbstgesetzten Norm.

„Der Glaube an ein fortschreitendes kollektives Vollkommenerwerden der Welt blieb bislang das Rückgrat des Abendlandes: religiös in der Idee der Ecclesia militans und ihrer Weltmission, säkular im Fortschrittsglauben der Humanität, materiell im Rausche der weltverbindenden Technik. In der westlichen Kunst hat das Dämonische kein Lebensrecht mehr in der Sphäre des kollektiven Ausdrucks, des repräsentativen Betriebes; es flüchtet in die Form von Kitsch und Schmutz […]  an denen sich das Zeitkind erlabt, indem es sich dabei schämt oder selbst verlacht; – oder es lebt in der Kunst Vereinzelter als individuelle Explosion: als Wahrheit begehrt, aber abseits […]  Die offizielle Kunst Europas, die seine Ideologie repräsentiert, ist im Leerlauf […] verödet.“[14]

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[1] Zimmer, 1935, S.63

[2] Goethe, Faust II, 5. Akt, 6. Szene, 11539 – 11576, 1832

[3] 2 KOR 5,14-20

[4] Der Ausdruck Anthropozän (zu altgriechisch ἄνθρωπος ánthropos, deutsch ‚Mensch‘ und καινός ‚neu‘) ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche: nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Quelle: wikipedia

[5] Jung, 1940, Abs.229-230, S.173 in Psychologische Deutung des Trinitätsdogmas

[6] Kolonialbegriff, vgl. Gottfried Mergner, Unser Nationales Erbe des deutschen Kolonialismus, Rassistische Bilder – Mitleid mit den Opfern – die Unschuld der Erben, in Ein Herrenvolk von Untertanen, 2006

[7] Vgl. Zimmer, 1935

[8] Martin Luther im kleinen Katechismus: „Den Alten Adam in täglicher Reue und Buße zu ersäufen“ oder weiter überliefert ist sinngemäß „Ich dachte den alten Adam ersäuft zu haben, aber das Aas kann schwimmen.“

[9] Songwriter: Alexander Hacke / Blixa Bargeld / Andrew Chudy / Mark Chung / F. M. STRAUSS Songtext von Yü-Gung (Fütter mein Ego) © Freibank, THE ROYALTY NETWORK OBO FREIBANK MUSIKVERLAGS, SUMMERY MUSIC PUBLISHING LTD

[10] Dostojewski, Verbrechen und Strafe, Monolog Rasumichin, 1866, S.345f

[11] Jung, 1959, Abs.421, S.247 in Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen

[12] Vgl. Joseph Beuys, “Coyote: I like America and Amerika likes me”, Galerie Rene Block, New York, 1974, „Why do I work with animals to express invisible powers? – You can make these energies very clear if you enter another kingdom that people have forgotten, and where vast powers survive as big personalities.”, Kuoni, 1990, S.141

[13] Weber, 2016, S.121ff

[14] Zimmer, 1935, S.89