XL Von Mond und Sonnenwende

XL Von Mond und Sonnenwende 2019-10-08T18:39:05+00:00

Project Description

Heldengestalten werden vornehmlich männlich personifiziert. Ihre Gegner stellen Symbole, der einst weiblich gedachten Erde und Unterwelt, dar. Drachen und Schlangen in undurchsichtigen, gefährlichen Wassern. Regelmäßig stehen dem Helden dabei, weibliche Seelenführerinnen hilfreich zur Seite.

„Seele zu haben, ist das Wagnis des Lebens, denn die Seele ist ein lebensspendender Dämon, der sein elfisches Spiel unterhalb und oberhalb der menschlichen Existenz spielt. […] man kann sie nicht machen, sondern sie ist immer das Apriori von Stimmungen, Reaktionen, Impulsen und was es sonst an psychischen Spontanitäten gibt. Sie ist ein Lebendes aus sich, das uns leben macht; ein Leben hinter dem Bewußtsein, das nicht restlos diesem integriert werden kann, sondern aus dem letzteres im Gegenteil eher hervorgeht. […] Sie ist nicht schlechthin charakteristisch für das Unbewußte. Sie ist nur ein Aspekt desselben. Das zeigt sich schon in der Tatsache ihrer Weiblichkeit. Das was nicht Ich, nämlich männlich, ist, ist höchst wahrscheinlich weiblich und weil das Nicht-Ich […] als außerhalb empfunden wird, so ist das Animabild in der Regel auf Frauen projiziert. […] Alles was die Anima berührt, wird numinos, das heißt unbedingt, gefährlich, tabiert, magisch. Sie ist die Schlange im Paradies des harmlosen Menschen […] indem die Anima das Leben will, will sie das Gute und das Böse.“[1]

 

„Die mittelalterlichen Naturphilosophen meinten unzweifelhaft mit dem vierten Element die Erde und die Frau. Das Prinzip des Bösen wurde nicht offen erwähnt, aber es erscheint in der giftigen Qualität der prima materia und in seinen Andeutungen. […] so ist das Unbewußte oft personifiziert durch die Anima, eine weibliche Figur. […] ebenso wie die Erde aufgefasst wurde als Mutter Gottes.“[2]

 

„So […]schuf die Phantasie als Sinnbild für die Erde einen großen Drachen, ganz mit Schuppen gepanzert (nämlich Hecken und Dornen), geflügelt (denn die Erde gehörte den Adligen) und stets wach, als Hüter der goldenen Äpfel der Hesperiden […] Ein anderes Phantasiebild der Erde ist die Hydra, von hydör, Wasser, deren abgehauene Köpfe immer wieder nachwachsen; sie schillert in drei Farben: schwarz vom Brand, grün von den Halmen, golden vom reifen Korn […] und all diese Tiere speien Feuer, das Feuer welches Herkules an die Wälder legte […]“[3]

 

Hochzeit von Erde und Sonne

Das Feuer, das Licht sind Konflikt und Emotion, des unheilskundigen Kulturbringers. Des Helden, des kindlichen Narren. Die überwiegend männlich personifizierten Heldenfiguren, im Kampf mit überwiegend weiblich symbolisierten Mächten, kann ich zuerst als ein Kampf des Lichtes, des Tages, der Sonne, gegen die Dunkelheit, der Nacht, des Mondes verstehen. Das Bewusstsein trägt Licht in das Dunkel des Unbewussten. Dort in meinem Unbewussten, in meinem Schatten, liegen Dinge verborgen, die vielleicht ein Leid verursachen, in mir und außerhalb meiner selbst. Geheimnisse die ich nicht sehe. Der Tag kämpft gegen die Nacht, das Wachsein gegen den Traum. Und trotzdem kann das Eine nicht ohne das Andere existieren. Irgendwo auf der Welt scheint die Sonne, folglich ist immer Tag. Und analog, irgendwo auf der Welt ist der Mond zu sehen, folglich ist immer Nacht. Wissen abgeleitet daraus ist, dass das zu besiegende Ungeheuer nur symbolisch getötet werden darf, denn es hält dringend benötigte Zauberkräfte bereit, die die eigene Heilung im Sinne von Ganzwerdung erst ermöglichen. Einfacher: auch das Ungeheuer bin ich. Beide sind ewig, Tag und Nacht, Sonne und Mond, Licht und Schatten, sosehr ich das Andere, das Gegensätzliche, den Schatten oder das Geheimnisvolle, das Bedrohliche, das weibliche Lebensprinzip auch verabscheue.

