XXV Nachtsprache

XXV Nachtsprache 2019-09-13T17:40:29+00:00

Project Description

“Eine Dimension der Lebendigkeit schließlich ist künstlerischer Ausdruck, künstlerische Arbeit und Forschung. Auch hier wird nicht objektiv dargestellt, sondern in Durchdringung erfahren. Solche schöpferischen Prozesse bilden die Welt nicht ab, sondern machen sie auf eine symbolische Weise lebendig und stecken den Betrachter mit dieser Erfahrung an. […] Künstler arbeiten mit Imagination und wissen, dass diese eine reale Kraft ist, die produktive Veränderungen anstoßen kann. Kunst und Leben sind nicht getrennt. Gesteigerte Lebendigkeit ist stets größerer Selbstausdruck und intensivere poetische Erfahrung. In der Konsequenz muss so jeder Wandel […] eigentlich ein künstlerischer Prozeß sein. Jeder künstlerische Akt ist ein Akt des Lebendigseins. Er kann nicht demonstriert, sondern nur geteilt werden.”[1]

Horizont lebend bestanden, himmelshoch, steinalt,
wachsend beschirmt jeder seine eigene Welt.

Nach dort mein Blick gleitet
offene Hand – Vogelflug – sattes grünes Rauschen.
Teilt in oben und unten Morgennebel
öffnet jenen Spalt den ich durchdringe

als prächtiger Töter am Ende der Nahrungskette
mit schattenspendender Breite
im Kreiselflug spiralförmig abwärts auf den haarigen Rücken des flüchtigen Aases
gelandet und festgebissen.

Frischblut im Rachen, stechender Stolzblick, Macht demonstriert
Stille des Überflusses – Ineinander Klingen,
hineingetaucht stummer lebender Schatten.

Nicht präpariert als vermilbte Trophäe im staubigen Winkel unterm Dach,
versteckt das Unerhörte unter weißem Unschuldsleinen in packender Pose fixiert,
nur noch ein plattes Fahnentier für verfettete High Tech Krieger am Joystick
Saharastaub aufwühlende,
den der Blutregen auf unsere neuen Autos wäscht.

“Die Nachtsprache hat es gegeben seit Anbeginn der Welt […] >at any since of the world<. Sie ist apriorisch, transzendental und ahistorisch, und doch zugleich die gemeinsame Wurzel aller ausdifferenzierten Einzelsprachen. Die >nat language< ist unerhört und unbegreiflich, unlesbar und inkommensurabel. Jeder Versuch, sie zu verstehen, ist Übersetzung in ein anderes Medium, in dem die Kategorien und Unterscheidungen der Sprache notwendig gelten, mithin also Verfälschung.”[2]

Und ich muss schon wieder in die Waschanlage Hochglanz retten
oder

“den Menschen all seiner geistigen Sicherungen und Verteidigungsmittel zu entblößen, welche ihn gegen die unmittelbare Erfahrung jener Kräfte sichern, die im Unbewußten auf Befreiung warten.”[3]

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[1] Weber, 2016, S. 42

[2] Reichert & Senn, 1989, Vorwort S.11

[3] Jung, 1940, Abs.85, S.65 in Philosophie und Religion