XXXVI Das Heldenschicksal

XXXVI Das Heldenschicksal 2019-10-08T18:13:11+00:00

Project Description

Jedem Menschen ist die Krise vertraut. Krise als ein Stau, ungelöster Konflikte. Zuerst innerlich, dann auch in der Welt. In der Krise wird jeder Mensch krank, in der Seele zuerst, im Körper somit. Der archaische Mensch, der sich ganz und gar als Mikrokosmos begreift, fand einst klare und poetische Beschreibungen, für diesen stagnierenden Zustand seiner selbst, die bis heute überliefert sind und jedem aus dem Märchen bekannt: Das Königreich ist krank und bedarf der Rettung. Die Prinzessin liegt in tiefem Schlaf. Alle Quellen sind versiegt. Der König erstarrt in Trübsal. Poetische Bilder übersetzt  Mensch heute in wissenschaftliche Diagnosen: Bipolare affektive Störung (F31), Depressive Episode (F32), Rezidivierende depressive Störung (F33)[1], um nur Beispiele zu nennen. Innwendig sieht es trotzdem in den Menschen gleich aus. Der Lebensfluss ist ein dünnes Rinnsal oder ein rasender, zerstörerischer Strom. Das innere Klima ist aus dem Gleichgewicht geraten – Stürme, Dürren, Sintfluten, Kriege.

„Man kann von den Dichtern sowie von den Seeleninhalten, die durch eine Krise charakterisiert sind, absehen: auch ohne sie findet man die Wirklichkeit und Gegenwart der Bilder und Symbole beglaubigt.“ [2]

 

Heilung

Ein kranker Körper und eine kranke Seele benötigen Heilung. Und Heilung, das ist zunächst die Wiederherstellung des Urzustandes- der menschliche Zustand der unverbrauchten kindlichen, unbefleckten Jugend. Das Kind. Oder…

Die Jungfrau. Die Weisheit des unwissenden Anfängers. Der Neuanfang, die vollständige Regeneration. Verstehe ich dieses Bild im materiellen, linearen Sinne, dann ist der kraftvolle, unbefleckte, jungfräuliche Körper ein erstrebenwertes Ideal. Dann muss ein menschlicher Körper, hin zu diesem Urzustand repariert werden, oder in diesem Zustand, zumindest äußerlich, konserviert bleiben. In wie vielen Varianten, findet sich diese Aussage bestätigt: vom Jugendwahn bis zum religiösen Gebot der Jungfräulichkeit oder des Zölibates. Bewahrende Enthaltsamkeit vom Feuer der Emotionen, behebt Krisen oder schützt vor ihnen, so das Versprechen, so die Forderung an den menschlichen Körper, in unserer westlichen Gesellschaft.  Was nicht sein darf, hat nicht zu sein, ist nicht. Vergleichbar mit dem immer wunderschönen Dorian Gray[3], sein wahres Abbild auf dem Dachboden angeekelt, furchtsam versteckend. Der ganzen Doppelmoral aber setzt zuerst das unkontrollierbare, „sünd“reiche Leben selbst, mit seinem natürlichen Alterungsprozess Grenzen, selbst wenn ich Gelenke, Organe und andere Körperteile durch künstliche Duplikate ersetzen kann. Life sucks! Ausagierte Lebenskraft schlägt Kerben und Furchen.

Was für ein Traum, wenn ich den Gedanken über die medizinische Reparatur hinausdenke. Ließe sich doch so wissenschaftlich handwerklich, der perfekte Mensch zusammenzimmern. Die plastische Chirurgie und die komplette Lifestyleindustrie gehen diesen Weg.

„Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. – Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.“[4]

Im poetischen, nichtlinearen, kindlichen Sinne, wird nicht der Körper repariert und kann der Körper nicht repariert werden. Alle Kerben sind unverzichtbarer Bestandteil, der nicht mehr als temporären Hülle und von begrenzter Wirklichkeit[5]. Die Kerben sind Segen und Trophäen, geschlagener Schlachten in mir. Die Seele, die Innenwelt, das ist die immerwährende Realität und der poetisch denkende Mensch, wendet sich ihr zuerst zu. Denn der Seele der Menschen, entspringen die zeitlosen Bilder, die ihr im erneuten Durchleben, den Neuanfang ermöglichen. Dazu muss der Mensch, seiner Seele kundig spielen, im vollständigen Ernst die Geschichte aus Tod und Wiedergeburt erneut durchspielen, erfahren und so sterben und wiedergeboren werden. Im poetischen Sinne, das Leben kraftvoll neu beginnen. Der kranke Mensch der unzivilisierten Wilden, hat dafür den Schamanen, den Medizinmann, den Hüter der Mythen, der Seelentiefe, der dieses Spiel für ihn und mit ihm spielt.

 

Schamanen

„Doch der primitive Zauberer, der Medizinmann und der Schamane ist nicht einfach ein Kranker; er ist vor allem ein Kranker, der sich selber geheilt hat. […] Immer ist die Rede von einer Heilung, einer Bemeisterung, einer Gleichgewichtsherstellung.“[6]

Im Auftrag der Heilung anderer, besteigt der des Heilens kundige Schamane, bewandert in der Tiefe der menschlichen Seele – der somit Unheilskundige[7], im treibenden Rhythmus der Trommel den Weltenbaum in beide Richtungen, zu den Göttern der Unterwelt und zu den Göttern des Himmels. Das alles in sich selbst, in seinem menschlichen Körperkosmos, als Entsprechung des uns umfangenden Kosmos. Als Wissender spielt er die Mythen neu durch, vom Anfang bis zum Ende, hin zur Unbedarftheit des kindlichen Anfanges. Denn er selbst hat Heilung nicht kognitiv erlernt, sondern mit ganzem Leib selbst erfahren. Wir nennen das heute Selbsterfahrung. Er heilt nicht im Sinne einer zielgerichteten linearen Tat, sondern durchlebt im spielerischen Ernst des Rausches, der Trance, die Gipfel und Abgründe seiner Seele, immer zeitlos wiederholbar mit den Mythen der Völker dieser Erde. Er schließt die anderen Menschen in dieses Erleben mit ein, ein Vorgang der nur mit Phantasie einen Sinn erhält und überhaupt erst möglich wird. Vielleicht liegt genau darin die Kraft der Heilung. Die Phantasie bereichert immer die Seele und weckt Lebenskraft. Schamane ist also nicht jener sich selbst privilegierende Besondere, der es von sich behauptet und den Triggern des Lebens in Einsamkeit oder linear gemachter Guruhaftigkeit entflieht, also seine Außenwelt zuerst in den Schein des immerwährenden Glückes taucht. Schamane ist nur jener Mensch, der das Abenteuer der Selbsterfahrung poetisch phantasievoll ernsthaft beginnt, diese fortan in sein kantiges, widersprüchliches Leben integriert und so in seinen Fluss, zu neuer ungebremster, unaufhaltsamer Kraft findet. Ein Mensch, der das Leben und seine Kerben nicht verleugnet, nicht meidet, der mit der Natur wächst, nicht gegen sie. Die Quellen des Lebenswassers sprudeln wieder.

„Der Schamane ist bis zu einem gewissen Grade von den gesammelten Illusionen seiner Gruppe befreit und findet Eingang in die Geheimnisse der Seele selbst, die ihn zur Weisheit führen: zur Einsicht in die Welt des Geistes. Damit nimmt er auch für die Gesellschaft notwendige Funktionen wahr, sie aus dem starren und sterilen Verharren im Alten hinauszutreiben zu neuen Weiten und neuen Tiefen des Lebens.
Die zwei seelischen Typen verhalten sich komplementär zueinander: der zupackende Typus vertritt die beharrende, reaktionäre Tendenz und der einfühlende den lebendigen fortschrittlichen Impuls – oder auch die Verhaftung an das Ort- und Zeitgebundene und das Streben nach dem zeitlosen Allgemeinen. In der menschlichen Geschichte haben sich die zwei von Urbeginn an im Gespräch gegenüber gestanden, und die Folge war ein reales Voranschreiten von engeren zu weiteren Horizonten, von einfachen zu komplexeren Ordnungen, von dürftigen zu prächtigen Kunstwerken, eine Entfaltung im zeitlichen Ablauf, die wir Kultur nennen. […] Denn der menschliche Geist in seiner Polarität von männlicher und weiblicher Erfahrungsweise, in seinen Übergängen von der Kindheit zum Erwachsensein und zum Greisenalter, in seinem zupackenden und seinem einfühlenden Wesen und in seiner dauernden Zwiesprache mit der Welt ist die letzte und eigentliche mythogenetische Zone – der Schöpfer und Zerstörer, der Knecht aller Götter und doch ihr Herr.“[8]

