XVIII Jenseits aller Kategorien

XVIII Jenseits aller Kategorien 2019-09-13T17:01:30+00:00

Project Description

“Ich erinnere mich der Riesen,   der ehedem Gebornen
die mich einst   aufgezogen haben
neun Welten gedenk ich,    neun Ästen,
des herrlichen Weltbaumes    unter der Erde”[1]

Vergesse Menschmaschine, Denkmaschine,
Kontrollorgan in dämonischem Chaos
Ordnung. Die Natur ist in Ordnung.

„Natur: sich dem analytischen Denken entziehend, jenseits von Kategorien stehend, selbst – organisierend, sich selbst informierend und bildend, spielerisch, überraschend, nicht auf Dauer, nicht – substanzhaft, vollständig, geordnet, unvermittelt, sich frei manifestierend, sich selbst bestätigend, aus eigenem Willen handelnd, komplex und dabei ziemlich einfach. Leer und real zur gleichen Zeit. In einigen Fällen könnte man es heilig nennen.”[2]

Entkommen in industrielle Gegenwart,
Zeit – Tick Tack – schneller machen, antreiben
atemlose Fokussierung auf Punkt
zusammengekniffene Augen mit explodierender Blutpumpe
beckenbodenlos abheben.
Gedankenfeinstaubbelastung, Sekunde durch Hirn[3]

“Je unwissender man von Natur ist, desto mehr Kapazität für das Wissen. Jede neue Erkenntnis macht einen viel tiefern, lebendigern Eindruck. Man bemerkt dieses deutlich beim Eintritt in eine Wissenschaft. Daher verliert man durch zu vieles Studieren an Kapazität. Es ist eine der ersten Unwissenheit entgegengesetzte Unwissenheit. Jene ist Unwissenheit aus Mangel, diese aus Überfluß der Erkenntnisse.”[4]

Kann noch singen in malerischer Wortlosigkeit?
Faserndes Wurzelwerk, tanze, schwinge,
falle zum Sturz in die leuchtende Höllentiefe,

ich
streichle mit Nervenenden – Baum meines Kreuzes
alles blutig.

“Wie daher die rationale Metaphysik lehrt homo intelligendo fit omnia (der Mensch macht durch Erkennen alles), so lehrt diese phantastische Metaphysik homo non intelligendo fit omnia und vielleicht liegt in diesem Wort mehr Wahrheit als in jenem, denn durch das Verstehen klärt der Mensch seinen Geist auf und begreift die Dinge, doch durch das Nichtverstehen macht er die Dinge aus sich selbst, verwandelt sich in sie und wird selbst zum Ding.”[5]

platzende Vulkane
pechzähe Lavalust, glutrote Ströme,
ich entfesselnd weiter stürze,
entwickelnd aus dem Band das fest verbindet
gesichert, vertraut vertaut,
Sturm meines Tagesdenken.
Streben nach Auszeichnung, stummer Fisch.
Benutzt, ausgeleiert, geliebt, vernichtet –
– gesprengtes Muskelfleisch in wabernder Bauchdecke
zerfetzt vom fehlerhungrigen Antriebshecheln getrieben.

„[…] der Lebensatem ist ein Wildschwan, der unablässig in uns auf und nieder fliegt, wenn man ihn nicht durch Stillstand des Atems zur Ruhe bringt. Er ist die greifbare Offenbarung unseres Lebensfunkens, an dem unsere gegenwärtige Individuation wie alle früheren hängt […] Ich, das Kreatürliche, bin in Wahrheit das todlos Göttliche.“[6]

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[1] Die Weissagung der Seherin – Völuspa, Krause, 2018

[2] Snyder, 1990, S.170

[3] Vischer, Melchior, Sekunde durch Hirn, Ein unheimlich schnell rotierender Roman, 1920

[4] Novalis, Blüthenstaub, Vers 90, 1798

[5] Vico, 1744, S.79

[6] Zimmer, 1935, S. 113f