XXX Hüter des Feuers

XXX Hüter des Feuers 2019-09-13T15:04:12+00:00

Project Description

In Verallgemeinerung formuliert: aus dem einst phantastischen, widersinnigen, sich ständig wiederholenden Mythos der Nachtsprache, entstanden mit dem Focus auf das lineare Tagdenken, die Religionen und mit ihnen die wissenschaftlich erklärbare Geschichte. Der Mensch denkt historisch. Fortschritt setzt ein. Weiter entwickelten die menschlichen Gemeinschaften, jene heutigen Nationalstaaten der Volksgemeinschaften, mit ihrer auf eigene Interessen ausgerichteten Politik.

Aber was ist aus den großen Symbolen für das reiche, widersprüchliche Innenleben der Menschen geworden? Jenem Ort der keine unverrückbaren Grenzen kennt? Subtile Knechtschaft, garniert mit toten Glücksgütern der bunten Konsumwelt, die jedem freien Leben noch den Atem nehmen können. Dabei spielen KünstlerInnen und besonders darstellende KünstlerInnen eine besondere Rolle, ob sie wollen oder nicht. Sie sind die sichtbaren Protagonisten der Traumfabriken und Werbestudios. Sie plakatieren die glückverheißenden Ideologien unserer Kultur in jedes Wohnzimmer, wann immer sie geladen werden.

„Wir alle, Sie und ich […] sind gefangen (vor allem durch die Sprache) im mechanistischen Weltbild, das Modelle, die sich mit toter Materie befassen, verwendet: wir sprechen von Substanz, Materie, Energie, Masse, Trägheit […] Wir sind “dressiert auf stückhaftes Denken”, sagt Max Wertheimer, – in diesem mechanistischen Weltbild, zerlegen die Welt in immer kleinere Stücke und meinen, die Welt zu verstehen, wenn wir die Stücke verstanden haben. Die neuere Physik und Chemie hat sich vom mechanistischen Weltbild gelöst, aber nicht wir. Dieses mechanistische Weltbild hat uns in einen katastrophalen Zustand gebracht. Wir haben das Leben ausgeklammert bzw. […] zerlegt.“[1]

Ob ich nun Verzweiflung, Aggression, Liebe oder eine unschuldige Welt darstelle, ich mache mich zum Medium für die Projektionen der Menschen auf mich. Sie können in mir sehen, was in ihren versteckten Untergründen als Wunsch, als Potential, als Angst wohnt, ohne wahrscheinlich wahrzunehmen, dass sie sich einfach selbst in mir erkennen könnten. Ist die Darbietung jedoch vorbei, bleibt vielleicht ein vergessenes, ungeheures Gefühl im Einzelnen aus dem Publikum und wird von ihm wieder dahin geschoben, woher es kam – in den unsichtbaren Untergrund. Wie hilfreich ist es, wenn dann noch der Star glaubt, er selbst habe jenes Gefühl im Menschen machtvoll bewirkt. Was für eine Selbstüberhöhung. Ein quasigottgleiches Herausstellen des Einzelnen, durch die bewundernde oder hassende Masse folgt. JHWH[2]. Monotheismus[3]. Personenkult. Starkult. Nacheifernde Bewunderung. Der Mensch des historischen, linearen Denkens, verweigert so die rettende Tat der Erkenntnis in sich und mutiert zu einer gigantischen Zeitbombe. Ganz im Sinne des mechanistischen Weltbildes, beobachten oder konsumieren die Zuschauer ein möglichst authentisch nachgestelltes, erträumtes oder gefürchtetes Leben auf der Leinwand, losgelöst vom eigenen Leben. Alles bleibt als Objekt im Außen. Es gibt ja keinen Grund, bewusst in der eignen Innenwelt zu suchen, denn die Geschichte oder die Darstellung „haben das gemacht“. Passive Konsumenten als Opferlämmer oder Melkkühe der Merchandisingindustrie. So ziemlich jedes Gefühl lässt sich final dann noch in Geld umwandeln.