 

Rausch

Davon ist übrig, dass eine seelische Bereicherung durch Kunst, Liebe oder Unterhaltung, noch immer als heilend empfunden wird. Ebenso der Rausch und der Exzess, die beide zyklisch eine enorme Anziehungskraft auf viele Menschen ausüben. Sei es in bewusstseinserweiternden Ritualen, mit entsprechenden Substanzen oder im vulgären Alkoholrausch am Samstagabend. Analog dazu feierten die archaischen Menschen den Beginn des neuen, frischen Jahres, mit der Zerstörung des alten, verbrauchten Jahres. In immer gleichen Ritualen, wiederholten sie den Mythos der Schöpfung der Welt, indem sie selbst diesen Mythos verkörperten, nachahmten und somit gleichsam reaktualisierten. Die Welt des alten, kranken Jahres wurde orgienhaft, ausschweifend zerstört. Alles gestaltige Leben löste sich auf, in der form- und gestaltlosen Finsternis des Urmeeres, im Rausch bis in die Bewusstseinslosigkeit: den Strom des tiefen Unbewussten, den Schlaf.

„Es gibt keine Bewußtheit ohne die Unterscheidung von Gegensätzen. Das ist das Vaterprinzip des Logos, der sich in unendlichem Kampfe der Urwärme und der Urfinsternis des mütterlichen Schoßes, eben der Unbewußtheit, entwindet. Keinen Konflikt, kein Leiden, keine Sünde scheuend, strebt die göttliche Neugier nach der Geburt. Unbewußtheit ist die Ursünde, das Böse schlechthin für den Logos. Seine weltschöpfende Befreiungstat aber ist der Muttermord, und der Geist, der sich in alle Höhen und Tiefen wagte, muß […] auch die göttlichen Strafen erleiden, die Fesselung an den Felsen des Kaukasus. Denn keines kann sein ohne das andere, weil beide am Anfang eines waren und am Ende wiederum eines sein werden […] wie alles Leben durch viele Tode hindurchgehen muß.“[9]

Doch nach dem dritten Tag des schwarzen Neumondes, entstand die neue Welt wieder – wurde von dem “alles Göttliche” verkörpernden Menschen aus dem Nichts geschöpft. Unverbraucht. Paradiesisch. Regeneriert. Frei. Jung. Ausgestattet mit allen Potentialen und Ressourcen. Reset. Ein “gespielter”, erlebter und erfahrener Neubeginn, gefüllt mit dem zeitlosen Erleben des archaischen Menschen – besonders, heilig und damit für immer wahr. Der Mythos der ewigen Wiederkehr[10]. Ein reales und gespieltes Sterben und Erwachen.

 

Tod und Weltenende

„Die Aufhebung der abgelaufenen profanen Zeit wurde durch Rituale bewirkt, die eine Art “Weltende” bedeuteten. Auslöschen der Feuer, Wiederkehr der Seelen der Toten, Vermischung der sozialen Klassen, erotische Freiheit, Orgien usw. – all das symbolisierte die Rückkehr des Kosmos ins Chaos. Am letzten Tag des Jahres löste sich das Universum in den Urwassern auf. Das Meerungeheuer, Symbol der Finsternis, des Amorphen und nicht Manifestierten, stand wieder auf und wurde bedrohlich. Die Welt die ein ganzes Jahr existiert hatte, verschwand wirklich. Diese periodische Rückkehr der Welt in eine chaotische Daseinsform hatte folgende Bedeutung: alle “Sünden” des Jahres, alles, was die Zeit schmutzig gemacht und abgenützt hatte, wurde im physischen Sinn des Wortes vernichtet.“[11]

