XLI Mythmaker

XLI Mythmaker 2019-09-16T17:08:30+00:00

Project Description

Der Dichter, der Priester, der Brahmane, der Schamane oder Medizinmann, sie alle sind die Bewahrer der alten Mythen. Auch wenn ich hier eine maskuline Schreibweise vermeide, so denke ich diesen Aspekt genderneutral. Das äußere Geschlecht ist vollkommen unerheblich, für die Fähigkeit der tiefen Selbsterkenntnis und der Vermittlung dieser Erfahrung im spielerischen Ritual. Nichts anderes treiben die Bewahrer der Mythen, jene Mythmaker, jene die „so wissen“. Ya evam veda. Nonlineares und lineraes Wissen in verdichteten Wortbildern, Tänzen und Gesängen wiederzugeben, ist eine prinzipiell menschliche Möglichkeit, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und Ethnie. In allen naturnahen Kulturen, erfolgte die Weitergabe des Wissens ausschließlich mündlich und körperlich. Dichtung, Tanz, Gesang, das Spiel der Masken und Rollen, als Essenz der Welt.

„ExpertInnen auf dem Gebiet der verbalen und darstellenden Kunst waren amauta (PhilosophInnen, DichterInnen, DarstellerInnen und InterpretInnen, die auch für eine “Erneuerung der Sprache” zuständig waren) und arawiku (Personen, die arawi – Lieder und Gedichte mit einem bestimmten Inhalt – verfassten). Sie waren teil eines komplexen Gefüges der Konstruktion und Tradierung von Wissen und künstlerischem Schaffen in der inkaischen Gemeinschaft. Im tawantinsuyu (Inka Reich) wurde Wissen generell mündlich weitergegeben, dafür war eine Reihe von SpezialistInnen zuständig.“[1]

 

„Augenscheinlich sind es die Dichter, die wahren Dichter allein […] die dem wandlungsfähigen Mythos ein offenbares Leben auf seinem geheimen Niveau schenken können- vogelfrei wie er ist, samt allem vergangenen Geistesgut […] Ihr Amt, Zeit um Zeit Mundstück menschlicher Schicksalswende zu sein […] Sie entreißen ihm scheinbar das Geheimnis seiner dunklen Gestalt, indem sie ihm einverleiben, was sie für alle in ihrer Zeit leiden und erleben – berufene Stimme für alle. Dann erwachen der Mythos und das Schicksal des Menschen aneinander zu gestaltigem Leben.“[2]

 

„Dichter und Priester waren im Anfang Eins, und nur spätere Zeiten haben sie getrennt. Der echte Dichter ist aber immer Priester, so wie der echte Priester immer Dichter geblieben. Und sollte nicht die Zukunft den alten Zustand der Dinge wieder herbeiführen?“[3]

Der wahre Dichter d.h. die wahren Menschen, sind jene HeldInnen, die den Kampf des Menschen, als ihren ureigenen inneren Kampf erkannt haben und immer wieder mit offenem Visier kämpfen. So tauchen diese Menschen ein in sich selbst und damit in die Ewigkeit aller gewesenen Tage und der kommenden. Sie durchbrechen die anfangs gedachten Ebenen aus Himmel, Erde und Unterwelt lebendig mit sich selbst – jedes Schicksal dieser Welt. Kommende, Gehende Gegangene – in sich erweckend und im wilden Strom der Natur durchlebend. Entlang der Achse der Welt, der axis mundi, entfliegen sie ihrer zeitlichen Gebundenheit, fahren hinab in die Tiefen des Hades, der Hölle, der Unterwelt, des Wunderlandes, des Traumes und hinauf in das Leuchten der Sterne, des Himmels, der Sonne, der Götter im immer strahlenden Paradies. Sie sehen, greifen und spüren was wahr. Sie sind Vergangenheit, ohne der faktenkundigen Geschichtsschreibung zu bedürfen. Was auch immer war, ES IST JETZT in ihnen und ihrer Existenz.

„Wir kennen zwar die Geschichte, kennen die historischen Wurzeln, aber dass das alles heute in uns drinsteckt, das vergessen wir und glauben wohl u.a. eben darum, aktuell nichts machen zu können. Doch wir werden noch immer weder für den Kapitalismus noch für bestimmte Technologien noch für das Patriachat geboren.“[4]

Und genauso sind sie auch die Zukunft, ohne in die Glaskugel zu schauen. Es findet alles Werdende in ihrem Kosmos statt. DENN WAS IMMER WIRD, ES IST JETZT durch mich. Ich bin in meiner spielerischen Freiheit voll verantwortlich.

