II Geschöpfe die nun vom Aussterben bedroht sind

II Geschöpfe die nun vom Aussterben bedroht sind 2019-09-12T12:55:15+00:00

Project Description

„Diese ewige Rückkehr zu den Quellen des Heiligen und Wirklichen, rettet […] rettet die menschliche Existenz vor dem Nichts und dem Tod. […] Die ihres religiösen Gehaltes entleerte Wiederholung führt jedoch notwendig zu einer pessimistischen Sicht der Existenz. Die zyklische Zeit, die nicht länger ein Weg zurück  zu einer Situation des Anfangs, zur geheimnisvollen Gegenwart der Götter ist, die entsakralisierte zyklische Zeit, enthält einen schrecklichen Aspekt; sie wird zum Kreis der sich unentwegt um sich selbst dreht, sich ewig wiederholt.”[1]

Die Nymphen flohen! Die Muse ist tot. Das ist passiert. Das ist die große Krise. Ich höre nicht mehr zu, ich beurteile und bewerte mit Sachverstand, ich trockne den Sumpf aus. Die Quellen meines unendlich reichen Zauberlandes sind schon verdurstet, die Wälder vertrocknet, die Wiesen verbrannt. Die Wesen verschwunden. Die Dürre der Dogmen[2] wütet.

“The river’s tent is broken: the last fingers of leaf
Cutch and sink into the wet bank. The wind
Crosses the brown land, unheard. The nymphs are departed.”[3]

Würde ich spätestens jetzt dem archaischen Ursprung unserer zu erzählenden Geschichten bewusst gerecht werden, wäre das der rettende Regen. Wasser auf trockene Mühlen. Aber ich rede darüber, nicht mehr von mir. Ich bleibe beobachtend außerhalb meiner selbst, die sengende Glut des Klimawandels betrifft mich nicht. Ich trinke sauberes Wasser aus Plastikflaschen. Ich erstatte Bericht historisch. So macht man das. Ich verliere mich in Tätigkeiten vor Objektiven, auf Bühnen. Ich produziere mich selbst. Selfmademan. Objekt satt Subjekt. Der Mensch als Marke. Influencer. Fassade. Potemkinsche Dörfer.[4] Schein. Selbstverliebte Selbstdarsteller drehen sich unentwegt um sich selbst, in verbissenem Ernst und heiliger Attitüde, Quasigottheiten gleich beschreiten Sie rote Teppiche. Ein heimlicher Traum des Menschen?

“KLYTAIMNESTRA
[…] Teures Haupt,
Steig aus dem Wagen. Doch mir soll dein Fuß
Den Staub nicht rühren, Herr und Held von Ilion.
Nun kleidet sich in Purpur dir der Pfad
Ins unerhoffte Haus.

AGAMEMNON
[…]
Und ruf mit Deinem Purpur nicht den Neid
Auf mich herab. So ehrt man Götter nur.
Wie könnt, ein Sterblicher, ich ohne Scheu
Den Fuß auf diese Prachtgewebe setzen?
Als Mensch ehre mich und nicht als Gott.”[5]

Und das Beil seiner Gattin spaltet im Bade seinen Schädel.[6] Der König des aufsteigenden Jahres müsste fortan weiter sterben zur Sonnenwende in der Hitze des beginnenden Sommers, wie er jedes Jahr als Opfer starb – der König. Archaisches Rotationsprinzip[7]. Das brachte Herbst und Winter und Frühjahr wieder, statt endloser Sommerhitze. Doch das zyklische tödliche Ende verhindernd, präsentiert ein in blutiger Schlacht gewonnenes Ego, sich als menschlicher Mensch des Denkens. Neuer König, von Gottes Gnaden im ewigen himmlischen Lichte. Mensch. Und nun? Atlasgleich ruht die Erde auf Menschenschultern. Gott ist tot[8]. Unbegreifliches Reich der Phantasie, trockengelegt mit berechnender Vernunft in Furcht vor der unberechenbaren Erfahrung des hingebungsvollen Lebens. Ein langfristig toxischer Tod. Das große Sterben hat begonnen, schon vor undenkbaren Jahren in mir, in uns, in der Natur.

“Leben ist aber nicht nur ein erkenntnisgewinnender, sondern dabei immer auch ein, Erfahrungen in Strukturen verwandelnder Prozess.”[9]

Solche Erkenntnis deutet einen schweren Weg an. Ständig in Strukturveränderung, prägen Menschen aktiv handelnd ihre Umwelt, ihre Innenwelt schon Jahrtausende. Was ist aus dem Menschen geworden? Strebend schaffend verwandelnd durch Selbstkastration und Zwangssterilisierung.

„Was da vorgeht, ist primär eine In-Weltkrise und keine Umweltkrise. […] Demnach muss ein Versuch das Wesen der Krise zu begreifen von der Subjektivität handeln, davon also, aus welchem inneren Antrieb der Mensch Leben und Erde zerstört, und von der inneren Verfassung, aus der wir uns noch retten können.“[10]

Ist das Land der Wunder irreversibel zerstört? Was habe ich getan? Und wie? Kann ich das akzeptieren, was geworden ist? Kann ich mich akzeptieren, wie ich mich gestaltet habe und in jedem weiter Moment daran wirke? Kann ich die heutige Welt akzeptieren, wie ich sie mitverantworte? Ich suche Antworten für das Unfassbare.

