XI Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen

XI Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen 2019-09-13T14:50:14+00:00

Project Description

Ich sitze mir im Nacken, reiße mich zügelnd am magischen Haar, peitsche mir rasend die Seele wundBrand, Sepsis, Desinfektion hilft, das weiß ich doch. “Wissen ist Macht – Macht ist Wissen.”[1] Raus in das wissende Wirken mit Wirkung. Begreife endlich, Sprache besteht aus Worten, einzelnen Worten mit Sinn aus Verstand. Tagfahrlicht – Neokortex Neuronengewitter.

“Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die Blitze waren.
Sie kamen auf Schienen und Flüssen daher
Durch alle Länder gefahren.”[2]

Klingende Hülsen. Granaten. Bomben. Splitter. “Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA. Im Rücken die Ruinen von Europa.”[3] Spreche, spreche, spreche, spreche ich, durchspüle redend Kopf: SPRECHTHEATER, SPRECHDURCHFALL, GESPRÄCHSTHERAPIE. Das lyrische Ich fürchtet sich vor den Worten der Menschen. Alliterationen sorgen für einen schnellen Takt. Ein Reimschema wird mit der dritten Strophe auf formaler Ebene unterbrochen.

“Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.”[4]

Rilke wurde am 4. Dezember 1875 geboren, in Prag als Kind seiner Eltern. Vollständiger Name: René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke. Das ist Bildung, Fortschritt und Reichtum in Worten festgehalten, zivilisatorischer Ausfluss, zivilisatorisches Schlafmittel – umschlingend, fesselnd, bindend, “tönender Zeichenschatz des Denkens”[5] – ernährend, forschend, fortschrittlich.

“Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die wurden Brot,
Und Lenins Worte wurden Armeen
Gegen die Hungersnot.”[6]

Die menschliche Sprache, die Umgangs- und Vulgärsprache, dient der Kommunikation und Rechtsprechung, im modernen zivilisierten Alltag. Sie gehört ganz dem Zeitalter der Menschen, seiner Geschichte und der Zukunft. Sie ist dazu geschaffen, dass Menschen sich ihre Bedürfnisse mitteilen können, ihre Ansichten, Meinungen, Urteile und Überzeugungen, ihr Gefühl, ihr Wollen und Wissen, Ihre Befehle und Anweisungen. Diese Sprache objektiviert. Diese Sprache besteht aus gesprochenen Worten. Worte sind eindeutig. Worte treffen Unterscheidungen. Worte können geschliffen sein. Worte sollten überlegt und beherrscht, gewählt und gesagt werden.

”1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott.
3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.
4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.”[7]

„Das veranlaßte die Menschen zu glauben, daß ihnen von Natur das Recht zustehe, gerade soweit und auf die Art, wie es mit Worten erklärt sei; so wie man auch überall […] beobachten kann, daß sie, wenn die Worte dem Gefühl widerstreiten, sagen, für sie liege das Recht in den Worten.”[8]

“Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die wurden Maschinen,
Wurden Traktoren, wurden Häuser,
Bohrtürme und Minen”[9]

Wer das Wort hat, hat das Recht. Nimm Dir das Wort. Das Wort ersetzt die Natur. Worte beschützen, beruhigen, erklären, vermitteln, formen, gestalten, manipulieren bedrängen. Ich ergreife das Wort quasireligiöse Ideologie: lat. religio: gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt zu lat. relegere: bedenken, achtgeben. Das Recht steht in der heiligen Schrift geschrieben.

“Was man gewöhnlich im allgemeinen Religion nennt […] hat den offensichtlichen Zweck, unmittelbare Erfahrung zu ersetzen durch eine Auswahl passender Symbole, die in ein fest organisiertes Dogma eingekleidet sind.[…] So sind die Menschen erfolgreich verteidigt, gegen die unmittelbare Erfahrung.”[10]

Jenseits der Worte, im Grau der Ununterscheidbarkeit, im Nebel des sterbenden und erblühenden Waldes, lauert der böse graue Wolf, im Schatten der lebenden Bäume und nascht gern von Dir. Komme nicht vom rechten Wege ab, bleibe dem Lichte treu und dem Wort, das ich Dir sage.