Sie sind „die vorzüglichsten Bewahrer der reinen Heldendichtung […] Sänger, Dichter, Musiker, Wahrsager, Priester, Arzt in einem, auch Träger der religiösen Volksüberlieferung und Bewahrer Jahrhunderte alter Legenden […]“[5]

Unser Sein in diesem Moment, ist Vergangenheit und gestaltet Zukunft. Ein freier Tanz entlang des Weltenbaumes, durch alle Welten des heiligen Geistes. Damit befinden wir uns im Zentrum der Welt. Ich spüre das, indem ich meine Mitte spüre, in mir ruhe, zentriert bin.

„[…] ein “Zentrum” verkörpert einen idealen Punkt […] ein “Zentrum” ist der paradoxe Ort des Aufbrechens der Ebenen, der Punkt, an dem die sinnlich wahrnehmbare Welt transzendiert werden kann. Jedoch eben dadurch, daß man das Universum, die geschaffene Welt transzendiert, transzendiert man auch die Zeit, die Dauer, und erlangt die stasis, die ewige, zeitlose Gegenwart. Der Akt der Durchbrechung des Raumes und der Akt der Durchbrechung des Zeitverlaufs gehören zusammen […] Daher ruft der Budhha aus: “Ich bin der Älteste der Welt2 (jettho`ham asmi lokassa). Denn mit der Erreichnung des Weltengipfels wird Buddha ein Zeitgenosse des Weltbeginns. Auf magische Weise hat er die Zeit und die Schöpfung ausgelöscht; er befindet sich in jenem Zeitaugenblick, der der Kosmogonie vorausgeht.“[6]

 

„Innerhalb jener Kulturen, die mit der Konzeption dreier kosmischer Regionen – Himmel, Erde, Hölle – vertraut sind, bildet das “Zentrum” den Punkt, wo diese drei Regionen einander überschneiden. An diesem Punkt ist die Möglichkeit gegeben, daß eine der Weltebenen aufbricht und damit eine Verbindung der drei Regionen untereinander zustande kommt. […] Somit liegen Hölle, Weltzentrum und “Himmelspforte” auf derselben Achse – und auf dieser Achse fand einst der Übergang von einer Weltenregion in eine andere statt.“[7]

Kreatives Sein, unter Aufhebung der Gesetze von Zeit und Raum im einzigen Moment, dem Zentrum der Welt, ermöglicht überhaupt erst Kultur und eine wertschätzende Lebensweise, für alle Wesen. Das ist Kunst und Leben in einem, das Prinzip der Natur.

„[…] denn jedes menschliche Wesen strebt, sogar in seinem Unbewußten, dem Zentrum sowie seinem eigenen Zentrum zu, das ihm die ganze Wirklichkeit, die “Heiligkeit” verleiht. Dieser tief im Menschen verwurzelte Wunsch, sich im Herzen des Wirklichen, im Weltzentrum zu befinden, dort wo die Verbindung mit dem Himmel zustande kommt, liefert die Erklärung für die übermäßige Inanspruchnahme von Weltzentren. […] Einerseits läßt der Weltenbaum sich nicht ersteigen, andererseits kann er sich in jeder Jurte befinden. Der zum Zentrum führende Pfad ist mit Hindernissen übersät, und doch befindet sich jede Stadt, jeder Tempel, jeder Wohnraum im Zentrum der Welt. Die von Odysseus durchlittenen Schmerzen und “Prüfungen” sind “sagenhaft”, und dennoch hat jedwede Heimkehr zum häuslichen Herd den gleichen Wert wie Odysseus`Rückkehr nach Ithaka. All dies scheint deutlich zu machen, daß der Mensch nur in einem geheiligten Raum, im “Zentrum” leben kann.“[8]

Schöpfendes Leben in der Kunst des Spielens – wir nennen das schon immer Theater, auch wenn Theater heute sehr materialisiert umgesetzt wird. Es geht um das Spielen an sich, reines absichtsloses Spielen das ansteckend ist und meine innerste Seinsweise offenbart, bewusst oder unbewusst. Dabei ist die Story eigentlich nur der kleine Teil der männlichen Seinsweise, festhaltend meinen immer ruhelosen, umherfliegenden Gedankensalat.

