XXXIII Zelebriere den Augenblick

XXXIII Zelebriere den Augenblick 2019-09-13T15:06:38+00:00

Project Description

„Ich erinnere mich der Riesen,   der ehedem geborenen,
die mich einst   aufgezogen haben“[1]

Wie bist Du hier, jetzt in diesem Moment? Spüre Deinen Körper und beschreibe was Du spürst. Nimm Dir Zeit für Dich und schließe Deinen ganzen Körper mit ein. Deinen Atem, wie ist er heute für Dich spürbar. Deine Gedanken ebenfalls, wo wandern sie hin? Kannst Du hören wie und was sagen sie? Und Deine Seele? Welches Bild siehst Du jetzt vor Deinem inneren Auge? Imaginiere! Das kann eine Farbe sein, eine Form, ein Foto, eine Situation – sprich aus, was Du siehst. Bleibe hier, jetzt in diesem Augenblick. Es ist gerade völlig uninteressant, woher Du kommst und wohin Du gehst. Zelebriere diesen einen Augenblick. Das ist die Grundvoraussetzung, für das Erschaffen des Lebens in heiliger Zeit. Dein bewusstes Sein in diesem Augenblick, ist die Quelle des Flusses, der sich seinen Weg sucht, durch alle Widerstände. Körper, Atem, Gedanken, Seele.

„Der integrale Mensch kennt andere, über seine geschichtliche Bedingtheit hinausreichende Situationen; so kennt er etwa den Zustand des Traums oder des Tagtraums, der Melancholie und der Teilnahmslosigkeit […] Und all diese Zustände sind nicht “geschichtlich”, obwohl sie für die menschliche Existenz ebenso authentisch und bedeutsam sind, wie ihre geschichtliche Situation. […] Er braucht nur gute Musik zu hören oder sich zu verlieben oder zu beten, um die geschichtliche Gegenwart zu verlassen und in die ewige Gegenwart der Liebe und der Religion einzutauchen. Ja , für ihn genügt es, daß er einen Roman zu lesen beginnt, daß er einem dramatischen Spiel zusieht – und schon findet er sich in einem anderen Zeitrhythmus wieder, den man als geraffte Zeit bezeichnen könnte, und dieser ist unter allen Umständen ein anderer als derjenige der historischen Zeit. […] Je wacher ein Bewußtsein ist, desto stärker sprengt es den Rahmen seiner Geschichtlichkeit.“[2]

Dein Aufenthalt in der absoluten Gegenwart, ist die Voraussetzung für das Fließen des freien Spiels, im Rausch einer phantastischen Welt. Einzig der Moment in seiner unbedingten Raum- und Zeitlosigkeit, hat dieses magische Potential.

„Die mythische Zeit bildet oft ein Kontinuum von Vergangenheit und Gegenwart und unterscheidet sich vom linearen Zeitkonzept westlich/naturwissenschaftlicher Prägung.“[3]

Wunder geschehen in der Zeitlosigkeit des Augenblickes – weder in der Trauer über die Vergangenheit, noch in der Hoffnung auf die Zukunft. Zeitlosigkeit ist Unsterblichkeit. Verstreichende Zeit mit Anfang und Ende ist Sterblichkeit.

„Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.“[4]

 

„Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.“[5]

Die Geschichte besteht aus Vergangenheit und Zukunft, aus Erfahrung, Erlebnis und Zielsetzung. Das Leben aus einem Woher und Wohin, benötigt die Bewertung des Gewesenen und urteilende Ausrichtung auf das Zukünftige. Doch der Moment kennt keine Wertung. Der Moment ist immer wertfrei, ja entzieht sich jeder Bewertung. Jede Bewertung zerstört den Moment. Es gibt weder gut noch schlecht. Alles ist da, weil Du es bist. Versuche Dich in diesem Moment zu sehen, für wahr zu nehmen und zu würdigen, unabhängig davon, wie Du Dich sehen willst. Versuche es wenigstens.

„Es ist, wie wenn auf dem Höhepunkt der Krankheit das Zerstörende sich in das Heilende umkehrte. Dies geschieht dadurch, daß die sogenannten Archetypen zu selbständigem Leben erwachen und die Führung der seelischen Persönlichkeit übernehmen, anstelle des untauglichen Ichs und seines ohnmächtigen Wollens und Strebens. […] Der religiöse Mensch würde sagen: Gott hat die Führung übernommen. […] Die Eigentätigkeit der Seele erwacht.[…] Solche Erfahrung söhnt mit dem leidensvollen Irrweg aus; denn von hier an klärt sich alle Verwirrung, und mehr noch: der Mensch kann sich nun auch mit seinem inneren Gegensatz versöhnen und damit die krankhafte Zerspaltung auf höherer Ebene wieder aufheben.“[6]

Du hast ein Bild von Dir, wie Du Dich gerne hättest und erlebst Dich aber ganz anders? Soll der Atem tiefer sinken und müssen die Nackenschmerzen weg? Stören Dich Deine Gedanken und Du versuchst sie zu vertreiben? Ist Dir Dein Bauch heute zu dick und Du ziehst ihn ein? Oder bist Du wütend oder gereizt? Nichts darf weg oder getötet oder bekämpft werden. Alles, aber auch wirklich alles gehört zu Deinem reichen, realen Innenleben, aus Deiner Lebenskraft.

