XV Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren

XV Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren 2019-09-13T15:02:32+00:00

Project Description

“Über die Wahrnehmung der anderen werden wir zu beneideten Angehörigen einer offenbar erfolgreichen, starken Kultur. Die europäische Kultur ist eine Kultur der andauernden und ungebrochenen Definitionsmacht über Natur und Menschen. Sie ist gerade deswegen so gewalttätig, weil sie in sich die Erfahrungen der grenzenlosen Macht, des scheinbar grenzenlosen Machbaren einschließt und mit immer neuen Mitteln fortsetzt. Wir planen hier bei uns Projekte und Aktionen zur Linderung der Not in aller Welt, zur Lösung aller Probleme. Dabei werfen wir immer wieder neue Konzepte „auf den Markt“. Über unsere Weltbilder und ihre weltweite Rezeption setzt sich die europäische Expansionsgeschichte auch noch heute ungebrochen fort.”[1]

Erst recht in der etablierten, subventionierten Kulturindustrie, halten wir, Konsumenten und Produzenten, trotz gegenteiliger Worte, Bekundungen, Konzepte und gedachter Überzeugungen, an einem Welt- und Menschenbild fest, das eine reaktionäre, patriarchale Struktur bestätigt und künstlich ernährt.  Aber …

“ […] was der Mensch sich denkend erarbeitet, das verwandelt ihn noch nicht.”[2]

Wozu auch. Wohin? Die erfahrbare Veränderung wäre ein gewaltiger urzeitlicher (innerweltlicher) Riese. Ich bin weiter Thor und ziehe mit meinem Hammer los – Riesen erschlagen, die unmittelbare Erfahrung verhindern.[3] Denn das ist der Weg, weg vom Leben: Vervollständigung, Perfektionierung, Kunst. Der Weg über die Natur hinaus.

“Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren. Er wird es sich zur Aufgabe machen, der Bewegung seiner eigenen Organe – bei der Arbeit, beim Gehen oder im Spiel – höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen. Er wird den Willen verspüren, die halbbewußten und später auch die unterbewußten Prozesse im eigenen Organismus: Atmung, Blutkreislauf, Verdauung und Befruchtung zu meistern, und wird sie in den erforderlichen Grenzen der Kontrolle durch Vernunft und Willen unterwerfen. […] Das Menschengeschlecht, der erstarrte Homo sapiens, wird erneut radikal umgearbeitet und – unter seinen eigenen Händen – zum Objekt kompliziertester Methoden der künstlichen Auslese und des psychophysischen Trainings werden. Das liegt vollkommen auf der Linie seiner Entwicklung. Der Mensch hat zuerst die dunklen Elementargewalten aus der Produktion und der Ideologie vertrieben, indem er die barbarische Routine durch wissenschaftliche Technik und die Religion – durch Wissenschaft verdrängte. Dann hat er das Unbewußte aus der Politik vertrieben, indem er die Monarchie und die Stände durch die Demokratie und durch den rationalistischen Parlamentarismus und schließlich durch die kristallklare Sowjetdiktatur ersetzte. Am schlimmsten hat sich die blinde Naturgewalt in den Wirtschaftsbeziehungen festgesetzt – aber auch von dort vertreibt sie der Mensch durch die sozialistische Organisation der Wirtschaft.[…] Im tiefsten und finstersten Winkel des Unbewußten, Elementaren und Untergründigen hat sich die Natur des Menschen selbst verborgen. Ist es denn nicht klar, daß die größten Anstrengungen des forschenden Gedankens und der schöpferischen Initiative darauf gerichtet sein werden? Das Menschengeschlecht wird doch nicht darum aufhören, vor Gott, den Kaisern und dem Kapital auf allen vieren zu kriechen, um vor den finsteren Vererbungsgesetzen und dem Gesetz der blinden Geschlechtsauslese demütig zu kapitulieren! Der befreite Mensch wird ein größeres Gleichgewicht in der Arbeit seiner Organe erreichen wollen, eine gleichmäßigere Entwicklung und Abnutzung seiner Gewebe, um schon allein dadurch die Angst vor dem Tode in die Grenzen einer zweckmäßigen Reaktion des Organismus auf Gefahren zu verweisen, weil es gar keinen Zweifel geben kann, daß gerade die äußerste Disharmonie des Menschen – die anatomische wie die physiologische –, die außerordentliche Unausgeglichenheit der Entwicklung und Abnutzung der Organe und Gewebe dem Lebensinstinkt eine verklemmte, krankhafte und hysterische Form der Angst vor dem Tode verleiht, die den Verstand trübt und den dummen und erniedrigenden Phantasien von einem Leben nach dem Tode Nahrung gibt. Der Mensch wird sich zum Ziel setzen, seiner eigenen Gefühle Herr zu werden, seine Instinkte auf die Höhe des Bewußtseins zu heben, sie durchsichtig klar zu machen, mit seinem Willen bis in die letzten Tiefen seines Unbewußten vorzudringen und sich so auf eine Stufe zu erheben – einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus, und wenn man will – den Übermenschen zu schaffen.“[4]