“Wenn der Durchschnittsmensch Schmerzen leidet, meint er, er müsse nur seine äußeren Umstände ändern, um einen schmerzfreien Zustand zu erreichen: er gehört also zur Welt jener Menschen, die: ‚immer nur in Freude leben wollen‘.”[4]

In diesem Gewerbe erfüllen die KünstlerInnen gewissenhaft ihre Verträge. Am Ende steht erwartungsgemäß ein Happy End, denn ein Held macht schließlich keine Fehler. Heldentod verkauft sich auch weniger. Unfehlbares und somit schmerzvermeidendes, glückszentriertes und scheinbar harmloses Verhalten aber, hat immer eine politische Dimension. Dazu gehört auch die Verhohnepiepelung des großen, konfliktreichen Wunders der Liebe, hin zu äußerlich romantischem Kitsch. Beispiele noch heute bewunderter deutscher Stars einer gigantischen Unterhaltungsmaschine: Heesters, Rühmann, Lingen, Gründgens, Leander, Harlan, George – diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen, auch nach dem Ende des letzten großen Krieges bis heute. Schau hin, womit lässt Du Dich unterhalten? Und wie sieht die Welt daneben aus? Gesund und friedlich? Glücklich und abenteuerlustig? Verliebt? Wie werden Krieg und Unterhaltung in den Medien präsentiert? Kann es sein, sie bedürfen einander?[5]

Wovon lenke ich mich ab? Von meinen Fehlern, meinen Schmerzen, meinen Unvollkommenheiten! Von meinen gewaltreichen inneren Kriegen – damit sind die Mythen prall gefüllt. In einer symbolreichen, kreisförmigen Dramaturgie des Traumes, komme ich immer wieder zu mir zurück. Ich löse das Band des Krieges in mir! Das ist immer die rettende Tat. Entwicklung findet statt. Ich löse den Gordischen Knoten[6], statt ihn zu zerschlagen.

Erst Menschen die Religionsgeschichte und die Geschichte der Ideologien aufschreiben, sind unter Verachtung des kreisförmigen Denkens, mit Kriegen völlig überfordert – inneren Ungelösten und äußeren Blutigen. Fehler werden keine gemacht, Schmerzen geleugnet. Es wird überwunden, was nicht sein darf. Anstelle der rettenden Tat in mir am Anbeginn der Zeit, einer Leistung der Selbsterneuerung während heiliger Traumzeit[7], wird plötzlich die Geschichte der Überwindung von Etwas in zählbarer Zeit der Heiligung fähig. Zeitgeschichte der heiligen Kriege in Gottes Namen. Das ist der Lernstoff im Geschichtsunterricht – Jahreszahlen, Opferzahlen und Namen. Mit Gott für König und Vaterland. Inshallah[8]. Die Richtung des Handelns geht nach außen und oben, linear vertikal.

„Seit Gott sich inkarniert, eine historisch bedingte, menschliche Existenz angenommen hat, wurde die Geschichte der Heiligung fähig […] es handelte sich nicht mehr um eine mythische Zeit […] die Ereignisse haben sich in der Geschichte abgespielt, nicht mehr am Ursprung der Zeit, “zu Anbeginn” […]“[9]

Aus den spielerischen und blutigen Zeremonien des menschlichen Scheiterns – den Initiationsriten der Übergangsrituale, den zyklischen Königsfeiern aus Opfer und Inthronisation oder den Kriegstänzen, wurde die völlig gefahrlose Unterhaltung der zivilisierten Welt. Heldenepen, Kreuzrittergeschichten und Weltkriegsfilme, nachgestellt durch die KünstlerInnen dieser Welt, können heute komfortabel konsumiert werden. Es gibt Sieger und Besiegte. Keine paradoxe Widersinnigkeit. So auch in der Welt, wir konsumieren, andere sterben. Kollateralschäden. Das tägliche Miteinander und Nebeneinander von Krieg und Unterhaltung in den Medien unterhält uns damit. So ziemlich jeder Idiot, kann heute sein Brot in diesem Zirkus erwirtschaften. Genaugenommen, auf Kosten anderer.

Immer zählt ein einzelnes Leben nichts, es sei denn es ist das eigene. Selbst wenn das Gegenteil behauptet wird. Auch wenn die Vorzeichen unterschiedlicher nicht sein könnten. Einzelner Tod für den geglaubten Erhalt der wilden Gemeinschaft als Opfergabe damals. Massenhafter Tod für die Visionen Einzelner und die ökonomischen Interessen Weniger heute.[10] Das Wort Opfer, wird immer gern bemüht, in allem denkbaren Zusammenhängen. Opfer bringen. Ist damit der tatsächliche Wortsinn erfasst?

Immer und immer wieder geht es im Kern aber, um das Erfahren, Erdulden, Erleiden, Verdrängen und Bekämpfen von Leidenschaften, von heftigsten Empfindungen. Emotionen die einfach da sind und auftauchen, wann immer sie wollen, ein unerklärlicher, unberechenbarer Feuerschein. Das Feuer der Menschen – große Lust und gigantische Gefahr – tief in ihnen schlummernd. Das erzeugt Angst.

