XXIII Nymphe im Seerosenteich

XXIII Nymphe im Seerosenteich 2019-09-13T17:21:11+00:00

Project Description

Ziehe mich schnell hinein, lasse mich nicht zurück
im Zielgeflecht: funktionierende Infrastruktur auf tauendem Permafrostboden.
Nymphe im Seerosenteich
die mir erdacht gemeißelten Helden
versprechende Hand zartdurstig entgegenstreckt –
mir schaffende Lichtgestalt, gereiztes Individuum der Tat,
waidwund geschossener Mannmensch des Tages
der geilgierig auf sich öffnende Alabasterbrüstchenrosen starrt,
die du so gedankenlos hast entblößt als wäre es Natur.
Als müsse es sein. Muss das denn sein?
Ich will dich nehmen, die Hand, die Brust, dich Weib, deine Lust.

“Der Volksmund nennt sie die Weisen Frauen. […] Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird. […] Sie können ein Kind verzaubern […] Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter […] Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder […] Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.”[1]

Ich bin verliebt, bin ich getroffen, verletzt, geschlagen
räudiger Köter mit Trippentritten[2] in Kotkanäle Richtung Fluß getaucht
am Fellfilz gerissen in Löcher und Fetzen
ungehöriger, nichts nutzender, winselnder Bettler
in Bedürftigkeitsschleimspur verklebt
paniert in krustiger Geilheit, geteert und gefedert,
röchelnd verreckt nach selbstmordender Hatz.

Ich bin verliebt im warmen Regen geklärter Frischwasser,
in Zypressenduft und Mangoschaum gehüllt
ebengleichweich geschorener weißer Hautflächen
Nebel aus Moschus, scharfer Scheitel, weißes Hemd
gelbklebrigen Geifer aus dem Mundwinkel gefischt
freie ich Dich Du wundervolle Göttin.
Das wird meine gallige Rache.

“[…] die überragende große Göttin […] ein metaphysisches Symbol: die Erzpersonifizierung der Kraft von Raum, Zeit und Materie, in deren Bezirk alle Wesen entstehen und vergehen: der Stoff ihrer Leiber, die Gestalterin ihrer Leben und Gedanken und die Empfängerin ihrer Toten. Und alles, was Form oder Name hat – einschließlich des als gut oder böse, gnädig oder zornig personifizierten Gottes-, war ihr Kind, in ihrem Schoß.”[3]

Schattenseiten haschen, Schattenseiten hassen
Keinen Moment mehr der Sekunde am Fuße des untiefen Seerosenteiches.

“Die Begegnung mit sich selber bedeutet zunächst die Begegnung mit dem eigenen Schatten. Der Schatten ist allerdings ein Engpaß, ein schmales Tor, dessen peinliche Enge keinem, der in den schmalen Brunnen hinuntersteigt, erspart bleibt. Man muß aber sich selber kennenlernen, damit man weiß, wer man ist, denn das was nach dem Tode kommt […] es ist die Welt des Wassers, in der alles Lebendige suspendiert schwebt, wo das Reich des “Sympatikus”, der Seele alles Lebendigen beginnt, wo ich untrennbar dieses und jenes bin, wo ich den anderen in mir erlebe und der andere als Ich mich erlebt. Das kollektive Unbewußte ist alles weniger als ein abgekapseltes, persönliches System, es ist weltweite und weltoffene Objektivität. […] Alles Trachten der Menschheit ging daher nach Befestigung des Bewußtseins. Diesem Zwecke dienten die Riten […] die Dogmata; sie waren Dämme und Mauern errichtet gegen die Gefahren des Unbewußten, die perils of the soul.”[4]

Nymphe die mich verfolgt hinter mir, vor mir, neben mir, in mir.
Überspringe ALLE vor mir weg auf Dich zu über Dich
mein Verlangen
mein Verderben
meine Kraft
und mein Tod
Ist in mir und das bist auch Du.

“Gefordert vom Menschen ist nicht, wie einige Existenzphilosophen lehren, daß man die Sinnlosigkeit des Lebens aushält, sondern vielmehr, daß man die eigene Unfähigkeit erträgt, seine unbedingte Sinnhaftigkeit rational zu erfassen.“[5]

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[1] Martin Luther, Predigt vom 6. Mai 1526, WA 16, 551f.

[2] Trippen waren Unterschuhe aus Holz, Holzklötze die sich die Menschen im Mittelalter in den Städten unter die Füße banden, um nicht im Kot auf der Straße zu versinken

[3] Campbell, 1959, S.18, Mythologie des Westens

[4] Jung, 1959, Abs.45f, S.31 in Die Archetypen und das kollektive Unbewußte

[5] Victor Frankl zitiert in Campbell, 1959, S. 504, Schöpferische Mythologie