In diesem geistigen Klima entwarf Stanislawski als Zeitgenosse Trotzkijs und Stalins in Russland sein wegweisendes Schauspieltraining, das noch heute als Grundlage jeder schauspielerischen Technik gilt und entsprechend gelehrt wird. Dieser vertikale, selbstvergewaltigende Odem des linearen Denkens, weht durch alle Theaterflure und Filmstudios und somit durch alle Produkte der Unterhaltungsindustrie, bewusst oder unbewusst. Das ist ein Fakt! Stalinistisches Yoga, mit verblüffender Ähnlichkeit zu seinem indischen Original.

“Befreiung des Menschen aus seiner menschlichen Verfassung, Eroberung der absoluten Freiheit, Verwirklichung des Unbedingten. […] Der profane Mensch lebt in Gemeinschaft, heiratet, gründet eine Familie […] Der Profane ist “besessen” von seinem eigenen Leben, der Yogin weigert sich “gelebt zu werden” […] Alle yogischen Techniken fordern zu ein und demselben auf, nämlich genau das Gegenteil von dem zu tun, wozu die menschliche Natur uns zwingt. […] Diese totale Opposition gegen das Leben ist nichts Neues, weder in Indien noch anderswo […]”[5]

Pranayama[6], zwanghaft der Natur meinen Stempel aufdrücken, Stille erzwingen wo lärmendes Leben tobt. Doch immer wieder: Atmen, fließendes bedeutungsleeres Atmen, faul, selbstgerecht, selbstständig – gottloser Rhythmus des Lebens. Immer da. Eine Welle folgt und folgt und folgt und folgt und folgt.

Reiß Dich gefälligst zusammen! Forme Dich. Verwandle Dich. Werde wachse übermenschlich in das Licht, göttlich, herrlich, sozialistisch, erfolgreich, wunderschön, steinreich. Atme aus und nicht wieder ein! Jetzt! Stoppe Natur. Mache! Töte! Wende vom Leben ab den Blick. Besiege das Leben. Gestalte!

ICH bin groß. Schlage tätig willentlich atmend und nicht atmend Wellen auf. Bugwellen. Flutwellen. Monsterwellen.

ICH bin der Herr meiner morbiden Zivilisation, Vater meiner Kultur.
Lege mich in die Riemen
Rudere dem Strom des Lebens zuwider.
Noch bin ich der Herr im Haus.  Noch halte ich das Zepter fest in der Hand.
Wir sind hier nicht bei den Wilden, den Hottentotten. Primitive affengleich.
Ich bestimme mein Leben selbst.  Aktiv. Herrlich. In einem Atemzug:
Herrenmensch und Völkerabfall

“Ich lehre Euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt Ihr getan, ihn zu überwinden? […] Was ist der Affe für den Menschen?  Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und eben das soll der Mensch für den Übermenschen sein: Ein Gelächter, eine schmerzliche Scham.”[7]

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[1] Mergner in Ein Herrenvolk von Untertanen, 2006

[2] Zimmer, 1935, S.79

[3] „Thor allein schlug dort zu, von Zorn erfüllt, er sitzt selten, wenn er solches erfährt“ in Die Weissagung der Seherin – Völuspa, Übersetzung: Krause

[4] Leo Trotzkij, 1923, zitiert in Peter Keiler (Freie Universität Berlin) Lev S. Vygotskij – Ikarus mit gestutzten Flügeln, S. 23/24

[5] Eliade, 1960, S.105

[6] „Prana“ ist eine Bezeichnung für die Lebensenergie (vergleiche auch Qi); „Ayama“ kann mit „kontrollieren“ oder auch mit „erweitern“ übersetzt werden. Der Begriff „Pranayama“ bezeichnet also die bewusste Regulierung und Vertiefung der Atmung […] Quelle wikipedia

[7] Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Kap.3, Zarathustras Vorrede