Des Feuers quälende Brandwunden zu heilen, dienten Mythen als eine zyklische, rituelle, harmonisierende, regenerierende, innerweltliche Rückkehr zu den Ursprüngen der Gemeinschaft – dessen gespielte Vernichtung und Neugeburt. Sehe ich jetzt noch das individuelle Leben als Spiel einer Rolle im großen Welttheater, kann der Tod eines Menschen, nur ein Freudenfest nach sich ziehen.

„[…] dass man das Leben mit einem Maximum an “Chancen” periodisch neu beginnen kann. Darin liegt nicht nur eine optimistische Sicht der Existenz, sondern auch eine uneingeschränkte Bejahung des Seins […] das die Teilhabe am Sein durch die Uroffenbarung garantiert wird, deren Hüter er (der Mensch selbst) ist. Die Summe der Uroffenbarungen aber liegt in seinen Mythen.“[11]

Eigentlich hieß es im gemeinsamen Ritual der Abendstunde, das immer spielend (kreativ, expressiv, ekstatisch) vollzogen wurde und in dem das Tagesdenken in die Nachtsprache floss: Erkenne Dich selbst, hinter dem Schein Deines Feuers. Erkenne Dich in Deinen Fehlern, Deinen Schmerzen, Deinen Wunden. Spüre Dich!

Daraus wurde im eindimensionalen, wörtlichen Verständnis des Mythos, tatsächliche Vernichtung: Vergiss Dich selbst. Missachte Dich! Meide das Feuer der Hölle, es wird Dich vernichten. Gefühle haben keinen Wert. Keine gespielte Vernichtung mehr, kein spielerischer Neubeginn. Es dominiert pseudoheiliger Ernst männlicher Memmen, mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Sie behaupten ein anderes, ein höheres Feuer als das der Leidenschaft. Das Feuer des Geistes. Das Höllenfeuer ist die Strafe, die leuchtende Fackel der Erleuchtung bringt Erlösung. Wir haben uns auf diese Art, nach millionenfachem Sterben in wenigen Weltkriegsjahren, ein opferloses Leben angewöhnt, das stattdessen irreversibel diese Erde zerstört und einen Neubeginn ausschließt. Schon wieder: auf Kosten anderer! Eine furchtbar zynische Satire im Welttheater. Erst opfern wir suchende Menschen in bestialischem Gemetzel, dann in dummdreister Bequemlichkeit unsere Erde, die langsam verbrennt unter gnadenloser Sonne, nie aber unser übergroßes ICH. Als wären wir Gott. Katastrophal missverstandener Mythos.

Was wäre für eine Welt möglich, würde ich Mensch mich innerweltlich im spielerischen Ritual des Abends mutig erkennen wollen, statt mich in endloser Daily Soap[12] fortgesetzt abzulenken, mit der Beurteilung der Erscheinungen. Ich könnte mir schließlich ganz bewusst meine eigene Vernichtung zumuten, um dann aus den tiefen Wassern der Urmeere neu geboren zu werden. Das INNERLICHE Neu Werden, die Erneuerung, der Neuanfang, ist der immer wiederkehrende Fixpunkt im menschlichen Leben. Das kann ich mir bewusst machen. Ich schlage mir Brandwunden, mit denen ich mich erfahre, die ich immer wieder im heiligen Wasser des Lebens heilen kann. Feuer und Wasser gehören zusammen. Mensch und Lebendigkeit. Leid und Heilung.

„Durch das Eintauchen ins Wasser stirbt der “alte Mensch” und aus ihm wird ein neues, regeneriertes Wesen geboren.“[13]

Ohne Wasser, kein Leben. Das Wasser symbolisiert weibliche Lebenskraft. Die Frau entbindet Leben, gemeinsam mit dem Mann zeugt sie Leben. Der Zeugungsvorgang symbolisiert männliche Lebenskraft. Als Menschen diesen Vorgang nicht erklären konnten, als der Zusammenhang zwischen Leben und Zeugung nicht greifbar war, vertrat allein das Weibliche, die Frau, alles Göttliche. Mit dem Erkennen der Zeugung als Kraft des Lebens vor dem Gebären[14], wechselt der Focus auf das männliche Lebensprinzip. Reflektierendes, analytisches Denken ebnete den Weg. Nunmehr ist alles Zeugende göttlich, der Mann. Das männliche Lebensprinzip löst das weibliche Lebensprinzip radikal ab. Da stecken wir noch mitten drin und erkennen wieder: nur Mann und Frau gemeinsam zeugen Leben, nicht nur biologisch. Einzig das vereinigte männliche und weibliche Lebensprinzip, das kreisförmige und das lineare Denken, erzeugen befreiende Lebenskraft aus Feuer und Wasser. Befreiung aus unfreiwilliger Teilhabe einst, aus ausbeuterischer Selbstüberhöhung heute.