„Die klassische Formel beraubt das Böse der absoluten Existenz und macht es zu einem Schatten, der nur eine vom Licht abhängige, relative Existenz hat. Dem Guten dagegen wird Positivität und Substanz zugesprochen. Die psychologische Erfahrung zeigt, dass “Gut” und “Böse” das Gegensatzpaar eines sogenannten moralischen Urteils ist, welches seinen Ursprung im Menschen hat. Ein Urteil kann nur gefällt werden, wenn sein inhaltliches Gegenstück ebenso real möglich ist.“[7]

Tötest Du einen Teil in Dir, tötest Du Dich ganz. Zu Deinem Guten gehört Dein Böses.

Ach ja, es bringt nichts, wenn Du Dich aktiv selbst präsentieren willst, nach Deinem Bilde geformt. Der Mensch Dir gegenüber sieht ohnehin etwas anderes, macht etwas anderes daraus, was Dir vielleicht gar nicht recht ist? Egal wie toll Du Deine Rolle spielst, Dein Gegenüber sieht was er sehen will und hört was er hören will, vor seinem eignen Hintergrund. Denk daran, Du bist Projektionsfläche und nicht Herrscher.

„Du gleichst dem Geist den Du begreifst“ [8]

Der Held, die Heldin fliegt mit seinem Ross durch die weite, satte, grüne Steppe des Landes hinter dem Regenbogen. Doch in dem Moment, in dem der eitle Gedanke der eigenen Wirkung ihn befällt und er ihm ergeben folgt, reißt der Sattelgurt – sein Fuß berührt den Boden. Sofort fällt er zurück in die Kümmernisse seines Alltags, in eine Welt aus Vorher und Nachher, Sorge und Not, aller Zauberkräfte ledig.

„Für die Quantenphysik gibt es keinen, von allen anderen abgetrennten Ort und kein zeitliches Vor- und Nachher. Vielmehr kann jedes Ereignis mit einem anderen verbunden sein. Der Physiker David Bohm hat dies die “implizite Ordnung” des Kosmos genannt. Diese Anschauung stellt nicht nur Raum und Zeit infrage, sie verwischt die Trennung von physischer und psychischer Realität. Es scheint, dass wir in einer Raum-Zeit existieren, die aus einem Kontinuum von “Inwendigem” (Sinn) und “Auswendigem” (Körper) besteht – nicht in einem leeren, mit Objekten spärlich möblierten Raum, sondern in einer Matrix von Beziehungen und deren Bedeutungen.“[9]

Noch heute werden Könige auf Sänften getragen, damit ihr heiliger Fuß nicht den Boden berührt und alle magischen Fähigkeiten aus dem göttlichen Wesen entweichen. Dieselbe Funktion erfüllte der rote Teppich, der Absatzschuh, die Luxusstaatskarosse. In unserer Welt, ist aus einem großen Symbol, das für jeden Menschen galt, ein vergoldeter Mummenschanz einer aufgeblasenen, selbsternannten Elite geworden, die von poetischer Magie wenig ahnt. Wir reden von der Magie der unvollkommenen Vollkommenheit in heiliger Zeit, im Hier und Jetzt, im absoluten Augenblick. Dort spielen wir.

Am Theater spucken sich die KünstlerInnen, vor der Premiere über die linke Schulter. Das soll Glück bringen. Dahinter stand: sie spucken symbolisch die gelbe Galle des Neides und der Eitelkeit aus, um sich einer anderen, einer heiligen Zeit zur Verfügung zu stellen. Sie wählen die linke Schulter, als ein Sinnbild des irrationalen, poetischen Denkens, um erneut mit dem Heldenross über die weite Steppe hinter dem Regenbogen fliegen zu können. Dies ist auch der Ort des absoluten Augenblickes und hat mit unserem üblichen Glücksverständnis wenig zu tun.

„Begnügen wir uns damit, daran zu erinnern, daß ein Mythos den Menschen aus seiner eigenen individuellen, chronologischen, “historischen” Zeit herausreißt, um ihn – zumindest symbolisch – in die Große Zeit zu versetzen, in einen paradoxen Augenblick, der sich nicht messen läßt, weil es keine Dauer gibt, die ihn bildet. Das bedeutet, daß der Mythos einen Bruch der Zeit und der umgebenden Welt impliziert; er verwirklicht eine Öffnung zur Großen Zeit, zur heiligen Zeit.
Die einfache Tatsache, daß der Mensch einem Mythos lauscht, läßt ihn seine weltliche Bedingtheit vergessen, seine “historische Situation” […] er wird versetzt in eine andere Welt, in ein Universum, das nicht mehr sein armseliges, kleines, alltägliches Universum ist. […] Mit anderen Worten, man überwindet die zeitliche Bedingtheit, die stumpfe Genügsamkeit, die das Schicksal eines jeden Menschen ist infolge der simplen Tatsache, daß jeder Mensch “unwissend” ist, das heißt dadurch, daß er sich selber, wie auch das Wirkliche, mit seiner eigenen besonderen Situation gleichsetzt. Denn die Unwissenheit besteht in erster Linie in dieser falschen Gleichsetzung des Wirklichen mit dem, was jeder von uns scheinbar ist oder scheinbar besitzt. […] Der periodisch wiederkehrende Vortrag der Mythen reißt die Mauern ein, welche die Illusionen des profanen Daseins errichtet hatten. Der Mythos reaktualisiert fortwährend die Große Zeit und entrückt dabei die Zuhörenden auf eine übermenschliche Ebene, die es ihnen unter anderem erlaubt, sich einer Wirklichkeit zu nähern, zu der sie auf der Ebene des individuellen, profanen Daseins keinen Zugang finden könnten.“[10]