„Indem einer verschlingt, was ihm das Widerwärtigste ist, und sich von ihm verschlingen läßt, kann er in den Besitz einer Ganzheit gelangen, in der das Widerwärtigste samt allem wovor man floh, wonach man langte, sich auflöst. Diese Gegensätze alle bedürfen einander und verlangen danach, aneinander in der Ganzheit, die sie bilden wollen, zu verschwinden. Dieses Untertauchen im Anderen, vor dem einer immer Abscheu empfand und dass er doch als ihm zu eigen annehmen muß.“[4]

In den massiv patriarchal umgeschriebenen Mythen der letzten tausend Jahre aber, besiegt das Gute final immer das Böse. Das lässt sich heute sehr gut, in den Produktionen der Unterhaltungsindustrie beobachten.

Des Heldenschicksals innerweltliche Dualität, aus den moralisch gedachten Begriffen Gut und Böse, kann ich zur Abwechslung mal mit meinem innerweltlichen weiblichen und männlichen Anteil oder dem männlichen und weiblichen Lebensprinzip in mir gleichsetzen. Die Natur  kennt glaube ich Gut und Böse nicht. Dafür aber sehr wohl Gegensätze, geschlechtliche. Doch ich, der moderne Mensch, kenne meine innerweltlichen geschlechtlichen Gegensätze nicht mehr richtig, dafür aber Gut und Böse. Dabei wäre es durchaus wichtig, für meine Existenz, denn wie ich jetzt weiß: meine männliche Hälfte darf meine weibliche Hälfte weder töten, noch unterdrücken. Analog, der Mann darf die Frau nicht unterdrücken, abwerten, töten, besitzen, auf ein Sexualobjekt reduzieren. Das entspräche der Selbstkastration. Viagra wird nötig.

Wie gehen wir mit uns um? Ein Blick lohnt sich, auf die letzten Jahrhunderte unserer Zivilisation und ihre kulturellen Zeugnisse. Hier wurde dem männlichen Prinzip, die Wertung GUT zuteil, dem weiblichen Lebensprinzip die Wertung BÖSE. Das Gute besiegt das Böse, tödlich und unterdrückend. Da ist die Selbstkastration. Sowohl inhaltlich, als auch im WIE des Seins. Hier erahne ich den tiefen Grund, für meine oft leidvolle Beziehung zum gegengeschlechtlichen Partner – ein Hauptthema tausender Dramen, der Kampf der Geschlechter. Der Kampf der Lebensprinzipien. Der Kampf der Gegensätze um Ausgleich. Der Kampf um Entwicklung.

„Das zwiegeschlechtliche Urwesen wird im Laufe der Kulturentwicklung zum Symbol der Einheit der Persönlichkeit, des Selbst, in welchem der Konflikt der Gegensätze zur Ruhe kommt. Das Urwesen wird auf diesem Wege zum fernen Ziel der Selbstverwirklichung menschlichen Wesens, indem es von Anfang an schon eine Projektion der unbewußten Ganzheit war. Die menschliche Ganzheit besteht nämlich aus einer Vereinigung der bewußten und der unbewußten Persönlichkeit.“[5]

 

„[…] die Zweigeschlechtlichkeit und Impotenz der basir[6] hängt damit zusammen, daß sie als Vermittler zwischen den beiden kosmologischen Ebenen, Erde und Himmel gelten und daß sie in ihrer Person das weibliche Element (Erde) mit dem männlichen Element (Himmel) verbinden. Es handelt sich hier um eine rituelle Androgynie, die bekannte archaische Formel für die göttliche Zweieinheit […] Heiligkeit des “Mittlers” […] Bedürfnis der Abschaffung der Polarität.“[7]

 

„Das Dreieck mit der Spitze nach unten symbolisiert die Yoni, d.h. die Shakti, das Dreieck mit der Spitze nach oben bezeichnet das männliche Prinzip, Shiva; der Mittelpunkt bedeutet das undifferenzierte Brahman. Mit anderen Worten: Das Yantra stellt im geometrischen Symbolismus die kosmischen Manifestationen von der uranfänglichen Einheit ausgehend dar.“[8]

 

„Sie wurden eins und vereint,
die zuvor zwei und zweierlei gewesen waren.
Die beiden waren nicht länger
feinselig zueinander.
Isoldes Hass war verflogen.
Die Versöhnerin Liebe
hatte ihre beiden Herzen von Hass gereinigt,
und so sehr in Liebe vereint,
dass jeder dem anderen
durchsichtig war wie Spiegelglas.
Sie hatten beide nur noch ein Herz.
Ihr Kummer war sein Schmerz,
Und sein Schmerz ihr Kummer.“[9]