„Preisgegebenheit und Geborgenheit in einem. Da gibt es noch kein strikt persönliches Erleben und Schicksal: Rausch und Panik, was immer Tag und Nacht verhängt und was das Ritual des Lebens vorschreibt, durchspült die archaischen Menschen als Gezeiten ihres Gruppendaseins. Wie die Zellen eines Organismus Spannung und Mattigkeit teilen, alle Blätter am Baum unter einem Windstoß flüstern, alle Halme des Feldes sich beugen, reagieren die Menschen im “Banne unfreiwilligen Teilhabens”. […] Das unfreiwillige Teilhaben ist ein zweideutiger Zustand: sein Trost ist, in keiner Not einsam zu sein; seine ewige Qual, alle Schwingungen der Umwelt teilen zu müssen.“[15]

Der Mythos heroisiert wissende Individuen, im innerweltlichen! Kampf in mythischer Zeit, gegen vielgestaltige Wesen der dunklen Mächte des zyklischen, unfreiwilligen Teilhabens, im Rhythmus der Natur. Er erzählt vom erwachenden männlichen Lebensprinzip. Der spielerische Vollzug des Mythos im Hier und Jetzt, macht alle dabei erlittenen Verletzungen ungeschehen, ja erfüllt gar wieder mit ungeminderter, unverbrauchter Zauberkraft, für einen neuen Kampf der Befreiung des Lebens.

„Also: im Schlaf und Traum machen wir das Pensum früheren Menschthums noch einmal durch. […] Im Traum übt sich dieses uralte Stück Menschthum in uns fort, denn es ist die Grundlage, auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Cultur wieder zurück und giebt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen.“[16]

Verstehe ich die Dramaturgie der Heldenreise[17] dem Traum gleich kreisförmig, weiblich und poetisch, dann ist Unfreiheit zwingend ein Teil der Befreiung. Alles gehört untrennbar zusammen und wirkt ewig ineinander, in unendlicher Wiederholung: Masse und Individuum, Innenwelt und Außenwelt, Heldentat und Verbrechen, Schlaf und Bewusstheit, Feigheit und Mut, Dummheit und Schläue, Schmerz und Erlösung, Leben und Tod, Befreiung und Knechtschaft. Das alles in mir! Jederzeit. Der Held ist immer auch Verlierer und Dämon. Fortschritt ist Rückschritt. Das Leben ist paradox. Natur eben.

„In Tat und Wahrheit erfreuen wir uns keiner herrenlosen Freiheit, sondern sind ständig bedroht von gewissen seelischen Faktoren, die als “Naturtatsachen” von uns Besitz ergreifen können.“[18]

Die aufgeschriebene Weltgeschichte dagegen, spricht von der Durchsetzung eines radikal männlichen Lebensprinzips, durch Kriege, Philosophie, Religion, Kunst, Architektur und Wissenschaft. Der Mensch macht sich das Leben Untertan. Er überwindet sich und die Natur. Geschichtsschreiber heroisieren Heerführer, Könige, Kaiser, Denker, Dichter und Erlöser: Männer – makellose, unsterbliche, unfehlbare[19]. Der Held führt aus dem Schlaf der Welt in kristallklare Bewusstheit, aus dumpfer Mutter Erde, hinauf zum heiligen Vater im Himmel, aus Unwissenheit zum Genie. Er tut das wirklich, wissenschaftlich belegbar.