Eine Initiation – Tod und Wiedergeburt. Der Wald um uns herum ebenfalls. Er regeneriert sich mit seinem Totholz, aus seinem Sterben selbst. Ist das ein Gesetz der Natur, in die auch der Mensch gehört? Führt der Weg immer durch die Tiefen des unkontrollierten Unbewussten zu sich selbst? Durch den Tod? Oder ist die Heldentat, das bewusste Erfahren des Unbewussten? Eine Todeserfahrung? Das Überwinden des Schlafes? Wer lange und intensiv meditiert, hat einen Begriff von der komplexen Gestaltenvielfalt des Unbewussten. Ich kann im Nicht Wollen, im Einfach so sein, mir meiner vollständig bewusst werdend und unterscheidend, immer tiefer in meine Innenwelten vordringen – ein innwendig Ausleuchten, Betrachten, Zuhören, Erfahren, Staunen und Lernen. Ich kann aber auch im Halbschlaf wach, mir meiner immer weniger vollständig bewusst, versinken in einer Traumwelt, in der Finsternis, in der Tiefe ausgeliefert.

 

Ungeheuer

„Heroen und Initiierte steigen in die Tiefe des Abgrunds hinab und trotzen den Meerungeheuern; das ist eine typische Initiationsprobe […] manchmal bewachen die Drachen einen “Schatz”, das Sinnbild des Heiligen, der absoluten Realität; der rituelle (Initiations-)Sieg über das bewachende Ungeheuer entspricht der Eroberung der Unsterblichkeit.“[12]

 

„Die Haupttat des Helden ist die Überwindung des Dunkelheitsungeheuers: es ist der erhoffte und erwartete Sieg des Bewußtseins über das Unbewußte. Tag und Licht sind Synonyme des Bewußtseins, Nacht und Dunkel die des Unbewußten. Die Bewußtwerdung ist wohl das stärkste urzeitliche Erlebnis, denn damit ist die Welt geworden, von deren Existenz vorher niemand etwas wußte. “Und Gott sprach: Es werde Licht!” ist die Projektion jenes vorzeitlichen Erlebnisses der vom Unbewußten sich trennenden Bewußtheit.“[13]

Und hier zeigt sich schon, wie sehr das wörtliche Verständnis des Mythos, gestaltend bis tief in unsere Gegenwart wirkt. Schlaf, Benommenheit, unkontrollierte Impulse, Faulheit, Rausch – das sind alles Faktoren, die einem effektiv gestalteten Arbeitsleben entgegenstehen. Das hat im modernen Menschen nichts mehr zu suchen.

 

Der Erlöser

Seitdem Christus die Sünden der Welt auf sich nahm, ist eine zyklische Rückkehr zu den Wurzeln des Anfangs, die alle Sünden abwäscht, faktisch obsolet. Es ist bereits vollbracht, von ihm dem Erlöser. Ab jetzt steht der ganze Mensch, Tag und Nacht, dem Fortschritt im Licht zur Verfügung. Konflikte werden argumentativ kognitiv gelöst, in der Welt. Wahre Helden brauchen nur 4 Stunden Schlaf, egal wann. Die Nacht ist besiegt. Der Rausch gehört in den Feierabend und das bitte so, dass unser Voranschreiten in der Gesellschaft, nicht weiter hinterfragt wird. Alkohol produziert diesen verdummenden Rausch. Nicht umsonst wurde er in der Kolonialzeit an indigene Völker als „zivilisatorisches Reizmittel“ ausgegeben, die Widerstandskraft zu brechen. So konnte eine wirklich heldenzeugende Rauschkultur der grenzüberschreitenden Selbsterfahrung, ausgerottet werden. Und schließlich ersetzt, durch einen schnellen käuflichen Rausch, der im Übelsein des nächsten Tages, lethargisch gefügig macht. Oder wütend. Immer aber zerstört dieser Rausch, die Fähigkeit zur inneren Heldentat. In vino veritas[14]?  Es muss wohl heißen: im Rausch der Grenzerfahrung. Das wörtliche Verständnis des Mythos und seine zynische Falschauslegung, zerstört im Einklang mit der Natur funktionierende archaische Gesellschaften. Das alles für ein vollständig kaputtinterpretiertes Heldenbild, das auf den Schlachtfeldern blutigster, brutaler Menschengemetzel angenommen wird.