“Kinder werden durch das erzogen, was der Erwachsene ist, und nicht durch das, was er schwatzt. Der allgemein verbreitete Glaube an Wörter ist eine wahrhafte Krankheit der Seele, denn solcher Aberglauben lockt immer weiter weg von den Grundlagen des Menschen und verführt zur heillosen Identifikation der Persönlichkeit mit dem jeweils geglaubten “slogan”. Unterdessen rutscht alles vom sogenannten Fortschritt Überwundene und Zurückgelassene immer tiefer ins Unbewußte hinunter, woraus schließlich der primitive Zustand der Identität mit der Masse wieder entsteht.”[11]

Leidenschaften: unterdrücken, Individualität: schleifen, Bedürfnisse: kanalisieren (Hierbei sind Algorithmen gute Freude) – Kaufrausch – getragen durch Konsumfreude von Verbrauchern und Staat.

“Uns schützt die Mutter der Massen. Uns trägt ihr mächtiger Arm.”[12]

1.600 Worte bis hier.

“Wurden Elektrizität,
Hämmern in den Betrieben,
Stehen, unauslöschbare Schrift,
In allen Herzen geschrieben.”[13]

Worte sind Schöpfer. So steht es geschrieben. In allen Herzen. Und Worte vereinfachen, rationalisieren und verkürzen Sinne effektiv. Mythologie aber wird nicht rational ausgedacht.[14] Das rein wörtliche Verständnis des Mythos entstellt seinen Sinn.

”Ein Bild zu übersetzen in eine konkrete Bergriffsprache, indem man es auf eine einzige seiner Bezugsebenen einengt, ist ein noch verderblicheres Beginnen als seine Verstümmelung: es bedeutet die Vernichtung, die Aufhebung seines Wertes, ein Mittel der Erkenntnis zu sein. […]Es gibt keinen fratzenhaften Irrglauben, keine satanische Orgie, keine religiöse Grausamkeit, keine magisch-religiöse Widersinnigkeit oder Krankhaftigkeit, die nicht […] eine gewisse “Rechtfertigung” darin fände, daß ihr eine falsche- weil eben nur Teile erfassende, unvollständige- Auslegung einer erhabenen Symbolik zugrunde lag.”[15]

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[1] Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Vortrag gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Bildungsvereins am 5. Februar 1872 und zum Stiftungsfest des Leipziger Arbeiterbildungsvereins am 25. Februar 1872. Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei, Leipzig 1872

[2] Lenin, Text: Johannes R. Becher (1929), Musik: Hanns Eisler (1953), Zitiert nach Ernst Busch: „Oktobersturm – Aufbau“ (Au 5 80 018/019), erschienen 1967 zum 50. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution. Nachaufl. 1968 und 1969. Becher spielt mit seinem Gedicht auf eine Stelle in Friedrich Hebbels Tragödie „Gyges und sein Ring“ an. Kandaules rät: „Drum, Gyges, wie dich auch die Lebenswoge / Noch heben mag, sie tut es ganz gewiß / Und höher als du denkst: vertraue ihr / Und schaudre selbst vor Kronen nicht zurück, / Nur rühre nimmer an den Schlaf der Welt!“ Hans Bunge: „Diese Haltung Hebbels nach der gescheiterten Revolution von 1848 findet Becher widerlegt durch die Große Oktoberrevolution, und er überschreibt sein Gedicht: ‚Der an den Schlaf der Welt rührt – Lenin‘.“ Zit. n. Liner Notes „Er rührte an den Schlaf der Welt – Lenin zum Gedenken“ Litera 8 60 154. Quelle: erinnerungsort.de

[3] Heiner Müller, Die Hamletmaschine, 1 Familienalbum, 1977

[4] Rilke, 1909, S.188, in Mir zur Feier

[5] Zimmer, 1935, S.79

[6] Vgl. Lenin, Fußnote 95, 2. Strophe

[7] Johannes 1, Einheitsübersetzung 2016

[8] Vico, 1744, S.20

[9] Vgl. Lenin, Fußnote 95, 3. Strophe

[10] Jung, 1940, Abs.75, S.60, in Philosophie und Religion

[11] Jung, 1959, Abs.293, S.189 in Spezielle Phänomenologie des Kinderarchetypus

[12] Vgl. Louis Fürnberg, Das Lied der Partei, 1. Strophe, 1950

[13] Vgl. Lenin, 4. Strophe

[14] Vgl. Campbell, 1959, Mythologie der Urvölker

[15] Eliade, 1952, S.17