„Im Mythos ist ein schlafender Mensch, ein natürlicher uneingeweihter Mensch, der sieht ohne zu verstehen.“[20]

Verstehe ich die Heldenreise linear – vertikal, männlich und rational, dann überwindet Freiheit Unfreiheit endgültig. Auf immer neuen Stufen, bewege ich mich höher und höher, bis in einen göttlich gedachten Endzustand. Ich überwinde statt zu akzeptieren. Fehler, unkontrollierten Rausch, schmerzendes Gefühl, Verbrechen und Unbewusstheit. Meinen Tod wird es nicht geben. Ich erreiche etwas in der Welt, hinterlasse meine Spuren und mache mich unvergessen unsterblich. Hitler, Stalin, Mao, Ghandi u.v.a. Das Alte ist überwunden – das erdige, schmutzige, unhygienische, impulsive, ungesteuerte, unberechenbare Menschenleben ist beherrschbar geworden. Religionen, Sozialutopien, die glückszentrierte Esoterikindustrie und die Konsumgesellschaft schlechthin, streben diesem Ideal entsprechend. Der neue Mensch.

KünstlerInnen verkörpern jedes heroisierte Individuum, den gottgleichen Menschen der das Neue wagt, egal unter welchen Vorzeichen. Der Held. Sie reaktivieren ein Leben das den Kampf aufnimmt, sowohl innerweltlich in heiliger, mythischer Zeit als eine Folge von Ewigkeiten[21], als auch in der Welt – als tatsächlich vollbrachte Heldentat oder tatsächlich vollbrachtes Verbrechen, die genauso stattgefunden haben und erinnert werden können. Immer auf der Suche nach Befreiung aus traumatisierender Unfreiheit.

Grundsätzlich können wir beide Wege mit spielerischem Ernst verbinden – den Innerweltlichen, kreisförmigen, weiblichen und den In der Welt, vertikal – linearen, männlichen. Das ist eigentlich die Grundanforderung an jeden Menschen, der sowohl Geschichte, als auch Mythen erwecken will – die Eindimensionalität in der eigenen Arbeitsweise verlassen und den Anforderungen einer komplexen Welt gerecht werden können. Mit dem Leben gehen, nicht gegen das Leben. Ein einfacher Satz, aber schwer umzusetzen.

Beide Lebensprinzipien vereinigt, ergeben einen geschlechtsneutralen Menschen. Auch das entspricht in vielen Kulturen einem Schöpfungsmythos[22] und der erlösenden Befreiung. Für uns KünstlerInnen heißt das Umdenken und die eigene narzisstische Handlungsweise erst mal wahrnehmen, ohne sie ausrotten zu wollen. WIE stelle ich mich als besonderes, aufstrebendes ICH in den Vordergrund und erzwinge Aufmerksamkeit? Nach welchen Lebensprinzipien handele ich? Spreche ich Text oder berichte ich aus meiner Erfahrung? Welche Projektionsfläche gestalte ich, in der sich Mensch wiederfinden kann? Genau darum ja, erzählen wir den Mythos und die Geschichte der Welt. Nicht für die Selbstdarstellung, nicht für die Unterhaltung, nicht für das Glück, nicht für Ideologien, sondern damit sich Mensch erkennt in seinem innersten Wesen.

Den Mythos durch das heldenhafte Individuum beleben heißt, aus mir die Projektionsfläche schaffen, in der ein anderer Mensch seine eigene befreiende Lebenskraft spürt. Sie wird symbolisiert durch das Feuer. Feuer steht für Emotionen, die entstehen durch bewusstes und unbewusstes innerliches Ringen, mit den scheinbar antagonistischen Gegensätzen in mir. Der Feuerbringer ist der Kulturbringer – gehasster und bewunderter, denn er geht den gefährlichen, energiegeladenen Weg, den vor ihm niemand wagte zu gehen. Er entfacht in sich den ungebändigten Brand des Lebens und findet dafür eine Form. Jeder Mensch der ein Gedicht rezitiert, den Kindern ein Märchen vorliest oder sich selbst ganz bewusst in seinem Innersten zu ergründen sucht[23], erweckt den Mythos, seine und anderer befreiende Lebenskraft in diesem Augenblick, erweckt Leidenschaft, ist Feuerbringer, ist Kulturbringer, ist KünstlerIn.
P.S. Auf das Heldenschicksal gehe ich im gleichnamigen Abschnitt XXXVI detailliert ein.

