VI / Projektionen 2019-08-19T17:14:18+00:00

Project Description

VI / Projektionen

“Während in unserer “Zeit der Trennungen” die Tendenz vorherrscht, die Einheit der Dinge zu zerlegen, die Dinge in Komponenten zu zersplittern […] zeigten sich der archaischen Mentalität die Dinge der Welt in viel größerer Einheit […] Was also viele Wissenschaftler eine “Krankheit des Geistes” nennen, scheint die Auflösung einer trennenden, analytischen Anschauung zu sein, durch die eine archaische Wahrnehmungsweise zum Vorscheint kommt, die normalerweise unter kulturellen Verschluss gehalten wird.”[1]

Was ist, wenn ich die alles trennende, deutende, bewertende Weltentseelung beende? Wenn ich mich im analysierten Objekt der wissenschaftlichen Betrachtung, als Subjekt wiedererkenne. Wenn ich das „lyrische Ich“ bin. Wenn ich alle Charaktere der Mythen, poesieberauscht dahin zurückziehe wo sie herkommen – zum Menschen? Zu mir selbst! All die göttlichen und dämonischen Wesen kehren zurück zum Wesen, zum Kern, zum Ursprung aller Geschichten dieser Welt. Sie begleiten mich wieder, sie sind immer da. Phantastische Fabelwesen, Tierwesen, Himmelswesen, Höllenwesen. Ist das psychopatisch oder poetisch?

„Wenn der historische Prozess der Weltentseelung, eben der Zurücknahme der Projektionen, so weitergeht wie bisher, dann muss alles, was draußen göttlichen oder dämonische Charakter hat zur Seele zurückkehren, in das Innere des unbekannten Menschen, von wo es anscheinend seinen Ausgang genommen hat.“[2]

Ich der Ausgang aller Konflikte! Ich die Lösung! Bin ich dafür zu schwach, mich als Weltendrama wieder zu finden? Wie verändert sich mein Denken und Handeln, meine Stimme, mein Sein?

Ich projiziere alltäglich permanent, nehme die Welt verzerrt durch meine persönlichste Sichtweise war, färbe jedes Detail mit meiner Lebenserfahrung, meinem Ich, meinem Charakter. So entstehen Götter und Dämonen. Nur so spüre ich in Bezug zu Dingen, Wesen, Situationen eine innere Resonanz, einen emotionalen Ausschlag in mir. Wäre dem nicht so, die ganze Welt ließe mich kalt, wäre eine mir bedeutungslose, seelenlose Masse. Aber ich spüre in ganz bestimmten Beziehungen zu Dingen und Wesen das Feuer der Emotionen, egal ob negativ oder positiv genannt, göttlich oder dämonisch. Es ist das Feuer der Lebenskraft aus mir, mit dem ich meine Welt schöpfe. Ich kann mich darin erkennen, immer ist das meine Welt. Ich muss nur hinsehen und wahrnehmen. So gesehen, gibt es keine objektive Welt. Es gibt 70 Milliarden subjektive Welten, die sich stetig entwickeln. Alles fließt[3]. Ich bin mein lebendiger Kulturbringer, wie Du auch.

“Wie Odysseus die Schatten des Hades mit Blut tränken muß, daß sie ihre Schemenhaftigkeit so weit verlieren, um als Menschen wie einst zu ihm zu reden, so tränken wir die schattenhaft unwirkliche Welt ringsum mit Blut, daß sie uns etwas besage, – aber es ist unser eigenes Herzblut, unsere Lebenskraft […] Sie spiegelt all unsere innersten Möglichkeiten zu agieren und zu reagieren, wir füllen ihre matte Spiegelfläche mit unserem Strahl und nennen, was sie spiegelt, unsere Welt. Eine Welt an sich gibt es nicht; keine Wissenschaft, solang sie rein ist, vermißt sich zu sagen, was die Welt sei; – vermeint sie, es zu können, ist sie schon von Schakti koloriert. […] Weil alle mögliche Dämonie der Welt uns innen ist, ist sie so außen, wie sie uns innen ist. Wir selbst sind die Unendlichkeit in unserer Tiefe, darin liegen Ironie und Hoheit unseres Daseins, – die Drohung seiner Hölle und die Verheißung des Himmels.”[4]