„Das Heilige ist […] das Reale schlechthin, es ist Macht, Wirksamkeit, Quelle des Lebens und der Fruchtbarkeit. Das Verlangen […] ein Leben im Heiligen zu führen, ist das Verlangen, in der objektiven Realität zu leben, nicht in der endlosen Relativität rein subjektiver Erfahrungen gefangen zu bleiben.“[9]

Und darin wächst auch eine Aufgabe für den Film heute. In diesem Moment des rituellen Erschaffens einer phantastischen Welt, ist die Bühne oder das Set das kosmische Zentrum, in ihrer Mitte die noch oben und unten öffnenden Achse der Welt. Jeder einzelne Spieler ist dieses ekstatische Zentrum. Weit entfernt von jeder unbewussten und furchterregend selbstüberhebenden, egomanen Selbstverliebtheit.

„Wir haben es mit einer mystischen Reise zu tun, die ins “Zentrum” und dann in den höchsten Himmel führt. Ob also der Schamane die zeremonielle Birke mit ihren sieben oder neun Einkerbungen erklimmt oder ob er die Trommel rührt – immer unternimmt er eine Reise zum Himmel. Doch er vermag das Durchbrechen der kosmischen Ebenen, das ihm den Aufstieg oder den ekstatischen Flug durch die Himmel ermöglicht, nur deshalb zu erreichen, weil er sich im Mittelpunkt der Welt zu befinden meint. Denn wie wir bereits sahen, ist nur innerhalb eines solchen Zentrums die Verbindung zwischen Erde, Himmel und Hölle möglich.“[10]

 

„Erst dieser im Raum entstandene Bruch ermöglicht die Konstituierung der Welt, denn erst er schafft den “festen Punkt”, die Mittelachse, von der jede künftige Orientierung ausgeht. […] die wir einer “Weltgründung” gleichsetzen dürfen.[…] die Heimat, die Landschaft der ersten Liebe, eine bestimmte Straße oder Ecke in der ersten fremden Stadt, die man in der Jugend besucht hat. Alle diese Orte behalten selbst für den völlig unreligiösen Menschen eine außergewöhnliche, “einzigartige” Bedeutung: sie sind die “heiligen Stätten seines privaten Universums, so als habe sich diesem unreligiösen Menschen eine Realität offenbart, die anderer Art ist, als die Realität seiner Alltagsexistenz.“[11]

Zur vollen Erfüllung der Berufung, ja es ist eine Berufung und kein Job, muss ich mich jedoch vom bewertenden, geschlechtsspezifischen Denken ebenso verabschieden, wie von jedem Impuls des vertikalen Strebens, hin zu einem Ideal der Vollkommenheit. Es kann nicht um Optimierung gehen.

Die Wirkung des Seins im Moment der Gegenwart, die alles in sich einschließt – Gewesenes, Werdendes und Seiendes – habe ich in dieser Arbeit oftmals erwähnt. Das Sein in der Gegenwart, ist die Grundvoraussetzung des Spielens. Erst danach kommt die Frage nach dem Woher und Wohin. Das Sein im Moment, ist das weiblich gedachte Leben der Erde, symbolisiert im Kreis und im Quadrat, entsprechend der Richtung des Denkens und den Elementen, den Himmelsrichtungen. Die Frage nach dem Woher und Wohin und das ständig strebende Erreichen eines Zieles auf schnellstem Wege, ist die männlich gedachte Qualität des Lebens, symbolisiert im aufstrebenden Dreieck. Der Pfeil im hart gespannten Bogen, der das Ziel erreicht, bevor die Spannung gänzlich sich löst. Beides in einem. Beide vereinigt, männlich und weiblich.

„Die historische Welt, die Gesellschaften, die Zivilisation, die dem Bemühen tausender Generationen ihren Aufbau verdanken – sie alle sind trügerisch, weil die historische Welt auf der Ebene der kosmischen Rhythmen nur einen kurzen Augenblick dauert.“[12]

 

„Es ist entscheidend, daß man nicht ausschließlich an die Wirklichkeit der in der Zeit entstehenden und versinkenden Gestalten glaubt: nie darf man aus dem Auge verlieren, daß solche Gestalten nur in ihrem eigenen Bezugsrahmen wahr sind […] projizieren wir ein Ding oder ein Sein auf die Ebene der kosmischen Zeit, so genügt dies, daß wir uns seiner Irrealität unverzüglich bewußt werden.“[13]

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[1] Mader, 2008, S.23

[2] Zimmer, 1935, S.17/18

[3] Novalis, Blüthenstaub, Nr.71

[4] Bahro, 1991, S.54

[5] Eliade, 1951/1975, S.40

[6] Eliade, 1952, S.87ff

[7] Eliade, 1952, S.45

[8] Eliade, 1952, S.59f

[9] Eliade, 1957, S.28

[10] Eliade, 1952, S.51

[11] Eliade, 1957, S.23ff

[12] Eliade, 1952, S.79

[13] Eliade, 1952, S.80