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[1] Portele, 1992, S.15

[2] Jahwe ist der Name des Gottes Israels, aus Respekt vor der Heiligkeit des Namens, wurde die Aussprache schon relativ früh gemieden. Vgl: bibelwissenschaft.de, Jahwe, JHWH, Bob Becking, 2006
Der  Gottesname war ein Geheimnis und sein Ausspruch nur alle 7 Jahre gestattet. Campbell, 1959 Urvölker, S. 106

[3] Monotheismus – der Glaube an einen einzigen universalen Gott, der den Glauben an die Existenz anderer Götter grundsätzlich ausschließt. Dazu im Gegensatz der Polytheismus – der Glaube an eine Vielzahl von Gottheiten. „Der Begriff Monotheismus ist ein uns heute geläufiger Begriff zur Umschreibung eines zentralen Aspektes der Gottesvorstellung in den drei großen Schriftreligionen: Judentum, Christentum und Islam. So ist es nicht verwunderlich, dass er als Konzept fast selbstverständlich schon für das alte Israel vorausgesetzt wird. Die Sache ist indes nicht so einfach. Die Texte des Alten Testaments reflektieren einen Wandel, der in Stufen langsam und keineswegs gradlinig vom Polytheismus zu einem als monotheistisch zu bezeichnenden Konzept führt. Schon an der Formulierung des 1. Gebots: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ fällt auf, dass die Existenz anderer Götter keineswegs geleugnet, sondern selbstverständlich vorausgesetzt und nur deren Verehrung verboten wird.“ Quelle: bibelwissenschaft.de, Monotheismus, Michaela Bauks, 2007/2011

[4] Campbell, 1959. S.505, Schöpferische Mythologie

[5] Vgl. Wir sind unschuldig! Über das Nebeneinander von Krieg und Unterhaltung, beispielhaft dafür: Die Schlacht von Stalingrad und der zeitgleich produzierte deutsche Filmklassiker „Die Feuerzangenbowle“.

[6] Der Ausdruck “Gordischer Knoten“ bezeichnet ursprünglich verknotete Seile, die einer griechischen Sage nach am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios befestigt waren. Sie verbanden die Deichsel des Wagens untrennbar mit dem Zugjoch. Bekannt wurde der aus dem Bast der Kornelkirsche bestehende Knoten, weil Alexander der Große ihn mit seinem Schwert durchschlagen haben soll und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet. Heute bedeutet die Redewendung „den gordischen Knoten durchschlagen“ oder „den gordischen Knoten lösen“ die Überwindung eines schwierigen Problems mit energischen beziehungsweise unkonventionellen Mitteln. (Quelle: wikipedia)

[7] Wahre Traumzeit lässt sich nicht industriell erzeugen. Der Begriff Traumfabrik bezieht sich wohl eher auf egomane Wunschvorstellungen eines Lebens ohne Leid.

[8] Arabische Redewendung „So Gott will“ in Bezugnahme auf ein zukünftiges Ereignis, von dem gewünscht wird, dass es eintritt.

[9] Eliade, 1957, S.98

[10] Einem dpa Bericht zufolge und nach Angaben der Uno, starben zwischen 2014 und 2018, allein 1600 Kinder und Jugendliche weltweit durch Flucht und Vertreibung, insgesamt über 17.000 Menschen, Spiegel online vom 28.06.19

[11] Eliade, 1957, S.81

[12] Tägliches, serielles Unterhaltungsformat im Fernsehen, in Form einer Endlosserie, solange die Einschaltquoten profitabel sind

[13] Eliade, 1957, S.116

[14] Vgl. Vico, 1744

[15]    Zimmer, 1935, S.66f

[16]  Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, I, 12 und 13

[17]  Vgl. Campbell, 1949

[18]     Jung, 1959, Abs.143

[19] Päpstliche Unfehlbarkeit, verkündet unter Papst Pius IX im Ersten Vatikanischen Konzil am 16.07.1870 in der Konstitution „Patsor aeternus“ „Zur Ehre Gottes, unseres Heilandes, zur Erhöhung der katholischen Religion, zum Heil der christlichen Völker lehren und erklären wir endgültig als von Gott offenbarten Glaubenssatz, in treuem Anschluss an die vom Anfang des christlichen Glaubens her erhaltene Überlieferung, unter Zustimmung des heiligen Konzils: Wenn der Römische Papst in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt, wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so genießt er kraft des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich, nicht aber aus der Zustimmung der Kirche, unabänderlich. Wenn sich jemand – was Gott verhüte – herausnehmen sollte, dieser unserer endgültigen Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen.“

[20] Campbell, 1959, S.37, Schöpferische Mythologie

[21] Hubert und Mauss

[22]   Campbell, 1959, S.144, Mythologie der Urvölker

[23] Vgl. „Die Heldenreise“, Selbsterfahrungsseminar nach Paul Rebillot (1931-2010), eingetragenes Markenzeichen des Institut für Gestalt und Erfahrung (IGE)