II / Über die Begriffe hinaus gehen. 2019-05-15T17:09:11+00:00

Project Description

Über die Begriffe hinaus gehen und etwas anders machen.

 „Wir sind alle Pilger auf der Suche nach Wahrheit. Wir dürfen nie vergessen, dass das göttliche Mysterium, die letzte Wahrheit, unsere Begriffswelt übersteigt. Wollen wir zu dem Mysterium gelangen, das jenseits von Worten und Gedanken, von Leben und Tod liegt, müssen wir über die Begriffe hinausgehen![1]

Wollen wir wieder irgendwie essentiell einen Beitrag für diese Welt als Einheit und ganzes System leisten, dann müssen wir, mußt Du und muß ich “etwas anders machen”. Dann will ich “über die Begriffe hinaus gehen”. Alle Religionen, ja alle kulturellen Ereignisse in diesem Moment, ja unsere ganze Zivilisation existierten nicht, ohne die archaisch übliche, komplexe und ausschließlich mündliche, körperliche Weitergabe mythologischer Inhalte als umfassender Wissenspeicher, von einem Menschen zum Anderen inmitten der einst “heiligen” und nicht feindlichen Natur, die wir selber sind. Der Träger und Vermittler dieses Wissens, muss jener sein “wer so weiß”[2], wenn er Worte und Tänze lernt, um zu gegebener Zeit die Welt “neu zu weben”, auf das sich alle anderen darin aktiv mitwirkend selbst erkennen. Dieser Mensch muss alle Wesen (in sich) kennen, würdigen, vereinen. Ein ganzer Mensch. Ein Mythmaker. Ein Wissender seiner Innenwelt. Einer, der mit Göttern, Dämonen und Tieren reden kann. Der Widersprüche aushält und seine eigene Unfähigkeit alles zu bestimmen und alles zu verstehen.

“ […] Der Schauspieler (Mythmaker. Anm. d. Autors) ist auf diesem Weg. Mit dem Licht des Dichters steigt er in die noch unerforschten Abgründe der menschlichen Seele; seiner eigenen Seele, um sich dort geheimnisvoll zu verwandeln, und Hände, Augen und Mund voll von Wunder wieder aufzutauchen. Er ist Bildner und Bildwerk zugleich: er ist der Mensch an der äußersten Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum und er steht mit beiden Füßen in beiden Reichen.”[3]

Die Wissenschaft hat die Mythen aller Kulturen und Zeiten erforscht und ihren identischen Wesenskern bloßgelegt. Aufgabe der Kunst ist es nun, den Universalmythos wieder dem modernen Menschen für sein alltägliches Leben zugänglich zu machen. Dann beginnt neues Leben.

“Während in unserer “Zeit der Trennungen” die Tendenz vorherrscht, die Einheit der Dinge zu zerlegen, die Dinge in Komponenten zu zersplittern […] zeigten sich der archaischen Mentalität die Dinge der Welt in viel größerer Einheit […] Was also viele Wissenschaftler eine “Krankheit des Geistes” nennen, scheint die Auflösung einer trennenden, analytischen Anschauung zu sein, durch die eine archaische Wahrnehmungsweise zum Vorscheint kommt, die normalerweise unter kulturellen Verschluss gehalten wird.”[4]

Was ist, wenn ich statt wie bisher vernunftbetont und nüchtern rational zu analysieren, zu zerlegen, zu deuten – alle Charaktere der Mythen poesieberauscht dahin zurückziehe wo sie herkommen – zum Menschen? Zu mir selbst! All die göttlichen und dämonischen Wesen kehren zurück zum Wesen, zum Kern, zum Ursprung aller Geschichten dieser Welt. Zurück zu mir, denn ich bin Mensch. Wie verändert sich mein Denken und Handeln, meine Stimme, mein Sein? Was passiert, wenn ich buchstäblich bei Null anfange? Kann ich mich überraschen lassen? Ausgeliefert ohne Kontrolle, also mit hellwacher Selbstwahrnehmung. Bin ich überfordert so ohne Krücken? Jetzt bin ich aller Feinde und Freude ledig und nur mit mir konfrontiert – ich der Ausgang aller Konflikte! Ich die Lösung! Bin ich dafür zu schwach, mich als Weltendrama wieder zu finden? Auf mein alleiniges Sein zurückgeworfen?

