XXVIII Blutregen

XXVIII Blutregen 2019-09-16T16:14:11+00:00

Project Description

„Leiden liegt darin begründet, daß Menschen Dinge tun, die sie nicht begreifen, deren Bedeutung sie sich aber haben einreden lassen.“ [1]

Laufen über rissige Ebene im Versuch die Richtung der Nase nach zu halten. Keinen Blick seitwärts über die Schulter, mögliche Verfolger suchen, die ich in streitenden Stimmen höre, so dicht an mir drin. Weiterlaufen, das Tempo nicht kennen, dem Plan folgen, keine Schritte spüren, die eigene kilometerlange Staubfahne nicht sehen. Nicht ahnen wohin, bis an den Rand des plötzlichen kreisrunden Kraters, nicht stoppen wie Andere, die bisher nur Staubkörner, auf meiner trockenen Netzhaut brannten. Jetzt aber, so schnell so nah gekommen, wesentlich. Hineinfallen im intravenösen Weiterlaufen als ob nichts wäre. Plumps in den Gitterrostpaternoster in quälender Millimeterfahrt an Sicherungsschlaufen aufschleifend abwärts.

„[…] das Jenseits in uns tut sich nicht auf, nur weil wir klopfen und seiner bedürfen. – Es wird geleugnet, und an Stelle des Ganges in die Tiefe tritt das seitliche Hinausdrängen aus dem Ich. Darin liegt die Faszination des Gemeinschaftserlebnisses: hinaus über das Ich durch Aufgehen in der Aura symbolischer Personen und Zeichen, in der verschmelzenden Atmosphäre, die das Ich auslöscht. Ein Vereinfachtes an Gehalt, ein Elementares an Formel wird verlangt als das einzig wirklich Verbindende […]“[2]

Klebt mein Gesicht festgebacken an Fleischresten letzter Schlachtung im ranzigen Fett. Muss ja nur meine Zunge ausfahren und schmecken was da ist und werden wird. Staubschlacht der Wahnsinnigen mit manipulierten Bremsen am Rand der Grube. Sieger regnen im freien Fall in den sinkenden Fettabscheider[3]. Verdun. Stalingrad. Und es presst die Hydraulik, im Zentrum zwischen Himmel und Erde mit quietschenden Lebensresten verklebt. Will das Himmelszelt überspannen. Ich hätte dieses Riesenrohr doch sehen müssen, das Ding vorher schon in der Ferne. Und hören und riechen. Ich kann nicht einfach sagen wieviel es ist, sich so permanent konstant hineinbohrend aufstemmend und im Sog sinnsuchend Vorwärtsrennende ansaugend. Rüstung macht sich noch immer bezahlt. Schneidige Helden mit PTBS[4].

„Bewußtsein und Unterbewußtes ergeben kein Ganzes, wenn das eine durch das andere unterdrückt und geschädigt wird. […] Das Bewußtsein sollte seine Vernunft und seine Selbstschutzmöglichkeiten verteidigen, und das chaotische Leben des Unbewußten sollte auch die Möglichkeit haben, seiner eigenen Art zu folgen, soviel wir davon ertragen können. Dies bedeutet offenen Kampf und offene Zusammenarbeit in einem. So sollte offenbar das menschliche Leben aussehen.“[5]

In schraubender Kreisfahrt träume ich mich auf DAS zu, was ich nicht sehe und dem ich nicht ausweiche. Das muss es sein, im Zentrum der Vernichtung, der Aufwärtsfahrt, der Abwärtspresse. Der Mittelpunkt der atmenden Hydraulik ist tot. Dann bin ich echt am Arsch. Ich muss an diese Stelle treten, den Platz einnehmen den ich nur ahnen, nicht finden kann und dann? Ist es das? Das ist das Gesetz? Den Zugang finden zum Motor der schweigenden Gefahr, zum Lebenden das immer tot schreit, wenn ich Rettung erhoffe im apokalyptischen Aschenbecher. Den Platz einnehmen, statt mit dem nächsten Druck vom Rost geschleudert zu werden als ausgerauchte Kippe.

„Der Hauptpunkt ist, daß wir uns, geleitet von Not und Angst und Sicherheitsinteressen, denen wir selbst andauernd den materiellen Anlaß schaffen, nicht auf unsere inneren Kräfte, die prinzipiell mit der kosmischen Entwicklung konform sind, verlassen, sondern immer noch mehr Trägheitsmoment, mehr tödliche Masse produzieren, um dem Tod zu entgehen und Befreiung zu erlangen.“[6]

Selbstverantwortung – eine gerechte Königin meiner traumhaften Welt, in der ich BIN – werden. Ich setze mich auf den Thron der Wunder. Inmitten meines Schlachtfeldes. Nehme Platz und lasse es Farben regnen. Vergessen der Blutregen meiner Kämpfe.

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[1] v. Brück, 2007, S.32

[2] Zimmer, 1935, S.126

[3] Fettabscheider trennen Fette und Öle vom Abwasser. Das fett- und ölhaltige Schmutz- und Spülwasser aus Küchen der Gastronomie, Hotellerie oder Gemeinschaftsverpflegung muss über einen Fettabscheider entsorgt werden. Fettabscheideranlagen reinigen gewerbliche Abwässer vor, bevor das Wasser in die Kanalisation abfließt. Quelle: wikipedia

[4] Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Klassifikation nach ICD-10, F43.1

[5] Jung, 1959, Abs.522, S.307

[6] Bahro, 1991, S.85 in Zugänge zum Wesen der ökologischen Krise