XXVII Sich selbst zerreißender Wahnsinn

XXVII Sich selbst zerreißender Wahnsinn 2019-09-16T16:06:34+00:00

Project Description

»Jener sich selbst zerreißende Wahnsinn, noch jetzt das Innerste aller Dinge, und nur beherrscht und gleichsam zugut gesprochen durch das Licht eines höheren Verstandes, ist die eigentliche Kraft der Natur und aller ihrer Hervorbringungen«[1]

Die Rasende, Wilde, Ungebetene, Blauschwarze umwirbelt im Wurzelwald die leeren, unversehrten, wissenden Triebe, schnürt ihre Bahn in engen Maschen, webt gordische Knoten mit zornfestem Ruck um jedes Windes Rauschen ungebundener Wanderung in noch stehender Freiheit.

“Das Abbild des sich selbst zerreißenden Wahnsinns sind in der Kunst der Völker der Fetisch und die Fratze; in ihnen schreit das dämonisch Unentrinnbare des Chaos in uns sich selber an und lebt seinen eigenen Schrecken.“ [2]

Fettiger Sattelgurt bindet feiernde Gelage der letzten Nacht zu dicht an den löwenleuchtenden Herrscher, der in kristallwasserklaren Gedanken stromabwärts bewegungslos Mitgefühl spendet. Ihm drängt die hämmernde Bluthitze stöhnend in seine tropfenden Augen. Er handelt. Ich bewahre und vermeide.

„Von den Stricken meiner Sünden
mich zu entbinden,
wird mein Heil gebunden.
Mich von allen Lasterbeulen
völlig zu heilen,
läßt er sich verwunden.“[3]

 

„Ein reiner Vernunftmensch ist eine Abstraktion, die in der Wirklichkeit nirgends auftritt. Jedes menschliche Wesen setzt sich aus seiner bewussten Aktivität und aus seinen irrationalen Erlebnissen zusammen. […} jede existentielle Krise stellt die Realität der Welt und die Anwesenheit des Menschen in der Welt von neuem in Frage: die existentielle Krise ist also im Grunde eine “religiöse” Krise, denn in den archaischen Kulturstufen ist das Sein eins mit dem Sakralen.“ [4]

Das Moor selbst weiß den Weg der Gewissheit nicht. Kennt schon mein Stochern in Haltlosigkeit. Tönt schmatzendes Lachen der hungrigen, bodenlosen Symbiosen nach mehr fest gepresstem Stoff, Drama in Leinen gebunden und stranguliert. Schreib auf! 3 Dinge muss ein Mann gemacht haben – Sohn, Haus, Buch. Halte fest in geschriebenen Worten. Ich stecke mal wieder fest und sinke in dieser verdammten, widerlichen Pampe, Arme fest am Körper, Beine dicht zusammen. Die letzte Welle schließt den Reißverschluss der Mülltüte überm Gesicht. Biologisch abbaubar irgendwann.

„Ich bin überzeugt, dass unser Problem die Zivilisation selbst ist und das Bedrohliche alte Sicht-, Handlungs- und Seinsweisen sind. Wir müssen verstehen, dass die Zivilisation […] durch die Einführung des Patriarchats entstanden ist. Man könnte Zivilisation sogar als Synonym für Patriarchat bezeichnen. […] So wie im sozialen Bereich der Vater die Vorherrschaft über Frau und Kind übernommen hat, so hat auf der intrapsychischen Ebene der innere Vater, sowohl das sorgende Prinzip der inneren Mutter, als auch die […] Weisheit und Freiheit des inneren Kindes überwältigt.“ [5]

Abwärts rutschend im Spiraltreppenhaus des hohen Gerichtes der aufgehängten Möglichkeiten, über die wundgescheuerten Geländer zur Wartebank im Wandelgang. Plumps! Ende! Erkenne Dich selbst. Gnothi seauton – apollonische Weisheit mein Urteil. Der Richter hat es gesprochen, als ich hier saß und ihn hören konnte, während er mir seinen Hammer immer wieder in den Kopf hämmerte. Dabei war ich gar nicht im Verhandlungsreich eingelassen, ich habe ja gewartet hier und empfangen den Richterspruch des Apollon – Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der Künste, der Musik, der Dichtkunst, der Weissagung, der Mäßigung usw. Leck mich.

