XXXV Beseelen, Erdichten und Glauben

XXXV Beseelen, Erdichten und Glauben 2019-10-01T16:55:42+00:00

Project Description

“Gott ist auch im christlichen Verständnis keine Person. All unsere Begriffe von Gott – wie Vater, Sohn und so weiter – sind nur Projektionen. Jenseits all dieser rationalen Begriffe ist Gott auch für uns einfach der Ursprung, die Quelle, das Eine. Und von diesem Einen geht das aus, was wir „Schöpfung“ nennen. Das Göttliche ist daher – auch für den christlichen Mystiker – in allem Lebendigen gegenwärtig: in jedem Atom, in jedem Molekül, in jedem Lebewesen, in jedem von uns.“[1]

Wir verleihen all den Dingen und Wesen, zu denen wir im Kontakt eine heftige innere Resonanz spüren, in denen ich mich wiederfinde, eine persönliche Existenz: fingunt simul creduntque[2].

„Von jeher hat der Mensch die Äußerung einer von ihm nicht gewollten oder veranlassten Seelentätigkeit als dämonisch, göttlich oder als “heilig”, heilend und ganzmachend empfunden. […] Götter sind Personifikationen unbewusster Inhalte, denn sie offenbaren sich selbst aus unbewusster Seelentätigkeit [Es handelt sich aber ganz und gar nicht um Gott, sondern um Vorstellungen von Gott … Es sind Menschen, die solche Vorstellungen haben und sich solche Bilder machen…]“[3]

Alles was mich in irgendeiner Art und Weise bewegt, kann ich beseelen. Etwas das mich innerlich berührt, egal in welche Richtung. Ich beseele, indem ich dem Ding, dem Wesen, der Erscheinung oder dem Vorgang, Leben aus meinen Körperteilen gebe – es vermenschliche, es gleichermaßen in etwas Menschenähnliches verwandle. Dieses Wesen statte ich aus, mit meinen ureigenen Eigenschaften, die mich in diesem Moment erfüllen. So kann es sein, dass ich ihm, dem Wesen, übermenschliche Kräfte verleihe oder allumfassende Liebe, vollständige Weisheit oder auch abgrundtiefe Bosheit, Mordlust, Brutalität. Die entstandene Seele wird mich in irgendeiner Art und Weise, auf idealisierter oder verdunkelter Ebene spiegeln. Als etwas Niedliches, etwas Schönes, etwas Verrücktes, etwas Starkes etwas Ungeheures. All mein Leid und meine Leidenschaften, mein heftiges Begehren und meine heftige Wut, bekommen Gesicht, Namen und Form.

„Versuchen wir, die existentielle Situation des Menschen zu verstehen, für den alle diese Gleichsetzungen nicht bloß Ideen sind, sondern erlebte Erfahrungen. Sein Leben besitzt offenkundig eine Dimension mehr: es ist nicht nur menschlich, sondern zugleich “kosmisch”, denn es hat eine übermenschliche Struktur. Man könnte es eine “offene Existenz” nennen, weil es nicht allein auf die menschliche Seinsweise allein beschränkt ist. […] Die Existenz […] ist der Welt gegenüber “offen”; der religiöse Mensch ist niemals allein, ein Teil der Welt lebt in ihm. […] Eine “weltoffene” Existenz ist keine unbewusste, in der Natur begrabene Existenz. Die “Offenheit” zur Welt setzt den religiösen Menschen in den Stand, sich selbst zu erkennen, indem er die Welt erkennt, und diese Kenntnis ist ihm kostbar, weil sie “religiös” ist, weil sie sich auf das Sein bezieht.“[4]

So entsteht meine Außenwelt, meine Götterwelt, als Spiegel meiner Innenwelt. So zeigen die Dinge und die Vorgänge, die ich in der Welt zelebriere, die Bewegungen und die Empfindungen in mir. Das alles sind Erfahrungen, die ich im tranceähnlichen spielerischen Rausch schöpfe, vertiefe und belebe, gleich dem Schamanen, der die Äste des Weltenbaumes besteigt und die Verbindung zwischen Himmel, Erde und Hölle wieder neu knüpft.

„Das Reich des Mythos, aus dem […] das ganze Schauspiel der Welt sich entfaltet, und das Reich der schamanischen Trance sind ein und dasselbe.“[5]

In der Erinnerung an diesen magischen Augenblick des ewigen Anfangs, auf das er wieder lebendig werde im jetzigen Moment, rufen wir rituell die Götter an, die wir ja aus uns selbst erschaffen haben. Jene Götter, nur scheinbar außerhalb von uns selbst in der Welt.

„Zuerst lebten die Götter in übermenschlicher Macht und Schönheit auf der Spitze schneebedeckter Berge oder in der Dunkelheit von Höhlen, Wäldern, und Meeren. Später wuchsen sie zu einem Gott zusammen, und dann wurde dieser Gott Mensch.“[6]

Das Ding, das Wesen, die Erscheinung oder der Vorgang wird Mensch, wird wieder ich, wenn ich dieses Beseelungserlebnis mit meinem Körper, was ja der Moment der Erschaffung eines Gottes oder Teufels aus mir ist, mit jemandem teilen möchte. Wenn ich mich mitteilen will oder wenn ich seiner heilenden oder zerstörerischen Nähe bedarf, da ich sie so in mir nicht mehr finden kann.

„Aber der Wille, den Gott zu bannen, dass er hilft und wohlwill, schlägt das Leben des Mythos selbst in den Bann. […] Das magisch Bewährte behauptet sich starr, Abweichung vom Gewohnten birgt Gefahr, ob Verstehen notwendig sei, bleibt offen, das Wissen der Formeln nach Ort und Stunde ihrer Verwendung, nach zugehörigem Brauch und rechtem Tonfall genügt.“[7]

Und wieder ist das WIE, für das weitere Werden meiner Götter aus mir das alles Entscheidende.