“Wenn man sich jemanden vorstellt, der tapfer genug ist, seine Projektionen allesamt zurückzuziehen, dann ergibt sich ein Individuum, das sich eines beträchtlichen Schattens bewußt ist. Ein solcher Mensch hat sich neue Probleme und Konflikte aufgeladen. Er ist sich selbst eine ernste Aufgabe geworden, da er jetzt nicht mehr sagen kann, daß die anderen dies oder jenes tun, daß sie im Fehler sind […] Er lebt in einem “Hause der Selbstbestimmung”, der inneren Sammlung. Solch ein Mensch weiß, daß, was immer in der Welt verkehrt ist, auch in ihm selber ist, und wenn er nur lernt, mit seinem eigenen Schatten fertig zu werden, dann hat er etwas Wirkliches für die Welt getan.”[5]

Ja, wir dürfen unseren Schatten kennenlernen und ihm nicht weiter ausweichen in der denkenden Zerteilung der Erscheinungen in seine Einzelheiten außerhalb unserer selbst.

Sprechen, singen und spielen aus dem Erleben in meinem Körper, tief aus meinem Becken – der verdammten Hölle sozusagen – dem Für und Wider aller Welten und Götter in mir. Erst danach und als allerletzte Instanz, aus der blitzartigen, messerscharfen Analyse meiner Gedanken – aus dem Himmel. Mache eine künstlerische Selbstmitteilung. Du bist die Figur oder Rolle, wie Du jede Figur oder Rolle bist. Einfach weil Du ein Mensch bist. Warum solltest Du Dir entkommen wollen? Bist Du Deiner Kraft und Macht gewachsen? Bist Du “wahrer Dichter”? Bist Du Schöpfer? Oder einfach die Schießbudenfigur im Jahrmarkt der Eitelkeiten?

„In uns ist die Anlage zu allem: wir wollen hören und gehorchen, folgen und uns leiten lassen, dienen und uns abdanken; aber wir wollen auch aufschwellen und gebieten, herrschen und Blitze schleudern; wir wollen in Gemeinschaft aufgehen und einsam sein, keines anderen bedürftig. Alles Grauen schläft in uns und alle Untat, aber auch alle Möglichkeiten der Läuterung und Verklärung. Ein unaufhaltsam schnelles Nacheinander wie ein Rasen zuckender Blitze, ja ein ewiges Zugleich aller dieser widersprechenden Möglichkeiten wäre die totale, ideale Erfüllung des in uns angelegten Wesens […] : – und es würde uns selbst zerreißen und unsere Welt, wenn es so aus unserem Innersten hervorbräche, über uns hinaus strömte in die Wirklichkeit.”[6]

[1] Bede Griffiths in Bede Griffiths, Guru, Mönch und Mystiker, von Corinna Mühlstedt, Deutschlandfunk, 18.07. 2018

[2] “Jene Welt (die Welt der Götter) gehört nur denen die wissen” (Satapatha- Brahmana X, 5,4,16)
“wer so weiß“ ya evam veda, zitiert bei M. Eliade, Yoga – Unsterblichkeit und Freiheit, S. 119ff, Rascher Zürich 1960

[3] Max Reinhardt aus „Rede über den Schauspieler“, gehalten im Februar 1928 an der Columbia-Universität in New York

[4] H.P. Duerr, Traumzeit – über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, S. 146f, 1978, zitiert in Gerhard Heik Portele, Der Mensch ist kein Wägelchen, S. 68, Edition Humanistische Psychologie, Köln 1992

[5] Carl Gustav Jung, Philosophie und Religion, Abs. 140, in Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, Edition C.G. Jung, Patmos Verlag 2015, S. 101

[6] Heinrich Zimmer, Indische Sphären, Rascher Verlag Zürich 1963, Erstauflage 1935, S. 160