XXIX Leere

XXIX Leere 2019-09-16T16:53:46+00:00

Project Description

“Vielleicht werden wir eines Tages entdecken, daß im mythischen und im wissenschaftlichen Denken, diesselbe Logik am Werke ist und daß der Mensch allezeit gleich gut gedacht hat.”[1]

Tiefe, unendliche Tiefe. Wie tief? Sag Zahlen für meine Vorstellung! Echolot kommt nie an.  So tief. Das ist meine Tatsache. Darüber fast stehen, bald schweben – bin ich dazwischen ungehalten uferlos sinnentleert da.

“Auch Himmel und Hölle, Satan, die Dreifaltigkeit und überhaupt alle sind so sinnlos- “so gekommen” – wie das Sein selbst. Wenn man einen Aspekt bejaht, bejaht man alle. Im Feld von Raum und Zeit sind sie als Erscheinungen, oder als Vorstellungen, getrennt, in der Wahrheit hingegen – der Weisheit des anderen Ufers […] jenseits der Gegensätze – sind sie die linke und die rechte Seite eines einigen nichtseienden Seins, das weder ist, noch nicht ist: so wie Dante beim Anblick dieses Schatten Gottes weder tot noch lebendig gewesen war.”[2]

Wenn Tag und Nacht sich treffen, wenn Geschlechter einander berühren, wenn die Stimme des Traumes die Vernunft verführt, wenn tosende Stille die Weite meiner Tagträume empfängt, wenn Frau Zwischenwelt mir ihre Audienz gewährt – dann öffnet sich mein Blick in Gewesen und Werden, in andere Welten meiner Welt. Dann wird Mann zur Frau und Frau zum Mann – beide Beides. Die Geschlechter gehören einander und sind Eines. Der androgyne Mensch. Die Sackgasse der Gegensätze –  Arena meines gigantischen Schauspiels. Das ist die Zeit des Rituals im Feuerschein. Der Mythos erwacht.

“In der lila Stunde, wo Augen und Rücken
Vom Pult sich erheben, wenn der Menschenmotor wartet,
Wie ein knatterndes Taxi-Auto wartet,
Kann ich Tiresias, pochend zwischen zwei Leben, ich blinder
Greis mit runzligen Weiberbrüsten sehen,
In der lila Stunde, der Abendstunde”[3]

Bruch! Dann knallen die Sektkorken in den Bars der käuflichen Liebe, trinkt der MannMensch sein Feierabendbier, Wein zum Dessert, läuft die vergnügungssüchtige Maschine der Spaßindustrie Amok in Festsälen, Kinos, Theater, verspricht jedes Medium Ablenkung von mir selbst. Bugs Bunny und Duffy Dug.

„(Duffy Duck u.a.)
Das ist die große bunte Bunny-Schau,
die alles froh und farbig macht
Sie macht sogar den grauen Himmel blau,
damit die Sonne mit uns lacht

Hier kommt ein Super-Knüller-Knallbonbon
Da sprüht der Witz, da geht es rund
Da steigt die Stimmung wie ein Luftballon
Ja Freunde, lachen ist gesund

Das ist die große bunte BunnySchau
Und wir sind alle mit dabei
Das ist für jeden was, das wird ein Riesenspaß
Das Spiel beginnt, die Bühne frei
Die große bunte BunnySchau“[4]

Meine Seele? Griff in leere Luftblasen, Sicherungsseil festhalten – objektiv nicht da das. Nichts, nur Wunschträume in Moll. Ist das was? Keinen Hauch geatmet, keine rettende Idee mehr wie sonst immer. Weder Anker noch Schirm. Bullet time[5]. Projektil pfeift geschossen bis dicht vors Auge. Reißverschlußprinzip öffnet das Gesicht, legt detailliert erforschtes, erloschenes Muskelfleisch frei, Knochenmasse auch. Tritt ein Projekt! Was gibt es zu tun?