Der männlich gedachte Held, tötet im Kampf, die weiblich gedachten Dämonen, Drachen, Ungeheuer und erhält zum Lohn die helfende Königstochter zur Frau. Fazit: Er hat sich die Erde, das Unbewusste und die darin versteckte Anima, mit tödlicher Gewalt zur Untertanin gemacht. Machen wir genau das nicht täglich? Die einstmals große Göttin, ist zum Bösen und zur Helferin degradiert. Was das eins zu eins in die Außenwelt übersetzt bedeutet, wissen wir alle. Wie kann da nachhaltig Heilung möglich sein, wenn ich eine große Kraft in mir verachte?

„Gaia! Dich Allmutter werde ich besingen, dich altehrwürdige festgegründete Ernährerin aller irdischen Wesen; was die göttliche Erde begeht und was im Meer, was in den Lüften sich regt, genießt – deinen quellenden Segen.  Gute Kinder und gute Früchte entsprießen dir.  Herrin, es steht ganz bei dir, den sterblichen Menschen Leben zu geben oder zu nehmen. Doch selig sind alle, die du von Herzen sorgend umhegst; bereitet ist ihnen neidloser Wohlstand. Schwer von lebensspendender Nahrung strotzen die Äcker, auch auf den Feldern gedeiht das Vieh, das Haus birgt alles Treffliche.  Und in der Stadt, reich an schönen Frauen, herrscht man nach göttlichem Gesetz, begleitet von Fülle und Reichtum.  Kinder strahlen von Jugend und Frohsinn, Jungfrauen tanzen fröhlich beherzt mit Blüten in Händen die Reigen und springen über die blumigen Polster der Wiesen. Erhabene Göttin! Solche Ehre genießen die deinen, du neidloser Daimon. Heil dir, Mutter der Götter, Gattin des sternübersäten Himmels! Spende gütig zum Lohn für mein Lied herzerfreuendes Leben! Ich aber werde deiner und anderer Gesänge gedenken.“[10]

 

Spielen wir den Mythos, ohne die Abwertung der weiblichen Kraft.

Sprechen wir wieder wertfrei, vom Ringen der Gegensätze und ihrer unausweichlichen Einheit. In den Mythen rund um die Göttin Inanna, scheint das eigentliche Urbild heute noch hervor. Der Mensch des männlichen Lebensprinzips, hat seinen inneren Kampf mit den Dämonen seiner ICHWelt aufgenommen, gewonnen und darf sich mit seinem weiblichen Anteil vereinigen. Die Königin des Himmels besucht ihre Schwester, die Königin der Unterwelt, und stirbt all ihrer königlichen Insignien ledig, gänzlich nackt im Zustand der Wahrheit in der Unterwelt. Sie wird nach 3 Nächten ohne Mond, durch das Wasser des Lebens wieder auferstehen. Die Vollkommenheit ist da – sie/er ist den rituellen Tod ihrer/seiner männlichen Seite gestorben und vereinigte sich zu einem GANZEN MENSCHEN, mit seiner weiblichen Seite, für 3 Nächte, sinnbildlich zur Sommer – und Wintersonnenwende. Für 3 Nächte ist der innere Kampf beendet. Das Streben des Willens nach Vorherrschaft, Ursache und Wirkung, Gut und Böse, Erkennen und Verstehen, verschmilzt mit der bedingungslosen Hingabe der Wahrheit und Weisheit, im Hier und Jetzt des absoluten Augenblicks, im absichtslosen, bedingungslosen Spielen tausender Rollen. Die lineare Zeit ist die nichtlineare Zeit, rationales Denken ist irrationales Denken. Mann ist Frau, Frau ist Mann. Tag ist Nacht. Alles ist eins. Liebe ist ein Wort dafür. Verbunden für immer. 3 Nächte bleibt der Mond verschwunden. Zur Erinnerung, nicht nur Inanna erfährt die Wiederbelebung nach 3 Nächten. Das Symbol ist universell. Auch Jesus erlebt nach 3 Nächten, seine Wiederauferstehung. Analog der Mensch im göttlichen Ritus, die Vereinigung der Lebensprinzipien, erzeugt den göttlichen Zustand.

