XXXII Am Anfang war Leidenschaft

XXXII Am Anfang war Leidenschaft 2019-09-13T15:06:06+00:00

Project Description

„[…] durch halbverrückte Spiele und Stücke wurden geordnete menschliche Gesellschaften konstelliert, in denen die Widersprüche zwischen den elementaren und den gesellschaftlichen Antrieben aufgelöst wurden […] Die biologischen Triebe des Genießens und Beherrschens (mit ihrem jeweiligen Gegenteil der Abscheu und der Furcht) wie auch der gesellschaftliche Trieb des Bewertens ( als gut oder böse, wahr oder falsch) fallen einfach von einem ab, und ein Rausch reinen Erlebens stellt sich plötzlich ein, in dem Selbstvergessenheit und Erhebung dasselbe sind. Ein solcher Vorgang ist “jenseits der Worte”, denn er läßt sich nicht durch eine Verweisung auf irgendetwas erklären. Der Geist wird, – für einen Augenblick, für einen Tag oder vielleicht für immer – von der inneren Unruhe, genießen, siegen oder rechthaben zu müssen, befreit, die dem Nervennetz entspringt, in das die Menschen verstrickt sind. Bei einem aufgelösten Ich ist in dem Netz nichts als Leben – das überall und immerdar ist […] “Nichtdenken” […] Der künstlerische Impuls […] liegt der großartigen Entstehung der archaischen Gesellschaftsordnungen zugrunde.“[1]

Am Anfang war das Wort? Nein. Am Anfang war Leidenschaft, Empfinden, Sinne – Gebärden, Töne, Tänze. Das was ich tat, tat ich mit einer Wesensbeziehung zum „auszudrückenden“ Gegenstand – im Kontakt. So schöpften Menschen Götter und Dämonen: in der überwältigenden Unfassbarkeit des Erlebten für den Einzelnen, seiner wiederholten Mitteilung an andere Einzelne und der menschlichen Entwicklung, die daraus resultiert. Schritt für Schritt – bis heute. Klang, Rhythmus, Spiel sind hier wichtiger als Sinn und Zweck, bequeme lineare Sichtweisen versperren Dir die Sicht. Der Rausch des Spielens setzt ein.

„Man muß immer trunken sein. Das ist alles: die einzige Lösung. Um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu fühlen, das eure Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt, müsset ihr euch berauschen, zügellos.
Doch womit? Mit Wein, mit Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt. Aber berauschet euch.
Und wenn ihr einmal auf den Stufen eines Palastes, auf dem grünen Grase eines Grabens, in der traurigen Einsamkeit eures Gemaches erwachet, der Rausch schon licht geworden oder verflogen ist, so fraget den Wind, die Woge, den Stern, den Vogel, die Uhr, alles was flieht, alles was seufzt, alles was vorüberrollt, alles was singt, alles was spricht, fraget sie: »Welche Zeit ist es?« und der Wind, die Woge, der Stern, der Vogel, die Uhr werden euch antworten: »Es ist Zeit, sich zu berauschen! Um nicht die gequälten Sklaven der Zeit zu sein, berauschet euch; berauschet euch ohne Ende; mit Wein, mit Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt.«“[2]

Stelle Dir als Bild dafür einen rauschenden Fluss vor, der nach seinen eigenen Gesetzen seinem unerwarteten Lauf folgt, eine eigne Welt beherbergt und weit verzweigte Labyrinthe in die Landschaft furcht, wo ihm der Platz geschenkt wird. Und im Gegensatz dazu, einen maschinell vertieften und begradigten Fluss, ein viel befahrener Verkehrsweg unserer gereinigten Kulturlandschaft, dem zudem seine lebendige Unterwelt abgegraben wurde. Orinoco oder Oder-Spree Kanal.

„[…] ein sehr schöner Fluss, ich liebe ihn über alles. Oft habe ich ihm zugehört, oft in seine Augen gesehen, und immer habe ich von ihm gelernt. Man kann von einem Flusse lernen.“[3]

Das kraftvolle, wilde Fließen ist der Ursprung poetischen Adels. Du siehst Neues, Du erfährst Neues, Du erkennst Dich darin. Du bist unvorhersehbar und nimmst das Unvorhersehbare ungebremst in Deinen Lauf mit auf, doch nie gegen den Willen der Erde, die Dir Raum schenkt. Damit bist Du heldenhaft, nicht mit sturer Manneskraft oder blinder Zielfixierung.

„Wenn jemand sucht […] dann geschieht es leicht, dass sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, dass er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.“[4]

Du kannst Dir Deine natürliche Flussrichtung nicht abpressen. Vertraue weiterhin nicht auf göttliche Fügung oder Deine Berufung. Die Prädestinationslehre[5] ist ein Kind der Calvinisten und Puritaner. Sie mündete einzig in harter Arbeit als Beweis für die eigne Erwählung, entstanden aus einer lange vergangenen Entscheidung Gottes[6]. Dein Leben findet selbst sein Bett, auf seine eigene Art und Weise. Klang, Rhythmus, Gefühl und Spiel jenseits jeder Bedeutungsschwere rationaler menschlicher Sprache. Das verbindende erste und mögliche letzte Wort im Roman Finnegans Wake von James Joyce lautet riverrun.

„It is a strange book, a compound of fable, symphony, and nightmare-a monstrous enigma beckoning imperiously from the shadowy pits of sleep. Its mechanics resemble those of a dream, a dream wich has feed the autor from necessities of common logic and has enabled him to compress all periods of history, all phases of individual and racial development, into a circular design, of wich every part is beginning, middle, and end. […] Multiple meanings are present in every line […] it is a prodigious, multifaceted monomyth […] the dreamlike saga of guilt-stained, evolving humanity.”[7]

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[1] Campbell, 1959, S.516f in Mythologie der Urvölker

[2] Baudelaire, Berauscht Euch! in Spleen von Paris 1857/1973, S.361

[3] Herman Hesse, Siddharta, 1922, S.43

[4] Ebd.S.111

[5] Prädestination (lateinisch praedestinatio) bedeutet Vorherbestimmung und ist ein theologisches Konzept, dem zufolge Gott von Anfang an das Schicksal der Menschen vorherbestimmt hat. Insbesondere geht es dabei, um eine Erwählung einzelner Seelen zum ewigen Leben oder zu ewiger Verdammnis. Die Niedrigkeit des Menschen vor dem erhabenen Gott kommt, auch durch die Lehre von der Prädestination zum Ausdruck. Das Heil erlangt, wer von Gott zum Heil vorherbestimmt ist. Und nur der. Quelle: wikipedia.org
Vgl. dazu auch Das Westminster Bekenntnis, 1647:
„Artikel 3.3: Erwählung und Verwerfung
Durch den Ratschluss Gottes sind zur Offenbarung seiner Ehre einige Menschen und Engel (1.Tim 5,21; Mt 25,41) zum ewigen Leben vorherbestimmt und andere zum ewigen Tod verordnet (Röm 9,22-23; Eph 1,5-6; Spr 16,4).
Artikel 3.4: Die Zahl der Erwählten steht fest
Diese so vorherbestimmten und vorausverordneten Engel und Menschen sind speziell und unabänderlich bezeichnet, und ihre Zahl ist so sicher und begrenzt, dass sie weder vermehrt noch vermindert werden kann (2.Tim 2,19; Joh 13,18).
Quelle: http://winterthur.erkwb.ch/bekenntnis/westminster-bekenntnis/

[6] Vgl. Weber, 1920

[7] Campbell, 1944, S.3