„[…]eine tiefe Umwälzung […] eine Umzentrierung und Umstrukturierung, die ihn ganz erfaßt, auch den Körper, daß er dazu Unterstützung braucht; daß er in den “Engpaß” (impass) hinein muß, in die Sackgasse der gegensätzlichen Tendenzen, bis in der fruchtbaren Leere (fertile void) die Widersprüche und Gegensätze sich auflösen, zum integrierten Ganzen werden. […] Ich denke, wir haben viel gewonnen (nicht nur für uns), wenn wir die Gewohnheit des mechanistischen Weltbildes aufgeben könnten. Eine Überzeugung des mechanistischen Weltbildes ist, daß wir wie ein Stein Stabilität nur durch Widerstand gegen Veränderung gewinnen können. Wir wollen Sicherheit durch Festhalten, Unterbinden des Wandels – als ob wir den Tod vermeiden könnten. Aber: Weil wir leben, sterben wir.”[6]

Kann ja den Rückgang wieder wagen. Vom neuen Mut der bodenlosen Unverstellung zurückrobben unter Stacheldraht, über Mauern, durch Wassergräben, Einbahnstraßen, Springbrunnen – Treppe auf rückwärts in geraffter Historie aufs flauschige Sofa und Politshows gucken. War das nicht ein vorgesehener Entwurf? Normalität weder tot noch lebendig. Ein Weinchen dazu, vegane Schweineschwartenchips, am Sack kratzen, das Tittenpolster bescheißen, auf dem ich festklebe mit Arschhaaren verbunden für immer, sicher ist sicher, unlösbar Pattex: Frieden, Fresse halten, futtern, füttern und in zynischer Abwertung begraben. Ein Misanthrop[7] bin ich auch. Das eine soll das andere Extrem ertragen. Sehe ich mich lachen weine ich.

„Ich leb, ich sterb: ich brenn und ich ertrinke,
ich dulde Glut und bin doch wie im Eise;
mein Leben übertreibt die harte Weise
und die verwöhnende und mischt das Linke

mir mit dem Rechten, Tränen und Gelächter.
Ganz im Vergnügen find ich Stellen Leides,
was ich besitz, geht hin und wird doch ächter:
ich dörr in einem, und ich grüne, beides.

So nimmt der Gott mich her und hin. Und wenn
ich manchmal mein‘, nun wird der Schmerz am größten,
fühl ich mich plötzlich ganz gestillt und leicht.

Und glaub ich dann, ein Dasein sei erreicht,
reißt es mich nieder aus dem schon Erlösten
in eine Trübsal, die ich wiederkenn.“[8]

Treffe mich selbst – knappes Meet and Greet Was geht? Orientierungslose Handlungsunfähigkeit im Banalen: Denkhemmung, Bewegungshemmung, Ladehemmung, Orgasmushemmung. Alles wäre nur sinnloses Altes aufkochen. Schattenboxer. Scheingefechte. Traumgestalten. Treibsand und Nebel des Grauens. Unbekanntes, fernes Land mit zitternder Luft. Musst Dich ja unbedingt kennen lernen! Musst ja auf dem Kopf stehen wollen und den Atem kreisen lassen. Musst Dich ja unbedingt im Plural sehen! Vielgesichtig vielschichtig. Willst ja nicht mehr wollen müssen sollen. Stattdessen: Dein Schicksal unentschlossen selbst auspendeln.
Selbst
Verständlich
Mittig

“Was immer ist, differenziert sich in Gegensätzen. Wenn ihr euch von einer der entgegengesetzten Kräfte einfangen lasst, sitzt ihr in der Falle oder verliert zumindest das Gleichgewicht. Wenn ihr im Nichts des Nullpunktes bleibt, bewahrt ihr die Balance und Perspektive. […] Null ist nichts, ist Leere. Ein Punkt der Indifferenz, ein Punkt von dem aus, Gegensätze geboren werden.”[9]

Tick Tack. So klingen Gegensätze. Frau Fortuna in der Radnabe annektieren – Fleißarbeiter erzwingt! Logik! Tick Tack. Jetzt schlägst 13. Monde weißen Dein Gesicht, werfen Lidschatten. Noch einmal beginnt die Stunde nicht. Dieser Umlauf ist vorbei. Der letzte Zeiger rückt Dir zu nahe. Es klingelt, der kleinste Funke entzündet die gemästete Luftsuppe, schwappt über in Deinen Nacken, hektische Haltungsversuche, dann Sog mit Fernziel Mariannengraben, weg bin ICH. Bis genau hierher saß ich noch im ICE von Kassel nach Göttingen und habe nach 3 Tagen Stuhlverhaltung alles ausgeschissen, doch dann leider unachtsam, versehentlich und in Gedanken, den Spülkopf berührt. Shit happens.