“Nur ein Tod und ein Leben, eine Traurigkeit und ein Glück war ihnen gemeinsam gegeben.”[11]

 

„Die Begegnung zwischen Mann und Frau findet statt in […] in dem mystischen Ort der Liebe […], ihre Vereinigung ist ein Spiel, das heißt frei von der kosmischen Schwere, reine Spontanität. Übrigens sind alle Mythologien und Techniken der Vereinigung der Gegensätze einander homolog: Shiva-Shakti, Buddha – Shakti, Krisna – Radha) […] Jede Verbindung von Gegensätzen bewirkt einen Niveaubruch und führt zur Wiederentdeckung der uranfänglichen “Spontanität”.“[12]

 

“Himmlischer Gott!” schrie Stephens Seele in einem Ausbruch spontaner Freude. Er wandte sich plötzlich von ihr weg und zog los über den Strand. Ihm flammten die Wangen; glühte der Körper; zitterten die Glieder. Weiter und weiter und weiter streifte er, weit hinaus über den Sand und sang wild dem Leben zu, das ihn gerufen hatte. Ihr Bild war in seine Seele eingedrungen, für immer, und kein Wort hatte das heilige Schweigen seiner Ekstase gebrochen. Ihre Augen hatten ihn gerufen und seine Seele war bei diesem Anruf gehüpft. Lieben, irren, fallen, triumphieren, Leben aus Leben neu erschaffen. Ein wilder Engel war ihm erschienen, der Engel sterblicher Jugend und Schönheit, ein Gesandter von den lieblichen Residenzen des Lebens, um vor ihm in einem Augenblick der Ekstase die Tore zu allen Strassen des Irrtums und der Ekstase aufzureißen. Weiter und weiter und weiter und weiter.“[13]

Die Vereinigung ist eine innerliche Revolution, eine geistige und körperliche Ekstase, mit der Kraft der alles verändernden Erkenntnis. Die Heldentat besteht, im Ausgleich und in der Begegnung der absoluten Gegensätze, des rechten und des linken Weges, des männlichen und des weiblichen Lebensprinzips.

„Auf welcher Ebene die Verbindung der Gegensätze auch geschieht, immer repräsentiert sie das Überschreiten der phänomenalen Welt und das Ende jeder Dualitätserfahrung. […] Die Einung von Sonne und Mond bedeutet die “Vernichtung des Kosmos” und damit die Rückkehr zur Ursprünglichen Einheit […] man muß “gegen den Strom” (ujana sadhana) gehen und die uranfängliche, unbewegliche Einheit wiederfinden, welche vor dem Bruch bestand. Und das tun die Hathayogins wenn sie “Sonne” und “Mond” vereinen.“[14]

Am nächsten Tag bricht der Held wieder auf, in die Schlacht mit sich selbst, um als ganzer Sieger wiederzukehren. Ständig und immer wieder kehre ich ein ins Paradies, um es zu Verlassen und Wiederzukehren.

 

Shakti

Heute sind die Zerrissenheit und das Streben, der omnipotenten männlichen Anteile in jedem von uns, die Triebkräfte der modernen Zivilisation. Die Frau aber, mein weiblicher hingebungsvoller Anteil, die „Shakti“, die weibliche Urkraft der Schöpfung, liegt wie immer schon, schlafend im Wurzelchakra jedes einzelnen Menschen und wartet darauf, sich wieder mit ihrem Gemahl Shiva zu vereinigen, wodurch das Bewusstsein der Einheit aller Dinge wiedererlangt wird. Sie wird im Yoga, durch eine schlafende Schlange symbolisiert, die eingerollt an der Basis der Wirbelsäule liegt.

„Die Schlange verkörpert die weit- und leibentfaltende Lebenskraft, sie ist Gestalt der weltwirkenden Gotteskraft (schakti). Zu dreieinhalb Ringen (kundala) geschlungen hält die »Geringelte« – Kundalirī – das männliche Symbol der zeugenden Gotteskraft, das Lingam, als ihr weiblicher Aspekt im Mūlādhāra umschlungen.“[15]

 

„[…] ihr Aufstieg geschieht mittels des Regenbogens, der mythisch in Gestalt einer riesigen Schlange vorgestellt wird.“[16]

Das weibliche Prinzip, die Shakti, ist das Zentrum der Schöpfung und vereinigt Weisheit und Wahrheit. Die Frau, sie ist Göttin – ganz da, hier und jetzt. Und doch bleibt sie unvollständig, ohne ihren männlichen Gegenpart. Unfähig zu empfangen, zu geben, ihre Wunderkraft gänzlich zu entfalten. Sie ist zugleich die Muse, in meinem weiblichen Anteil. Auf der Suche nach Ihrer Vervollkommnung, zeigt sie sich nur dem wahren Mann in mir, dem wahren Krieger und dem wahren Dichter – jenem der immer bereit ist, für seinen Untergang – seinen immer wieder kehrenden Tod.