„Das Ziel der psychologischen Entwicklung ist […] die Selbstverwirklichung, respektive die Individuation.[…] Insofern die Individuation eine heroische oder tragische, das heißt eine schwerste Aufgabe darstellt, bedeutet sie Leiden, eine Passion des Ich, nämlich des empirischen, gewöhnlichen, bisherigen Menschen, dem es zustößt […] seiner sich frei dünkenden Eigenwilligkeit beraubt zu werden. Er leidet sozusagen an der Vergewaltigung durch das Selbst. […] Das Drama des archetypischen Christusleben beschreibt in symbolischen Bildern die Ereignisse im bewußten und im bewußtseinstranszendenten Leben des Menschen, der von seinem höheren Schicksal gewandelt wird.“[15]

Genau dieser Neubeginn, diese innere Wandlung, ist essentiell bei Krankheit und den meist krisenbehafteten Übergängen, von einem Lebensabschnitt zum nächsten. Der Neubeginn macht den ungelösten Konflikt bewusst, weckt das schlafende Potential hin zur Tat in der Aktualität. Und dieser Weg führt nun einmal nicht durch den passiven Weg des Alkoholrausches oder der egomanen glückszentrierten Lebensausrichtung, die keine Frustrationstoleranz mehr mitbringt, geschweige denn über die Schlachtfelder der Weltkriege. Hier muss etwas Reales getan werden, eine wirklich tödliche Schlacht geschlagen, die bekannte Welt verlassen, die Ebenen durchbrochen und das ausschließlich in der Innenwelt.

„[…] “Initiation” heißt bekanntlich Tod und Auferstehung oder – in anderem Zusammenhang – Abstieg in die Unterwelt, auf den der Aufstieg zum Himmel folgt. Mag der Tod zur Initiation gehören oder nicht: er ist das Durchbrechen der Ebene par excellence. {…] Die Seele des Toten erklimmt die Pfade eines Berges oder besteigt einen Baum oder ein Schlinggewächs, bis sie zu den Himmeln gelangt.“[16]

 

Der Narr

In den Überlieferungen tritt das Heroische oft als sein Gegenteil auf. Nicht der muskulöse, schwertkampferprobte oder skrupellose Recke rettet die Welt, erst im wachsenden linearen Denken stellt sich die Körperkraft über die Seelenstärke, Wahrheit und Empfindsamkeit. Im poetischen Urbild naht Rettung von jener Seite, von der ich heute am wenigsten Rettung erwarte. Vom Narren. Vom Dummling. Vom Unerfahrenen. Vom Kind, das Erwachsene gern als defizitäres Erziehungsobjekt betrachten. Von jenem Menschen, der sein ICH noch nicht aufgeblasen hat und die Welt durch den Panzer seines Charakters sehen will, mit dem er ja die Konflikte nährt, die er selbst verursacht. In sich und außerhalb seiner selbst. Konflikte die letztendlich zu seiner Krise führen, zu seiner Seelenschwäche, zu seinem krank werden. Zum Panzer, in dem er sitzt und um sich schießt. Da gibt die Heldengestalt selbst, die Antwort auf die Suche des Helden, der Heldin nach dem WIE im Leben. Den Charakterpanzer bewusst erleiden und somit abschmelzen, bar jeder weiteren äußeren Sicherheit. Was für eine Heldentat.

