XXIV Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan

XXIV Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan 2019-09-13T17:32:33+00:00

Project Description

“Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.”[1]

 

“Ehe die Menschen lernten, Gedanken zu produzieren, kamen die Gedanken zu ihnen. Sie dachten nicht, sondern sie nahmen ihre geistige Funktion wahr.”[2]
“ […] auch wir empfinden gewisse besonders erleuchtende Einfälle noch als Einhauchungen (Inspirationen). Werden aber Gedanken […] durch unbewußte Tätigkeiten dem Bewußtsein übermittelt, so wird hierzu oft merklich der Archetypus einer gewissen weiblichen Gestalt, nämlich der Anima […]”[3] verwendet.

Verlassener Garten patriarchaler Selbstverachtung
Zerklüfteter Schienenstrang
Schmalspurbahn,
direkt aus mir heraus auf mich zubummelnd –
Felsenecken, Wurzelberge, Moosgeflechte.
Hier in der Spur bleiben,
Tempo halten auf zertretenen Gleisen zerfallender Holzbohlen.

Das wär was! Nicht zu schnell werden.
Jung bleiben, der Zeit trotzen, Zerfall ignorieren.
Unsterblichkeit quasi im zerfahrenen Lebensgleis.
Jede weinende Kerbe für jede Chance die wird und war.

“Die zahllosen Erscheinungsformen des Göttlichen als Götter und Göttinnen, hoheitsvoll und in Jugendreiz, majestätisch-gelassen oder grimmig drohend, und alle Heere des Dämonischen […] Wir haben den Samen zu allem in uns, aber nicht alles wird keimen und aufschießen, viele Früchte, die unser Garten tragen könnte, werden niemals reif. Aber was unter allem keimhaft in uns Angelegten so geartet ist, daß es wirklich keimen kann […] Typus, Temperament und Lebensalter, dazu Gewöhnung halten uns spontan in der Nähe der einen oder anderen Ausprägung des Göttlichen oder Dämonischen; die in uns keimbereiten Möglichkeiten sind dem einen oder anderen Vorbild aus Mythos und Geschichte wahlverwandt.”[4]

In Deiner Haut lese ich,
in Deiner Bewegung
eine Geschichte im fernen Land begonnen, vor unendlicher Zeit,
in grausamen Dunkelgrau
das Dich Golden pigmentierte.
Der Nachtsonne Schein streift ein Funkeln über Deine dicht beschriebenen Seiten.
Du ziehst Dich an, verpackst Dein Geheimnis gefiederleicht,
für das Zurück in die Zählbarkeit des Pulsierens.
Ich setze mich wieder ins Gleis zum Entgleisen,
neben dem Neubau der unbegrenzten Möglichkeiten,
als Ausstellungstück des Rückwärts, der Widerspenstigkeit –

Wixvorlage für Nostalgiepatrioten im aalglatten Schnellzug
nach Paris fliegend
über freigesprengten Weg, Macht der Gewohnheit direkt neben mir.
Ich kann den Windzug fühlen.
Ich glaube ich bleibe mal stehen und warte wieder gewohnheitsmäßig.

“[…] Gewohnheiten erscheinen uns notwendig, durch sie erleben wir uns fremdbestimmt. […] jede Freiheit von der Knechtschaft der Gewohnheiten, muß auch eine tiefgreifende Neudefinition des Selbst beinhalten. Wenn ich auf der Ebene des Lernens […] stehen bleibe, bin ich die Gesamtheit derjenigen Charakteristika, die ich als meinen Charakter bezeichne. Ich bin meine Gewohnheiten. […] Aber: Wir können Poesie machen in der Sprache und in der Praxis, im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln.”[5]

Eissplitterorkan warnt der Wetterdienst, Nagelsturm ans Fensterglas.
Kühle meinen Kopf in der Gefahr,
im Atemrhythmus des Hauses, das mich warm einmauert.
Verschlinge mit angelehntem Rücken und flachen Handflächen
unendliche Ofenwärme.

Ytong Steine auf Augenlidern, wieder Deine nackte singende Haut,
ziehe ein in den liebsten Palast.
Schmetterlingsflügel elfengleich tragen funkenfeines Erleben
zum heraufrollenden Bach
in dem ich, ein Spinner der Welt fremd, meine Zunge kühle, über der Erde.

“Weisheit und Narrheit erscheinen im elfischen Wesen nicht nur als eines und dasselbe, sondern sind eines und dasselbe. […] Das Leben ist närrisch und bedeutend. […] Im Grunde genommen bedeutet nichts etwas, denn als es noch keine denkenden Menschen gab, war niemand da, der die Erscheinungen deutete. Nur dem muß gedeutet werden, der nicht versteht. Bedeutung hat nur das Unverständliche. Der Mensch ist erwacht in einer Welt, die er nicht verstand, und darum versucht er, sie zu deuten. […] Allen Ideen […] liegen archetypsische Urformen zugrunde, deren Anschaulichkeit in einer Zeit entstanden ist, wo das Bewußtsein noch nicht dachte, sondern wahrnahm. Gedanke war Objekt der inneren Wahrnehmung, nicht gedacht, sondern als Erscheinung empfunden, sozusagen gesehen oder gehört. Gedanke war wesentlich Offenbarung, nicht Erfundenes, sondern Aufgenötigtes oder durch seine unmittelbare Tatsächlichkeit Überzeugendes.”[6]

Poesie ist Freiheit
tropfenweise keuchen weiche Lippen rosa Worte,
jemand mit fauligen Zähnen spuckt Dreck.
Poesie macht Schatten lebend, Poesie ist Verantwortung.

“Poesie ist nicht das Gesagte, sondern die Art des Sagens”[7]

Es heißt,
mit verstandeskonformem, linearem Denken versteht keiner Poesie!
Verstand kann Poesie verhindern.
Verstand kann Poesie nicht erkennen.
Verstand ist nicht poetisch.
Meine Große Göttin versteckt sich vor Dir.

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[1] Goethe, Faust II, Vers 12104 ff. / Chorus mysticus – Schlussverse

[2] Jung, 1940, Abs.81, S.63 in Philosophie und Religion

[3] Jung, 1940, Abs.240, S.177 in Psychologische Deutung des Trinitätsdogmas

[4] Zimmer, 1935, S.165f

[5] Bateson 1981, 389 ff, Ökologie des Geistes, zitiert in Portele, 1992, S. 41

[6] Jung, 1959, Abs.65f, S.41ff

[7] Housmann zitiert bei Campbell, Mythologie der Urvölker, 1959, S.58