„Ob Tod oder Leben:
Es hat mich angenehm vergiftet.
Ich weiß nicht wie der andere Tod ist;
dieser jedenfalls gefällt mir gut.
Wenn die herrliche Isolde
immer so mein Tod sein soll,
dann will ich mich mit Vergnügen bemühen
um einen ewigen Tod.“[17]

Und hier wird sie -das Weibliche- Zerstörerin, Symbol der vollständigen Vernichtung meiner selbst, meinem ICH, uns öffnend damit den Weg zur Transformation, zur eigenen innerweltlichen Erneuerung aus eigener Kraft.

„Kali lautet einer die vielen Namen der Großen Göttin, der Shakti, der Gemahlin des Gottes Shiva. Man hat diesen Namen der Großen Göttin auch dem Sanskritausdruck kala, “Zeit”, angeglichen: Kali wäre nicht bloß die schwarze Göttin, sondern auch die Personifikation der Zeit. […] die Zeit ist “schwarz”, weil sie irrational, hart und ohne Mitleid ist – Kali ist gleich den anderen Großen Göttinnen, die Herrin der Zeit und der Geschicke, sie prägt und vollendet.“[18]

 

„In jeder Menschenfrau, jedem kleinen Mädchen läßt sich die göttliche Weltmutter verehren. Sie ist die Weltfrau, vom Scheitel bis zu den Zehen trägt sie in Ihrem Leibe den Kosmos – geschichtet: oben die Himmel, mitten am Leibe die Erde, niederwärts Höllen und Unterwelten.“[19]

 

„Das Wasser überträgt die Kraft der Göttin.“[20]

 

„Durch das Eintauchen ins Wasser stirbt der “alte Mensch” und aus ihm wird ein neues, regeneriertes Wesen geboren.“[21]

Die Zeit, das Schicksal, das Glück, die Nornen, Frau Holle, Maria – viele Namen der Großen Göttin. Zu den beiden Sonnenwendfeiern, vereinigen sich im kultischen Ritual, zyklisch symbolisch, das männliche und das weibliche Lebensprinzip. Der Mann und die Frau, der König und die Königin, die große Göttin und ihr ernannter Gott. Das Weibliche, die Frau – sie ist in diesem Spiel das Symbol des absteigenden Jahres, von der Sommersonnenwende bis zur Wintersonnenwende. Sie repräsentiert den Abstieg des göttlichen werdenden Menschen in die Unterwelt, mit all seinen Konsequenzen.

 

Mann

Mein männlicher Anteil, das männliche Lebensprinzip produziert mein ICH. Ein ICH kann nicht göttlich sein. ICH ist im willentlichen, reflektierenden Streben zu selbstbezogen. Eine Sphäre, ohne Raum für Wunder und Spontanität. Ich bin als männlich denkende und handelnde Einzelperson, mythologisch betrachtet, maximal Halbgott. Einzig in meiner Zwillingsschaft mit IHR, kann ich göttlich sein. Vorausgesetzt allerdings, dass ich mein aufgeblähtes ICH, meinem weiblichen Anteil, mit dessen Hilfe geopfert habe und mich mit ihr vereinigen konnte. Mit Ihr meiner Seelenführerin in mir, meiner Anima, meiner Shakti, meiner Kali, meiner Jungfrau, meiner Kraft. Immer stehe ich so mit einem Bein im Grab, immer im Kampf, in der Aggression, im Risiko, im Streben nach der höchsten Vollendung, im Beweisen dessen was ich kann und bin und parallel in der Selbstvernichtung. Sie ist mein Ansporn und mein Tod. Das männliche, der Mann ist das Symbol des aufsteigenden Jahres, des Tages, der Zunahme an Licht und Bewusstsein, an Reflektionsfähigkeit und Schaffenskraft. Bis zur Sommersonnenwende. Dann überlässt er ihr wieder die Herrschaft.