Rettung naht von jenem, der das lineare Denken nicht beherrscht und so auch keine Doppelbotschaften senden kann, im Gegensatz der formulierten Worte und des tatsächlichen Seins. Ein Mensch der im poetischen Denken frei fliegen kann, wie ein Vogel in den Wolken, über den schneebedeckten Bergen im Frühlingswind. Von jenem, der sich nicht ausbremst für ein gedachtes Ziel. Jenem der keine Vorsicht kennt, die aus dem Gedanken an eine mögliche Ursache oder Wirkung entsteht, von jenem der nur im Augenblick lebt, von jenem der emotional lebendig ist und nicht taktiert und so auch streitbar steht. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

„Die Erregung von Konflikt ist eine luziferische Tugend im eigentlichen Sinne des Wortes. Konflikt erzeugt das Feuer der Affekte und Emotionen, und wie jedes Feuer, so hat auch dieses zwei Aspekte, nämlich den der Verbrennung und den der Lichterzeugung […]So ist die Emotion jener Moment, wo der Stahl auf den Stein trifft und ein Funke herausgeschlagen wird: Emotion ist die Hauptquelle aller Bewußtwerdung. Es gibt keine Wandlung von Finsternis in Licht und von Trägheit in Bewegung ohne Emotion.“[17]

Ich wiederhole mich jetzt. Der Held ist der Narr, der immerzu das Unbekannte wagt. Jener der mit dem Feuer spielt, wenn die Masse in trügerisch schützender Vorsicht zurückweicht: Prometheus, Loki, Ikarus – Heilsbringer – auch dämonischer und scheiternder. Einer der keine Konflikte scheut, sondern provoziert und wieder löst und sich somit auch langsam selbst ausdifferenziert, sich aus dem mütterlichen Urgrund wieder in die materielle Welt führt. Ein Weg aus der kranken Welt in den Ursumpf, ausgerüstet nur mit der Unbescholtenheit und Demut des unbefleckten Kindes, aus dem ein neues Ich entsteht, frei von hemmender Erfahrungs- und Lebensschlacke. Ein Kind das neu geboren, wieder und wieder in den Lauf der Welt zurückkehrt. Davon handeln die Mythen, in ihrem Urgrund der rein poetischen Bilder. Hier kennt der Mensch keine moralische Wertung. Mit dem Wachsen der Zivilisation, der Ausprägung des linearen Denkens, der Werte und Moralvorstellungen, wird der mütterliche Ursumpf zum Feindbild der weiblichen Kraft, zur Abwertung der Frau, wird der Feuerbringer ein Unheilsbringer, denn er schafft Emotion und Konflikt, wird das Kind zum defizitären unfertigen Menschen, der erst mal 20 Jahre lang lernen muss, vernünftig zu sein und vernünftig zu denken. Damit es nicht in seiner grenzenlosen närrischen Dummheit, jeden Sinn auf den Kopf stellt, jede Frage erneut stellt, von den Fragen die verboten sind, jeden Fehler schon wieder macht, damit das Erreichte und Errungene, nicht wieder in Frage gestellt wird oder anders: das Rad der Geschichte nicht zurückgedreht werden kann.

Aber der poetische Mensch, bewegt sich im Gestern und Heute und Morgen, in diesem einzigen Moment. Hinterher besteht das lineare Leben immer aus Fotoalben, Urkunden und Zeugnissen, die für das Morgen wichtig sein könnten. Im poetischen Leben jedoch, kann ich Vergangenheit und Gegenwart, aus mir im Moment erwecken, ein Moment von Unsterblichkeit, von Wirklichkeit. Parsifal achtete bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg, peinlich auf antrainierte Sitte und Anstand. Bloß keine Fehler machen, doch dabei das Offensichtliche übersehend, zu sehr mit sich und seiner Wirkung beschäftigt. „Wo ist der Gral?“ fragt er schließlich rücksichtslos bei seinem zweiten Besuch.

“Wo ist der Gral?” Im selben Augenblick wandelt sich alles […] Die wenigen Worte Parsifals hatten ausgereicht, die gesamte Natur zu regenerieren. Diese Worte nämlich hatten die zentrale Frage enthalten, das einzige Problem, das nicht nur den sündigen König, sondern den ganzen Kosmos zu interessieren vermochte: wo befand sich das Wirkliche, das Heilige, das Zentrum des Lebens, der Quell der Unsterblichkeit? Wo befand sich der heilige Gral? Vor Parsifals Ankunft hatte niemand daran gedacht, diese zentrale Frage zu stellen – und die Welt verdarb an dieser metaphysischen, religiösen Gleichgültigkeit: sie verdarb, weil die Imagination und die Sehnsucht nach dem Wirklichen fehlte.[…] Denn oft ist der Tod nichts anderes als das Ergebnis unserer Gleichgültigkeit gegenüber der Unsterblichkeit.“[18]

