IV / Über die Begriffe hinaus gehen und etwas anders machen 2019-08-19T17:13:46+00:00

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IV / Über die Begriffe hinaus gehen und etwas anders machen

„Wir sind alle Pilger auf der Suche nach Wahrheit. Wir dürfen nie vergessen, dass das göttliche Mysterium, die letzte Wahrheit, unsere Begriffswelt übersteigt. Wollen wir zu dem Mysterium gelangen, das jenseits von Worten und Gedanken, von Leben und Tod liegt, müssen wir über die Begriffe hinausgehen.“[1]

Will ich wieder irgendwie essentiell einen Beitrag für diese Welt als Einheit und ganzes System leisten, dann müssen wir, musst Du und muss ich “etwas anders machen”. Dann will ich “über die Begriffe hinaus gehen”. Alle Religionen, ja alle kulturellen Ereignisse in diesem Moment, ja unsere ganze Zivilisation existierten nicht, ohne die archaisch übliche, komplexe und ausschließlich mündliche, körperliche Weitergabe mythologischer Inhalte als umfassender Wissensspeicher, von einem Menschen zum Anderen inmitten der einst “heiligen” und nicht feindlichen Natur, die wir selber sind. Der Träger und Vermittler dieses Wissens, muss jener sein “wer so weiß”[2], wenn er Worte und Tänze lernt, um zu gegebener Zeit die Welt rituell “neu zu weben”, auf das sich alle anderen darin aktiv mitwirkend selbst erkennen. Dieser Mensch muss alle Wesen (in sich) kennen, würdigen, vereinen. Ein ganzer Mensch. Ein Mythmaker. Ein Wissender seiner Innenwelt. Einer, der mit Göttern, Dämonen und Tieren reden kann. Der Widersprüche aushält und seine eigene Unfähigkeit alles zu bestimmen und alles zu verstehen.

“[…] Der Schauspieler (Mythmaker. Anm. d. Autors) ist auf diesem Weg. Mit dem Licht des Dichters steigt er in die noch unerforschten Abgründe der menschlichen Seele; seiner eigenen Seele, um sich dort geheimnisvoll zu verwandeln, und Hände, Augen und Mund voll von Wunder wieder aufzutauchen. Er ist Bildner und Bildwerk zugleich: er ist der Mensch an der äußersten Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum und er steht mit beiden Füßen in beiden Reichen.”[3]

Die Wissenschaft hat die Mythen aller Kulturen und Zeiten erforscht und ihren identischen Wesenskern bloßgelegt. Aufgabe der Kunst ist es nun, den Universalmythos wieder dem modernen Menschen für sein alltägliches Leben zugänglich zu machen. Das kann mein Beitrag sein für mich und diese Welt. Dann fällt wieder Regen in der Wüste der dogmatischen Unfehlbarkeit. Dann beginnt neues Leben.

[1] Bede Griffiths in Bede Griffiths, Guru, Mönch und Mystiker, von Corinna Mühlstedt, Deutschlandfunk, 18.07. 2018

[2] “Jene Welt (die Welt der Götter) gehört nur denen die wissen” (Satapatha- Brahmana X, 5,4,16)
“wer so weiß“ ya evam veda, zitiert bei M. Eliade, Yoga – Unsterblichkeit und Freiheit, S. 119ff, Rascher Zürich 1960

[3] Max Reinhardt aus „Rede über den Schauspieler“, gehalten im Februar 1928 an der Columbia-Universität in New York