„Schiva, der Mann, heißt zwar der “Herr” (ischvara), aber seine Frau, die Bergesgöttin, ist die “Macht” (schakti). Sie ist Kraft, “Können” schlechthin. Ohne Sie kann er nichts. Ihr vereint, sie an ihm, liegt er ihr zu Füßen, nicht Schiva mehr – nur “Schava”: ein “Leichnam”.“[22]

 

„Gott habe um sich herum eine gewisse Liebeskraft, von der einige behaupten, es sei ein intelligibler und feuriger Geist, der keine Gewalt besitzt, sondern sich wandeln kann, in was immer er will, und sich allem angleichen kann.“[23]

 

Dämonen, Sünden, Ungeheuer

In uns wirken Dämonen, die wir so selbst in uns erschaffen und mit der größten Ernsthaftigkeit nähren und wachsen lassen. Genannt, die Todsünden. Aus dem männlichen Lebensprinzip des Schaffens und Bedeutens entstammen der Hochmut, der Geiz, der Neid und der Zorn, personifiziert durch die Dämonen Luzifer[24], Mammon[25], Leviathan[26] und Satan[27]. Aus dem weiblichen Lebensprinzip entstammen der Zorn, die Völlerei, der Neid und die Faulheit, personifiziert[28] durch Satan wieder, Asmodeus[29], Beelzebub[30] und Belphegor[31]. Unser blindes weltliches und vor allem unfassbar selbstbezogenen Leben, immer weiter vom spielerischen Kind entfernt, macht diese Dämonen so mächtig, dass und weil wir meinen sie verhindern zu müssen. Uns töten zu müssen, um nie wieder zu erwachen. Wir nehmen auf Tod und Teufel ernst, was wir selbst erschaffen, ernähren und verstecken.

Im Spiel der Rollen und Masken, das keine Wertung aus Gut und Böse kennt, werden die angeblich feindlichen Dämonen unserer tiefen Seele, jene Wesen die uns über trennende Grenzen hinweg vereinen. Sie erhalten ihre Macht einzig durch die Bewertung, die wir ihnen geben und somit über ihre Existenzberechtigung entscheiden. Veränderung findet statt, wenn ich diese innere Welt zulassen kann, statt mich willentlich in eine gedachte Form zu exerzieren, die mich teilweise ausschließt. Ich brauche Wille und Vertrauen. Es ist ein Zulassen Wollen. Ein ewiger Wechsel zwischen Hingabe und Tat, Nacht und Tat. Akzeptanz! Vielleicht ist meine Partnerin, mein Partner immer auch genau das, was ich nicht bin, gern wäre oder auch gar niemals sein will – meine Entsprechung auf der Schatten- oder Sonnenseite, in der Unterwelt oder im Himmel. Jemand der mich reizt und abstößt. Beides. Genauso ich mit mir, in mir. Wie schwer fällt akzeptieren, was ist.

„Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weisst, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.
Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gieb dich, gieb nach,
er wird dich lieben und wiegen.
Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.“[32]

 

Männlicher Opfertod, das ICH besiegen

Der innerweltliche Opfertod der männlichen Hälfte, spiegelt sich in den Mythen in der Regel als ritueller Tod im Bad. Er steht für das Ende der Regentschaft des Königs der aufsteigenden Jahreshälfte, der zur Wintersonnenwende zurückkehrt und das Licht mitbringt. Der König wird erwählt oder bestimmt von der weiblichen Hälfte, der Großen Göttin. Da der Mann mit einem Bein im Tod steht, wird dieses Bild eindeutig aufgenommen und in vielen Mythen umgesetzt. Zur Erinnerung: die Mythen sind der Spiegel des inneren Erlebens seines Schöpfers, eines Menschen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten des Opfertodes, stellvertretend hier der rituelle Tod des Llew zu seiner Hochzeit mit Blodeuwedd:

„… eine einwärts gerichtete, oder anteriore Luxation der Hüfte kann entstehen, wenn jemand, der im Begriff steht, ein Boot zu besteigen, sich nicht entschließen kann, ob er nun einsteigen will oder an Land bleiben. … Wie mit der Kaimauer und dem Boot, so geht es mit dem Bottich und dem Ziegenbock. Als Llew dem Bottich entstiegt und der Anweisung folgend, den Ziegenbock betrat, sprang der Bock weg. Llew konnte sich nicht dadurch retten, daß er sich nach vorn warf, denn sein Kopf war an seinen langen Haaren festgebunden. Die Folge war jenes ausgekugelte Hüftgelenk, aber als er stürzte, berührte seine heilige Ferse nicht den Boden: und zwar weil sein langes Haar ihn in der Luft hielt. Ähnliches wiederfuhr Absalom, als das Tier im Eichenhain Ephraims unter ihm fortlief. … Ziel dieses Tricks war die Heiligung des Königs und symbolisierte die Hochzeit des Sonnenkönigs mit der Erdkönigin – mithin seinen Tod als Mitglied seines früheren Stammes und seine Wiedergeburt in den Stamm seiner Königin. … Ursprünglich kam der König tatsächlich gewaltsam zu Tode, so wie eine Drohne stirbt, nachdem sie die Bienenkönigin begattet hat. Später wurde die Tötung durch Entmannung und schließlich Lähmung ersetzt. (lt. Vico, als der direkte Zusammenhang zwischen Geschlechtsakt und Zeugung klar wurde, Anm. d. Autors). Noch später trat die Bescheidung an die Stelle der Entmannung und das Tragen von hochhackigen Stiefeln anstelle des Lähmens.“[33]