 

„Bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg hält der Held sich starr an Vorschriften und unterläßt es daher nicht nur, den verwundeten König zu heilen, sondern verwirkt auch die reine Kraft seines unschuldigen Lebens und macht in seinem Irrsinn alles, was er anfasst, zur Wüste; doch als er schließlich durch die Einsamkeit  seines Ausgestoßenendaseins “ein aus sich rollendes Rad” geworden ist […]da erscheint am Gralstein sein Name. In seinem eigenen Leben, in seiner eigenen Tiefe ist er an den “Queckborn” der Zeit gekommen, gemäß der […] Maxime aus dem zwölften Jahrhundert, wonach Gott “eine intelligible Sphäre” ist, “deren Mittelpunkt überall, deren Umkreis nirgendwo ist” [19]

 

Konflikte, Feuer

Das wesentliche am Leben sind seine Konflikte, die poetisch betrachtet das Leben erst lebendig machen und Entwicklung ermöglichen, in einem Kreislauf aus Tod und Wiederauferstehung. Das Austragen von Konflikten hat heilende Wirkung, wenn ich verstehen kann, dass alles nicht so ernst, so wichtig, so besonders und unabdingbar ist. Dazu gehören Fehler, Sünden, Streit, Gemeinheiten, alles was Menschen heute so gern vermeiden. Einzig das Spiel damit ist wichtig, denn das ganze Leben ist ein Spiel.

„Wir spielen unsere Rolle, wo uns das Spiel hinstellt und spielen sie ideal, weil wir überlegen sind.; sie verhext uns nicht mehr, daß wir an sie als unser wahres Wesen glauben, wir sind verlarvt in Individuationen, wie das gestaltlose Göttliche, sich in die gestaltige Welt verlarvt. Diese gestaltige Welt aber ist nichts anderes, als die Unzahl aller Individuationen in stetem Wirbel, und was in ihnen, unbetroffen, sich verlarvt, sind wir. So sind wir das Göttliche: Leben grenzenlos und betroffen von seinem Larvenspiel.“[20]

 

„Das ganze Leben ist ein Quiz
Und wir sind nur die Kandidaten
Das ganzen Leben ist ein Quiz
Ja, und wir raten, raten, raten“[21]

 

„[…] die Verpflichtung im Spiel und dann das Durchspielen der Verpflichtung bis zum letzten. Und gerade hier in ihrem absonderlichen Mut zum Spiel erhob sich die Welt aus der Wildheit zur Kultur. […] Das Prinzip ist das der Maske, des Tanzes, des Festes, der Bewegungsform, durch die eine neue Kraft der Lebensgestaltung geweckt wird. Man macht sich ein Bild, ein übernormales Bild, das in seinem Ausmaß die Bedürfnisse der Nahrung, Kleidung, Wohnung, Sexualität und eines netten Zeitvertreibs für die Mußestunden übersteigt. Es braucht Mut sich auf ein solches Spiel einzulassen und seinen eigenen, kleinen Part im Gesamtbild voll zu spielen. Doch was ist jetzt? Eine Verwandlung des Lebens tritt ein, ein Mehr an Leben, wie man es sich zuvor nicht einmal vorgestellt hätte.“[22]

Alle Theaterstücke, Romane, Mythen usw. basieren auf inneren Konflikten der jeweils handelnden Figuren, so wie jeder Mensch seine eigenen inneren Konflikte hat. Der innere Konflikt und die damit einhergehenden Prüfungen denen wir uns unterziehen, sind die Triebkraft menschlichen Handelns, egal unter welchem Vorzeichen (Minus/Plus). Sie stoßen uns nicht zu, sie kommen aus uns, gehören zu uns – jede Rolle die zu spielen ist.

