VII / Heldentum ist innerlich 2019-08-19T17:14:36+00:00

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VII / Heldentum ist innerlich

Welchen Raum gebe ich der wiedererwachenden, fragilen Phantasiewelt in mir und wie schütze ich ihre/meine Wesen vor meinem Streben nach dem “Neuen Menschen”, dem “neuen Adam”? Jenem unerreichbaren Menschideal unserer überheblichen, objektzentrierten Kulturgeschichte, in dem ich konditioniert bin? Wie vollbringe ich diese Heldentat?

“Es ist vollbracht,
[…]
der Held aus Juda siegt mit Macht
und schliesst den Kampf.
Es ist vollbracht.”[1]

Bleibe ich beim Alten, besinge und bestaune die Heldentat als begreifbare, stattgefundene, abgeschlossene Geschichte eines Anderen, die ich mir seitdem für mein Seelenheil nützlich erklären kann? An die ich mich zyklisch oder bei Bedarf beruhigend erinnern kann? Dann hat Jesus tatsächlich mit seinem Tod, die Sünden der Welt aller Zeiten, auf sich genommen.

Oder singe ich selbstverantwortlich von mir, dem immerfort tobenden unbegreiflichen Kampf der Figuren des Mythos in mir? Brauche ich dafür Wunderwaffensysteme und absurd aufgerüstete Armeen mit geschliffenen Elitekämpfern? Nein.

“Die seltene Erscheinung des wahren Helden tritt über den Horizont, der keiner Götterhilfe, keiner Zauberwaffen bedarf, der nicht erbebt wo alle zittern. […] Aber was er Einziges, Unerhörtes ist, vermag er einzig aus sich selbst. […] Heldentum ist innerlich: in uns wird überwunden oder nirgendwo.”[2]

Jeder einzelne Mensch ist Träger des Mythos. Das ist Fluch und Segen. Jeder Mensch ist ein Kunstwerk, ein Held. Jeder Mensch nährt potentiell in sich das Göttliche und das Dämonische. Diese Tatsache ist erfahrbar und bestimmt meinen Auftritt, das WIE IN DIESER WELT. Wie gestalte ich diese Welt beseelt und lebendig?

“[…] die Beachtung der Rechte des Anderen und der Abbau des Wunsches, alles nach der eigenen Vorstellung zu gestalten […] ist auch die Voraussetzung der Versöhnung zwischen Mensch und Natur: Weniger die Natur beherrschen wollen als mit ihr leben und sich von ihr leiten lassen”[3]

Entscheide ich mich für das gestaltende Leben in der Zeitspanne zwischen Geburt und Sterben im Rahmen unserer Zivilisation? Was wäre, wüsste ich, morgen bin ich tot. Gäbe es wirklich ein weiter so? Ich würde das Leben genießen. Jeden einzelnen Widerspruch feiern – jetzt. Jeden Moment atmen als wäre er der letzte, als wäre er ewig. Mich in Dir sehen und Dich sehen – Mensch, Tier, Wesen, Ding. In Beziehung treten zu dem WAS IST, nicht was wird, nicht was soll. Nicht mehr mich selbst beweisen, nicht mehr mich selbst behaupten. Mich akzeptieren und mal den Druck rausnehmen, jemand sein zu müssen. Akzeptieren mit Allem was ist. Die letzten Minuten in der epischen Dauer der Heldentat aufgehen. Poetisch, spielerisch, wertfrei den Tod annehmen und aufheben, in der Ewigkeit der mythischen Zeit.

“Entflieht der Mensch seiner geschichtlichen Bedingtheit, so entsagt er nicht zugleich seinem Menschsein, um sich in der “Animalität” zu verlieren; er findet die Sprache, manchmal auch das Erleben eines “verlorenen Paradieses” wieder. Die Träume, die Tagträume, die Bilder die seine Heimwehgefühle begleiten, seine Sehnsüchte, seine Begeisterung, all das sind Gewalten, die den in seine geschichtlichen Bedingtheiten eingesperrten Menschen in eine geistige Welt entrücken, die unendlich reicher an Geist ist, als die geschlossene Welt seines “geschichtlichen Moments.”[4]

Brechen wir auf in das Paradies und werden riverrun mythmakerz.

[1] Johann Sebastian Bach, Johannes-Passion, BW 245, 1724, Akt IV, Kreuzigung und Tod

[2] Heinrich Zimmer, Indische Sphären, Rascher Verlag Zürich 1963, Erstauflage 1935, S. 69

[3] Paul Goodman über die anarchistische Gesellschaftsordnung in Blankertz Der kritische Pragmatismus Paul Goodmans, S. 52, Köln 1989, zitiert in Portele, Der Mensch ist kein Wägelchen, S. 85, Edition Humanistische Psychologie, Köln 1992

[4] Mircea Eliade, Ewige Bilder und Sinnbilder, Über die magisch-religiöse Symbolik, Insel Taschenbuch 1998, Erstausgabe Paris 1952, S. 14