Der überwältigende Vorgang des ersten Kontaktes lebt schlafend oder wach in meinem Körper. Und aus meinem Körper, mit meinem Körper, wiederhole ich den mich erneut tief bewegenden Vorgang der Erschaffung der Götter, die poetische Tat des Erdichtens und des Glaubens. Aber nur wenn ich diesen Moment wahrhaftig, lebendig im Augenblick gestalte, jenseits eines Gedankens an Ziel oder Wirkung, wird aus schlafender Erinnerung, wache Gegenwart. Nehme ich aber den Gedanken meines Wollens hinzu, ist der ursprüngliche Moment des absoluten Jetzt, des Neuanfangs kontaminiert mit vertikalem Streben, wird nur noch verfälscht wiedergegeben. Ich befinde mich dann außerhalb meiner selbst.

„ […] the meaning of myth can only be understood within the context of actual narrative performance, which is, of course, also in the world. The myths come alive through the performance of them, along with the multitude of messages having to do with the possibilities of human experience in the world.”[8]

Wir arbeiten auf diese Art und Weise zuerst mit Deinem Plüschtier, dann mit Gegenständen, Situationen, Vorgängen, Konflikten und schließlich auch mit anderen Menschen und Bäumen.

Gehe in den Wald und suche Dir eine Pflanze, einen Baum, einen Fluss, einen Stein – etwas bei dem Du Dich deutlich spüren kannst, etwas was Dir aus Dir heraus etwas besagt, was Du mit Deinem Empfinden ganz ohne Wollen, aus Dir heraus sehen kannst. Dabei ist es egal, ob eine Bewertung von hässlich oder schön bei Dir wach wird. Die Natur selbst, kennt diese Unterscheidung nicht, die machst einzig Du allein. Aber Kunst ist in ihrem Ursprung, die Nachahmung der Natur, das Einfügen in die Natur, das Schwimmen in Ihrem Fluss. Durch das rationale Verstehen, klärt der Mensch seinen Geist auf und begreift die Dinge, sich abhebend von der Natur. Durch das rationale NICHT verstehen, sondern durch das Empfinden, macht der Mensch die Dinge aus sich selbst, verwandelt sich in sie selbst, wird selbst zum Ding, zum Wesen, zur Natur im ständigen Wechselspiel. Natur und Mensch, Empfinden, Gott oder Göttin, sowie Poesie und Kunst als ihre zelebrierten Entsprechungen, sind im Kern ein und dasselbe.

„Kosmos und Mensch ist nur ein Unterschied des Grades, nicht des Wesens.“[9]

Daher gilt: die höchste Absicht ist es, überhaupt keine Absicht zu haben. Das stellt mich in Einklang mit dem Kosmos, der Natur und der Art ihres Vorgehens – alles mit komplexem Sinn, alles ohne zielorientierte Absicht. Auf das Sehen von Ursache und Wirkung, lege ich keinen Wert. Stattdessen vollziehe ich eine Identifikation mit dem was ist, hier und jetzt.

Jetzt nimm Kontakt auf, mit dem was Du im Wald gefunden hast, spüre was z.B. der Baum Dir sagen will. Nutze Deinen ganzen Körper dazu. Teile auch Du Dich mit und finde ein gemeinsames Sein. Lass Dich überraschen, was jenseits Deiner Konzepte aus Dir entsteht.

„Wäre Gott nur ein abstraktes Theologenwort, wie hätte dieser Franz mit dem Wolf verhandeln, mit den Fischen reden und die Sprache der Vögel verstehen können. Aber das war einer, der die Blockade hier oben im Kopf, den Krampf im Großhirn, bei Lebzeiten überwunden hatte, so daß diese Kommunion mit der großen Natur wieder unmittelbar gelang.“[10]

Der Poet schöpft aus sich selbst, der Mensch, der Künstler. Wie wir handeln und schöpfen, werden unsere Schöpfungen (Götter) handeln und schöpfen.

Brüder, überm Sternenzelt, richtet Gott wie wir gerichtet.[11]

„Je unbewusster sich das religiöse Problem der Zukunft stellt, desto größer ist die Gefahr, dass der Mensch den Gotteskeim in sich zu einer lächerlichen oder dämonischen Selbstaufblähung missbrauchen wird, anstatt bewusst zu leben. […] denn wie bisher wird sich in alle Zukunft hinaus getanes, beabsichtigtes und gedachtes Unrecht an unserer Seele rächen, unbekümmert darum, ob sich die Welt für uns umgedreht hat oder nicht.“[12]

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[1] Bede Griffiths in Bede Griffiths, Guru, Mönch und Mystiker, von Corinna Mühlstedt, Deutschlandfunk, 18.07. 2018

[2] Tacitus: zugleich erdichten und glauben

[3] Jung, 1940, Abs.201, S.179 in Psychologische Deutung des Trinitätsdogmas

[4] Eliade, 1957, S.146

[5] Campbell, 1959, S.282 in Mythologie der Urvölker

[6] Jung, 1940, S.101 in Psychologie und Religion

[7] Zimmer, 1935, S. 20

[8] Joanna Overring, The Grotesque Landscape of Mythic, in Halbmayer & Mader 2004 S.71, zitiert in Mader, 2008, S.90f

[9] Eliade, 1960, S.32

[10] Bahro, 1991, S.81 / gemeint ist Franz von Assisi

[11] Friedrich Schiller, An die Freude, 1785

[12] Jung, 1940, Abs.267, S.195 in Psychologische Deutung des Trinitätsdogmas