 

Jesu Geburt

Doch seit sich zur Wintersonnenwende GOTT  in der Frucht der Liebe inkarnierte (Geburt Jesus), seit die Mutter Erde in Gestalt der Jungfrau Maria, die Vereinigung der Lebensprinzipien nur noch geistig denkend vollzieht, ist das dramatische Spiel der lebendigen, lustvollen Nacht mit all ihren Möglichkeiten, gänzlich aus dem Leben der Menschen verbannt und verteufelt. Versenkt im Schatten, in der Tiefe der Hölle.

„[…] der, der die “Wahrheit des Körpers” realisiert, erhält Zugang zur “Wahrheit des Universums.”[34]

Und kurz vor der Sommersonnenwende, fuhr der Heilige Geist auf die Erde nieder. Mit seiner gedachten, unsichtbaren, göttlichen Kraft des männlichen Lebensprinzips, erfüllte er seine Jünger. Seine Männer. Das Pfingstfest heute.

15 Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Tag.

Die Sprachen der fremden Länder, können sie sprechen. Da erkennen sie ihre Mission, die Botschaft Christi in allen Sprachen, in die Welt zu tragen und den christlichen Glauben zu verbreiten.

„1 Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.
2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.
4 Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“[35]

In dieser Realität, siegte der Mann als König und enthob die Frau der göttlichen Stellung, versetzte sie bis heute in der Welt und in sich, in die gegenteilige Position.

Agamemnons Tod aus der „Orestie“[36] des Aischylos, bildet ein Musterbeispiel für den Tod des Königs im Bade in patriarchaler Verfärbung. Mythologische Bilder aus archaischer, matrilinearer Zeit – so das vollständige Motiv von Kampf, Tod und Wiedergeburt (Troja, Opfer, Orestes) sind in eine lineare, gedachte Struktur und Geschichte gebettet, und geben dem Zuschauer die Möglichkeit, alte mythologische Inhalte nunmehr unbewusst nachzuvollziehen, in sich selbst zu erwecken, zu reanimieren und gleichsam an einer spannenden Handlung teilzuhaben und eigene Wertvorstellungen zu bestätigen. Entscheidend ist, wie sehr der weibliche Anteil im Menschen, mit der zunehmenden Entwicklung der Zivilisation und des rationalen Denkens, immer weiter in das eigene Unbewusste verdrängt wurde. Selbst die alten Konflikte aus der Entwicklung von den matriarchalen Gesellschaftsstrukturen der Steinzeit, hin zu den wachsenden patriarchalen Strukturen in der Bronze- und Eisenzeit, bis zur Formulierung des sündhaften, alten Adam im Alten Testament, spiegeln sich in „Agamemnons Tod“. Daran wird sichtbar: Der Mythos ist lebendig, wie die Personen, die ihn immer wieder neu erschaffen. Der Mythos ist so veränderlich, wie die Zeit in der wir leben, doch in seinem tiefen Wesenskern ewig gleich. Begeben wir uns auf die Suche nach diesem Wesenskern, und lassen Kostüme, Kulisse und Zeitangaben beiseite. Das Woher und Wohin, ist nur das hübsche Lametta, für den menschlichen Urkonflikt. Bleiben wir im mythologischen Denkmodus, der nur unter Aufhebung der Zeitkriterien funktioniert und nichts von Vernunft und Rationalität weiß. Eine Art „Erinnerung an die Zukunft“ die ich Intuition nennen kann. In den Mythen vergehen oft viele hundert Jahre wie in Tag. Diese Geschichten stehen unter der Herrschaft der Muse. Zehn Jahre beispielsweise, sind eine Metapher für eine unendlich lange Zeit. Arbeiten wir unter der Herrschaft der Muse, der Anima, der Großen Göttin in uns.

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[1] Jung, 1959, Abs.56-59, S.36f

[2] Jung, 1940, Abs.107, S.81

[3] Vico, 1744, S.112

[4] Zimmer, 1935, S.191

[5] Jung, 1959, Abs.294, S.189 in Spezielle Phänomenologie des Kinderarchetypus

[6] eine Art archaische Schamanenpriester

[7] Eliade, 1951/1975, S.338

[8] Eliade, 1960, S.229

[9] Gottfried von Straßburg, Tristan, 1210, Verse 11716-11729, S.111f

[10] Homer, XXX. An die Allmutter Erde in Homerische Hymnen, 5.-7.Jhd. v. Chr.