“Der Symbolismus der “engen Pforte” und der “gefährlichen Brücke” ist eng verbunden mit dem Symbolismus des von uns so oft benannten “paradoxen Übergangs”, denn er erweist sich oft als Unmöglichkeit oder als Situation ohne Ausweg. Wir erinnern uns, daß die Schamanenkandidaten und die Helden gewisser Mythen, sich manchmal in einer scheinbar verzweifelten Situation befinden. Sie müssen dorthin gehen “wo Tag und Nacht sich begegnen”, oder eine Pforte in einer Mauer finden oder zum Himmel aufsteigen durch einen Durchgang, der sich nur für einen Augenblick öffnet, zwischen zwei ständig sich bewegenden Mühlsteinen hindurchgehen, zwischen zwei Felsen, die sich jeden Moment berühren oder zwischen den Kiefern eines Ungeheuers. […] die Gegensätze überwinden, die Polarität welche den Zustand des Menschen kennzeichnet abzuschaffen, um zur letzten Realität zu gelangen. Wer sich von dieser Welt in die andere begeben oder von dort zurückkehren will, muß das in dem eindimensionalen und außerzeitlichen Intervall tun, welcher zwei verwandte, aber entgegengesetzte Kräfte trennt, zwischen denen man immer nur seinen Augenblick lang hindurchkann.”[10]

Tiefsee ist die Richtung, kreiselnd sinkend im Plastikmüllstrudel. Einen Plan bräuchte ich jetzt. Oder wird das ein Neuanfang im Bauch des Walfischs? Wenn es noch einen gibt.

“Leere setzt voraus, daß ich in meinem rezeptiven Geist keine bestimmte Annahme, keine Hypothese habe, die bewiesen werden soll. Hätte ich eine Hypothese, erführe ich dann zwar etwas über sie, ob sie richtig oder ob sie falsch ist beispielsweise, aber die Sache selbst, in ihrer eigentümlichen Ganzheit, würde gar nicht mit mir sprechen. Wenn ich etwa ein Interesse habe, es durch Erwerb von Geld und Gütern dahin zu bringen, daß ich den Rest meines Lebens nicht mehr arbeiten muß, dann werde ich Gesellschaft natürlich unter diesem strategischen Gesichtspunkt betrachten. Wie sie überhaupt ist, wie sie sein sollte, wie es einmal mit der urtiefen Gemeinsamkeit gewesen ist und ob wir damit vielleicht ein gutes Leben zustande brächten – all das, so grundlegend es ist, wäre ausgeblendet. Ich wäre dann eben nicht leer, sondern besetzt von begrenzten Interessen, die es mir unmöglich machen, die Welt in ihrer eigenen Natur zu erfahren”[11]

 

„erreiche den gipfel der leere
bewahre die fülle der ruhe
und alle dinge werden gedeihen
so kann ich ihre rückkehr erschauen
in allen dingen ihrer vielfalt
findet ein jedes zurück zur wurzel
wurzel wiederfinden heisst stille-
was man nennen mag: rückkehr zum wesen
rückkehr zum wesen, heisst ewigdauern
ewigdauerndes kennen heisst klarheit
wer ewigdauerndes nicht kennt
wirkt blindlings zum unheil
wer ewigdauerndes kennt, umfaßt alles
wer alles umfaßt, gehört allen
wer allen gehört, ist königlich
königliches gleicht dem himmel
der himmel gleicht dem Dau
das Dau gleicht der ewigkeit
wer dauert im Dau
taucht in die tiefe gefahrlos“[12]