„Geschöpfe die uns durch die Zeiten begleitet haben, sind nun vom Aussterben bedroht, da ihre Lebensräume – und der alte, uralte Lebensraum des Menschen – der zeitlupenartigen Explosion einer expandierenden Weltwirtschaft zum Opfer fallen. Falls unter uns das Kind ist, das weiß, wo sich das Herz dieses Ungeheuers versteckt, bitte lasst es uns berichten, wohinein wir den Pfeil schießen müssen, um dieses Monstrum aufzuhalten.“[11]

Es ist Zeit für den Freitod, mich Monster zu stoppen. Das Monster bin ich, der verdorrte Mensch im Aufwärtsstrudel der ewigen Bedeutsamkeit. Schlösser, Burgen, Denkmäler, Museen. Kulturrevolution[12]! Personenkult. Narzisstische Persönlichkeitsstörung[13]. Ich opfere meine Wichtigkeit. Ich erstrebe den Freitod meines unerlässlichen ICH. Mein Leid und mein Schmerz, von dem niemand wissen soll, leiten mich an.

“Ich bin die Wunde und der Stahl!
Ich bin der Streich und bin der Backen!
Ich bin das Beil und bin der Nacken!
Opfer und Henker jedesmal!”[14]

Ich bin das Kind und ich bin das Monstrum. Bin Verbraucher, Konsument, Marktschreier, Mörder und Gemordeter. Meine tote Seele höre ich nicht mehr.

„Wenn die Seelenschwäche der tiefste Grund für unser Festgefahrensein in der Megamaschine […] ist, dann macht die ökologische Krise, macht der Umstand, daß das Häuschen zu klein wird für diese manisch vulgärmaterialistische Praxis, nur klar, wir müssen unsere inneren Wesenskräfte wiederbeleben.“[15]

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[1] Eliade, 1957, S.95

[2] Dogma: verbindliche Glaubensaussage, mit dem Anspruch der absoluten Gültigkeit/Wahrheit. `Die ausdrückliche Leugnung eines Dogmas führt zum Ausschluss aus der Kirche.` Quelle: Dorn, Anton Magnus; Eberts, Gerhard (Hsrg..), Redaktionshandbuch Katholische Kirche, München 1996

[3] Eliot, The Waste Land, Zeilen 173 – 175, 1927, S.54

[4] Potemkinsche Dörfer: „Vorspiegelung falscher Tatsachen“ Durch materiellen und/oder organisatorischen Aufwand („Attrappen“, Schauspieler usw.) wird die Illusion von zeigbaren Erfolgen, Wohlstand usw. geschaffen. Die Bezeichnung geht zurück auf die unwahre Geschichte, dass Feldmarschall Potemkin, Kulissen von Dörfern aufgestellt und angebliche Dorfbewohner von einem zum nächsten transportieren lassen habe, um Katharina die Große auf einer Reise nach Neurussland über die Entwicklung bzw. den Wohlstand der neubesiedelten Gegend zu täuschen. Quelle: wikipedia

[5] Die Orestie des Aischylos, Agamemnon, 458 v. Chr. Deutsch von Karl Vollmöller, S. Fischer Verlag, Berlin, 1911, S.35

[6] Zurückkehrend aus Troja nach Mykene wird Agamemnon von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem Geliebten Aigisthos im Bad ermordet – als Strafe für die Opferung seiner Tochter Iphigenie. Soweit die Story.

[7] Prinzip, nach dem ein Amt von dem Amtsinhaber nach einer bestimmten, festgelegten Zeit an einen Nachfolger abgegeben werden muss. Quelle: Duden

[8] Friedrich Nietzsche in Fröhliche Wissenschaft, 1882, „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet.“

[9] Hüther, Die biologischen Grundlagen der Spiritualität, 2013, S.25

[10] Bahro in der Einführungsvorlesung zum WS 1989/90, Ost-Berliner Vorlesungen zur Sozialökologie an der Humboldt Universität Berlin 1989, 1991, S.82

[11] Snyder, 1990, S.9

[12] 1966 entfesselte Mao Zedong die „Große Proletarische Kulturrevolution“. Mit ihr stiftete der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas bewusst ein „großes Chaos“, um zu einer neuen „großen Ordnung“ zu gelangen. Tatsächlich bewirkte die Kampagne einen radikalen Bruch mit traditionellen Werten: Schüler erschlugen ihre Lehrer, Kinder denunzierten ihre Eltern, alte Kulturstätten wurden geschleift. Die Kampagne forderte rund 1,7 Millionen Todesopfer, die Zahl der politisch Verfolgten liegt im zweistelligen Millionenbereich. Quelle: Johannes Piepenbrink im Editorial zur Kulturrevolution, bpb, Bundeszentrale für politische Bildung, 2016

[13]  Nach DSM-IV-TR beziehungsweise DSM-5 gibt es folgende Kriterien für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung: Die Betroffenen haben ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, sie verlangen nach übermäßiger Bewunderung, sie idealisieren sich selbst und sind stark von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz oder Schönheit eingenommen. Sie glauben von sich, besonders und einzigartig zu sein und nur von anderen außergewöhnlichen oder angesehenen Personen oder Institutionen verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können. Darüber hinaus zeigen sie ein offensives Anspruchsdenken und erwarten, bevorzugt behandelt zu werden. Quelle: Marion Sonnenmoser in Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Erkrankung mit vielen Facetten, Ärzteblatt, 13. Ausgabe, Dezember 2014, S. 567

[14] Baudelaire, Der Heautontimorumenos, 1857/1973, S.135

[15] Bahro in Zugänge zum Wesen der ökologischen Krise, 1991, S.82