Wenn ich mein Wirken in dieser Weise erkenne, kann ich nicht mehr anderen Menschen die Schuld an meinem Schicksal geben. Ich kann mir nicht mehr die Hände in Ergebenheit desinfizieren und gleichzeitig an „die Anderen“ oder „die Umstände“ eine Verantwortung delegieren. Im analysierten Objekt erkenne ich mich als Subjekt. Das Spiel des Lebens in Poesie, hebt eine trennende, einseitige Subjekt- Objekt Beziehung, für eine beseelte, gleichberechtigte Subjekt – Subjekt Beziehung auf. Selbst wenn die Beziehung zu einem Stein besteht. Aus einem ernsthaften Ich, wird eine spielerische Lebensrolle inmitten vieler Welten. Das ist weder unmöglich, noch schließt es Konflikte aus. Solch Leben ist einfach nur selbstverantwortlich, mitfühlend und fair.

“Wenn man sich jemanden vorstellt, der tapfer genug ist, seine Projektionen allesamt zurückzuziehen, dann ergibt sich ein Individuum, das sich eines beträchtlichen Schattens bewußt ist. Ein solcher Mensch hat sich neue Probleme und Konflikte aufgeladen. Er ist sich selbst eine ernste Aufgabe geworden, da er jetzt nicht mehr sagen kann, daß die anderen dies oder jenes tun, daß sie im Fehler sind […] Er lebt in einem “Hause der Selbstbestimmung”, der inneren Sammlung. Solch ein Mensch weiß, daß, was immer in der Welt verkehrt ist, auch in ihm selber ist, und wenn er nur lernt, mit seinem eigenen Schatten fertig zu werden, dann hat er etwas Wirkliches für die Welt getan.”[5]

Spielend, singen, sprechen und tanzen aus dem Erleben in meinem Körper – dem Für und Wider aller Welten und Götter in mir. Geschichten von mir und meinen Taten, personifiziert durch die Wesen aus meiner Phantasie. Kein Gerede mehr, von der Bosheit oder Heiligkeit anderer, als Objekt einer Wissenschaft. Alles bin ich. Gott und Dämon, Henker und Opfer, König und Bettler. Mache eine künstlerische Selbstmitteilung. Bist Du Schöpfer? Oder einfach die Schießbudenfigur im Jahrmarkt der Eitelkeiten?

„In uns ist die Anlage zu allem: wir wollen hören und gehorchen, folgen und uns leiten lassen, dienen und uns abdanken; aber wir wollen auch aufschwellen und gebieten, herrschen und Blitze schleudern; wir wollen in Gemeinschaft aufgehen und einsam sein, keines anderen bedürftig. Alles Grauen schläft in uns und alle Untat, aber auch alle Möglichkeiten der Läuterung und Verklärung. Ein unaufhaltsam schnelles Nacheinander wie ein Rasen zuckender Blitze, ja ein ewiges Zugleich aller dieser widersprechenden Möglichkeiten wäre die totale, ideale Erfüllung des in uns angelegten Wesens […] : – und es würde uns selbst zerreißen und unsere Welt, wenn es so aus unserem Innersten hervorbräche, über uns hinaus strömte in die Wirklichkeit.”[6]

[1] H.P. Duerr, Traumzeit – über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, S. 146f, 1978, zitiert in Gerhard Heik Portele, Der Mensch ist kein Wägelchen, S. 68, Edition Humanistische Psychologie, Köln 1992

[2] Carl Gustav Jung, Psychologie und Religion, in Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, Edition C.G. Jung, Patmos Verlag 2015, S. 102

[3] panta rhei, altgriechisch für „Alles fließt“, Heraklit, um 520 v.Chr.

[4] Heinrich Zimmer, Indische Sphären, S. 213, Rascher Verlag Zürich 1963, Erstauflage 1935

[5] Carl Gustav Jung, Philosophie und Religion, Abs. 140, in Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, Edition C.G. Jung, Patmos Verlag 2015, S. 101

[6] Zimmer, 1935, S. 160