„Noch immer sind viele Menschen der Überzeugung, sie könnten die Welt erkennen, ohne daß sie sich selbst und all das, was sie zu dem gemacht hat, was sie sind, erkennen. Und noch immer glauben viele Menschen an ihre Fähigkeit, die Welt nach ihren Vorstellungen gestalten zu können, ohne sich selbst ändern zu können und das, was sie im Inneren bewegt, was die Richtung ihres Denkens […] und ihr bisheriges Verhalten lenkt. Der Glaube an die nackte Vernunft hat uns zu Künstlern des Spaltens und Zerlegens, das Analysierens und Zusammenbauens gemacht. Aber um welchen Preis? […] In einer von Leistungsdruck und Konkurrenzdenken geprägten Gesellschaft, in der man bereits als Kind dazu angehalten oder zumindest ermutigt wird, sein “ich” durch die Abwertung und auf Kosten anderer zu stärken, sind solche Abgrenzungs- und Abwertungsprozesse unvermeidlich. Für Menschen, die in eine solche, von Effizienzdenken, von Machbarkeitswahn und von Egoismus geprägte Gemeinschaft hineinwachsen, macht weder Achtsamkeit noch Behutsamkeit irgendeinen Sinn. […] Langfristig haben solche Einschränkungen der Beziehungsfähigkeit von Menschen bzw. der Konnektivität ihrer neuronalen Verschaltungen im Gehirn allerdings […] fatale Folgen: Verlust der Offenheit und Kreativität, sich ausbreitende Verunsicherung und Angst, zerfall sozialer Bindungen und Unterbrechung der transgenerationalen Weitergabe von Erfahrungen. […] Das menschliche Gehirn ist auf Offenheit und “Konnektivität” angelegt […] Alles was die Beziehungsfähigkeit von Menschen – zu sich selbst, zwischen ihrem Denken und Fühlen, zwischen Gehirn und Körper, aber auch zu anderen Menschen, zur eigenen Geschichte, zur Kultur und zur Natur – verbessert und stärkt, führt zwangsläufig […] zu einem komplexer ausgeformten Gehirn. Wie lange eine Gesellschaft Bestand haben kann, die gegen dieses Prinzip der inneren Strukturierung des menschlichen Gehirns verstößt, bleibt abzuwarten.“ [6]

Der neue Mensch, das Prinzip der denkenden Selbstüberhöhung, schafft sich selbst seine wissenschaftlich belegbare Götterdämmerung, sein „richtiges“ Ragnarök, sein wirkliches jüngstes Gericht, Weltuntergang, das Ende aller Zeiten. Klimawandel und Mülltsunami endgültig. Ganze Arbeit und saubere Sache. In echt sozusagen. Das wörtliche Verständnis des Mythos zerstört seinen Sinn. Mehr noch, es zerstört die Welt. Das ist wohl das dämlichste Missverständnis überhaupt. Eine zyklische Wiederkehr des Menschen am Ende der Nacht, als neuer Mensch, gehörte in das Reich einer anderen Zeit. Das Kindereich der Phantasie. Damit ist Schluss?

_____________________

[1] Schelling, 1856, Band II, Intuition und Reflektion

[2] Zimmer, 1935, S.88

[3] Johann Sebastian Bach, Johannes Passion, Passio secundum Johannem, BWV 245, 1724

[4] Eliade, 1957, S.181

[5] Naranjo, Zivilisation – eine Krankheit, die durch Erziehung geheilt werden könnte, in Gerald Hüther, Wolfgang Roth, Michael v. Brück, 2013, S.115

[6] Gerald Hüther in Die biologischen Grundlagen der Spiritualität, Gerald Hüther, Wolfgang Roth, Michael v. Brück (Hsrg..) 2013, S.35f