Ich habe mir vorerst einen goldenen Mantel angezogen, mein Gesicht stillgelegt und die störenden Schlaglöcher zugeschüttet. Dorian Gray versteckt sich auf dem Dachboden, ich in mir. Wissend von fast allem, von alldem was in mir waches Potential ist und das ich als waches Leben besser nicht zeige, ich Verbrecher in der Norm des Lichtes. Unberechenbar eruptiv kracht auf Menschen, was ich schmecken, riechen, fühlen, tasten kann und im Keller versiegelt dulde, als Teil meiner selbst. Doch das Gestaltenreiche ist tückisch und geht durch Wände. Alles Gelernte ist alles Verbotene. Was für eine verfickte Doppelzüngigkeit. Opferdreckshaufen auf mir selbst. Die Schlacke meiner Zeit, die Trümmer der Geschichte. Was ist die Rettung? Mich nicht so ernst nehmen?

„Wer aber könnte alle Urbilder möglichen Gebarens, die in uns schlummern, in sich erwecken? Wer dürfte sie in der Gemeinschaft der Erwachsenen, in der Lebensordnung seiner Gesellschaft realisieren? Darum erfanden die Völker in früheren Zeiten zu Spielen, in denen Drang sich ausgeben darf und doch durch Regeln gebändigt ist, die großen Feste in ihrem Gepränge und Überschwang, in ihren eigentümlichen Bräuchen. Mit der zeitweisen Aufhebung strengster Moralvorschriften, mit der Verkehrung ihrer Grenzen und Zäune in Wege und Tore, daß erlaubt, ja geboten ward, was sonst verpönt hieß, schufen sie die Ergänzungen zu dem, was die Gemeinschaft des Alltags versagen muß, soll sie nicht in Stücke gehen und alle mit ihr.“[13]

Zwischen mir und meinem goldenen Mantel tobt das Chaos. In der Stille darunter wache ich auf und keime den Beginn meines Weltbaumes aus.

“[…] Das Werk der Zeit muß aufgehoben, der morgendliche Augenblick, der der Schöpfung voranging, wiedergewonnen werden, und das bedeutet auf menschlicher Ebene, daß man zurück muß zum “unbeschriebenen Blatt” der Existenz, zum absoluten Anfang, wo noch nichts beschmutzt, nichts verdorben war. […] Das “psychische Chaos” zeigt an, daß der profane Mensch im Begriff ist, sich “aufzulösen”, und das eine neue Person geboren wird.”[14]

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[1] Levi-Strauss 1958/1967, S.254 zitiert bei Mader, 2008, S.166

[2] Campbell, Schöpferische Mythologie, 1959, S.508

[3] Eliot, 1927, 215-220, S.57

[4] Titelsong zur Warner Trickfilmserie The Bugs Bunny Show, ab 1960

[5]Bullet Time (von engl. bullet ‚Projektil‘ und time ‚Zeit‘) bezeichnet in der Filmkunst einen photogrammetrischen Spezialeffekt, bei dem der Eindruck einer Kamerafahrt um ein in der Zeit eingefrorenes Objekt herum entsteht. Er macht schnelle Geschehnisse, wie zum Beispiel fliegende Pistolenkugeln, genau und von verschiedenen Blickwinkeln sichtbar. Verlangsamungen bis hin zum Stillstand und sogar rückwärtslaufende Zeit sind ebenfalls möglich. Außer in Actionfilmen wird Bullet Time auch in Videospielen verwendet. Quelle: wikipedia

[6] Fritz Perls zitiert in Portele, 1992, S.28

[7] Ein Menschenfeind

[8] Louise Labe, 1524 – 1566, Das 8. Sonett, Danke an Stefanie Weidmann für den Tip

[9] Perls, 1981, S.80 f, zitiert in Portele, 1992, S.91

[10] Coomaraswamy, Symplegades, S. 486 zitiert in Eliade, 1951, S. 449

[11] Bahro, 1991, S.101 in Das Universum als Urmutter, Erkennen als Empfangen, Vorlesung an der HU Berlin, WS 90

[12] Tao te King, Spruch 16, China, ca. 400 v. Chr.

[13] Zimmer, 1935, S.161

[14] Eliade, 1957, S.169