[11] Gottfried von Straßburg, Tristan, Vers 11443

[12] Eliade, 1960, S.275

[13] James Joyce, Portrait des Künstlers als junger Mann, 1916

[14] Eliade, 1960, S.279

[15] Zimmer, 1935, S.119

[16] Eliade, 1951/1975, S. 136

[17] Gottfried von Straßburg, Tristan, Verse 12495-12502, S.159

[18] Eliade, 1952, S.74

[19] Zimmer, 1935, S.27

[20] Campbell, 1935, S.82

[21] Eliade, 1957, S.116

[22] Zimmer, 1935, S.29

[23] Mylius, zitiert in: Jung, 1940, Abs.152

[24] Sohn der Morgenröte, schöner Morgenstern, Lichtträger – der gefallene Engel, im Laufe des Christentums gleichbedeutend mit Teufel

[25] Aus dem Aramäischen – irdisches Eigentum, Reichtum, in der Bibel personifiziert „Ich könnt nicht Gott und dem Mammon dienen“ Lukas 16,9.11

[26] Hebräisch – der sich Windende, Name eines Seeungeheuers in der Mischung aus Krokodil, Drache, Schlange und Walfisch

[27] Hebräisch – Widersacher, Gegner, Durcheinanderbringer / „Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre“ Offenbarung 20,2, Lutherbibel 2017 / bemerkenswert das Gleichnis zu Loki in der nordischen Mythologie

[28] Die Dämonisierungen erdachte sich wahrscheinlich Peter Binsfeld, der Weihbischof von Trier um 1552. Er galt als aktiver Hexenverfolger.

[29] Ein Dämon aus der jüdischen Mythologie (Buch Tobit 3,8,17), wahrscheinlich aus den Veden übernommen, dort war er/sie die Aescma Daeva – Verkörperung von Begierde und Zorn sowie des Bösen allgemein

[30] Anderer Name des Teufels, in Verbindung mit Baal-Sebub – „Herr der Fliegen“ oder Herr des Mists“, abgeleitet aus Baal Zebub – „erhabener Herr“, Entsprechung des weiblich gedachten Fliegendämons aus dem persischen Bereich, zuständig für den Zerfall des Körpers

[31] Überlieferte Namensform der moabitischen Gottheit Baal Peor – „Herr des Peor“, ein Berg in Moab, in vorchristlicher Zeit auch als Dämon der Entdeckungen und Erfindungen bezeichnet, erscheint er als junge Frau und spendet Reichtum (in der Dictionnaire Infernal, 1818 von Collin de Plancy, S.79f)

[32] Rilke, 1898, Berlin

[33] Romanis & Mitchener in Surgery, zitiert in Graves, 1976/1988, S.396

[34] Eliade, 1960, S.273

[35] Apostelgeschichte 2, Einheitsübersetzung 20156

[36] In der etwa um 458 v. Chr. in Athen erstmals aufgeführten Tragödie „Die Orestie“ des Dramendichters Aischylos, wird Agamemnon (König von Mykene) von seiner Gattin Klytaimnestra und deren Lebensgefährten Aigisthos ermordet. Und zwar, weil Agamemnon zu Beginn des „Trojanischen Krieges“ die gemeinsame Tochter Iphigenie aus „taktischen“ Gründen den Göttern geopfert hat/haben soll. Den Mord an ihrem Vater können Orestes und seine Schwester Elektra wiederum nicht gutheißen, schwören Rache und töten ihrerseits – auf Betreiben des Apollo – Klytaimnestra und Aigisthos. Das erzürnt nun wieder die Erinnyen („Furien“, „Rachegöttinnen“). Sie verfolgen den tragischen Helden Orestes bis nach Athen, wo über den Fall des Muttermordes gerichtet werden soll. Obwohl die Verteidigung von Apollo übernommen wird, ist die Causa Orestes nicht einfach zu lösen. Schließlich wird aber – durch die Stimmabgabe Athenes – ein Unentschieden aller abgegebenen Stimmen und damit der Freispruch Orestes´ erreicht. Die mit diesem Urteil unzufriedenen Erinnyen, werden von Athene beschwichtigt, indem sie sie in Eumeniden (das waren so genannte „Wohlgesinnte“/„Wohlmeinende“) verwandelt. Quelle: Manfred Zorn auf navigator-allgemeinwissen.de