Finde nun eine Bewegung und einen Ton für Dich, so wie Du hier bist. Jetzt, nachdem Du Dich beschrieben hast. Vielleicht hat sich etwas verändert? Einfach, weil Du es in Dir bewusst gemacht hast? In der Gestalttherapie gibt es den Satz:

„Was ist darf sein, was sein darf kann sich verändern.“[11]

Nimm Dich wahr und gebe Deiner Existenz, in diesem Moment eine ungefilterte stimmliche und körperliche Form. Du hast mit Dir heute hier und jetzt, eine Figur beschrieben die Du bist. Zeige diese jetzt, mit all ihren Spannungen und Einschränkungen in einer Bewegung mit einem Ton. Ein sich selbst begrenzender Charakter entsteht. Eine Rolle, ein Mensch: Körper, Atem, Gedanken, Seele.

„Wenn wir uns […] begegnen, verändere ich mich und du veränderst dich durch den Prozeß des Einanderbegegnens außer […] wenn die Menschen Charakter haben. Wenn einer einmal einen starken Charakter hat, dann hat er ein starres System entwickelt. Sein Verhalten versteinert sich, er wird vorhersagbar und der Mensch verliert seine Fähigkeit, das Leben und die Welt frei und in voller Kraft zu bewältigen. Er ist prädeterminiert, mit seinen Ereignissen nur in einer Weise fertig zu werden, und zwar so, wie es sein Charakter vorschreibt. In unserer Gesellschaft verlangen wir von einem Menschen, Charakter zu haben – denn dann ist man voraussagbar und kann klassifiziert werden.“[12]

 

„Charaktere bedeuten Ideen, Formen, Modelle […] wie die Urvölker in poetischen Charakteren dachten, in Mythen sprachen und in Hieroglyphen schrieben“[13]

„Gewisse Hemmungen gleichen den Griffen eines Flötenspielers, der um verschiedene Töne hervorzubringen, bald diese bald jene Öffnung zuhält, und willkürliche Verkettungen stummer und tönender Öffnungen zu machen scheint.“[14]

Wenn Du Dich nun auf den wertfreien, zielfreien, angstfreien absoluten Moment einlassen kannst, mit all den anderen Menschen, mit denen Du Dich im gemeinsamen freien Spiel wieder verbindest, dann öffnet sich der Raum der grenzenlosen Möglichkeiten. Trotz Deiner selbst gewählten Form. Dann wird Dein wahres Reden von Dir selbst, jenseits aller Worte, der Anfang Deiner Rückkehr zur Unendlichkeit. Dann ist Gott oder Geist oder wie immer Du das nennen magst, nicht länger ein abstrakt gedachtes Wesen außerhalb Deiner. Es ist die Macht des „dazwischen“ im Spiel, des „zwischen Euch“ im Rhythmus der Natur, die Verbindung, welche Raum und Zeit erst wahrhaftig aufhebt. Sie schafft die „Überwindung unlösbarer Paradoxien von Augenblick zu Augenblick“[15]. Du kannst das spüren in der Begegnung mit Dir und mit anderen Wesen, wenn Du Dich ihnen nur ausschließlich zuwendest. Das ist lebendige Wirklichkeit.[16]

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[1] Die Weissagung der Seherin – Völuspa, Krause, 2018, S.10

[2] Eliade, 1952, S.36

[3] Mader, 2008, S.18

[4] Wittgenstein, 1921/1971, S.113

[5] R.M. Rilke (Danke an Stefanie Weidmann für diesen Texthinweis)

[6] Jung, 1940, Abs.536, S.355 in Psychotherapie und Seelsorge

[7] Jung, 1940, Abs.247, S.183 in Psychologische Deutung des Trinitätsdogmas

[8] Goethe, Faust I

[9] Weber, 2016, S.39

[10] Eliade, 1952, S.65ff

[11] Werner Bock, Gestalttherapeut Quelle: deine-heldenreise.com

[12] Perls, 1976, S.15

[13] Vico, 1744, S.85

[14] Novalis, Blüthenstaub, Aphorismen, Nr. 7

[15] Weber, 2016, S.42

[16] Vgl. Martin Buber, Ich und Du, 1923