„Die Prüfungen denen er unterzogen wurde, entsprachen seinem Leben und deshalb entsprach er ihnen. So wurde er eins mit seiner Herrin Seele, schloss Frieden mit ihr und wurde auf der schönen Burg der Liebe, der Herr seiner eigenen Welt. Jetzt galt es nur noch, auch mit der Welt jenseits des breiten Flusses Frieden zu schließen.“[23]

Wir müssen als Spieler zuerst den inneren Konflikt unserer Figur finden und dann erkennen, WIE meine Figur im Kontakt mit den anderen Figuren Konflikte führt – also handelnd das Geschehen antreibt oder bremst. Es geht dabei nicht, um das Herausfinden eines Zieles, Need, Want o.ä., sondern um das Erforschen meiner Innenwelt vor dem Hintergrund meiner zu spielenden Figur. Wie sieht es wo in mir aus? Welche Welt existiert da in mir? Welche Konflikte, laufen in meinem Menschenkosmos eigentlich wie ab und werden auf welchem Schlachtfeld ausgetragen? Welche Akteure kann ich sehen, spüren, hören? In welchen Masken und Kostümen? Bin ich Herr in meiner Welt? Und dieses ganze Getümmel in mir, wie beeinflusst das eigentlich meine Äußerung in der Welt außerhalb meiner selbst, „jenseits des breiten Flusses“? Wie bewege ich mich damit? Wie spreche ich damit? Wie reagieren Menschen damit auf mich? Imaginationsfähigkeit, Phantasie und Planlosigkeit, sind die Schlüssel zur Selbsterkenntnis, zur Erkenntnis des Wesens der zu spielenden Figur. Höchstwahrscheinlich entsteht mit mir, eine vollständig andere Rolle, als ich mir zuerst gedacht habe. Einfach dadurch, dass ich in die Unterwelt meines Körpers erlebend eintauche, statt meine kognitiven Analysefähigkeiten weiter zu strapazieren.

Menschen in Begegnung miteinander, handeln unter dem Gesichtspunkt ihres jeweils aktuellen inneren Konfliktes, in der Situation mit dem anderen Menschen. Daraus resultiert ein Konflikt zwischen zwei Menschen, wobei Konflikt nicht durchweg negativ konnotiert ist, sondern wertfrei als Entwicklungschance. Ich kann also Konflikt, auch immer mit Entwicklungschance übersetzen. Handelnde Figuren aus den Stoffen die wir umsetzen, befinden sich permanent im Entwicklungs-, und Konfliktmodus – innerlich und äußerlich. Immer im Kampf zwischen zwei Mächten, zwischen Gut und Böse. Diese Dualität spiegelt sich in der Kunst des Spielens damit. Nicht umsonst wird Schauspiel, als die Wissenschaft von „Gut und Böse“ bezeichnet. So betrachtet ist das Heldenschicksal jener Mensch, der gerade einen Konflikt gelöst hat, der diese Dualität für einen kurzen Moment überwand. Doch wie wir wissen, das ist eine neverending story. Der Konflikt ist eine Dualität in Dir. Diese begleitet Dich und die Menschheit schon immer und permanent, mehr oder weniger wahrnehmbar. Im Selbsterfahrungsritual „Die Heldenreise“ von Paul Rebillot[24]ist das so beschrieben:

“Du spürst eine tiefe Sehnsucht in Dir und Du verdrängst sie immer wieder?
Du träumst davon, wie Dein Leben aussehen könnte und bleibst im Gewohnten?
Du weißt es steckt viel mehr in Dir und Du zweifelst immer wieder an Dir?
Du willst Dein Potential leben und hast Dein Ziel klar vor Augen,
doch Du stehst Dir selbst immer wieder im Weg?

Jeder Mensch kennt sie, die beiden Stimmen und widerstreitenden Kräfte in sich selbst.
Der eine Teil in uns sehnt sich nach Veränderung und Lebendigkeit, ist mutig und willensstark. Der andere Teil benötigt ganz viel Sicherheit und Gewohnheit, dieser Teil begrenzt sich selbst und leidet lieber statt zu verändern.

Wenn sich der Konflikt zwischen den zwei widerstreitenden Kräften zwischen Sehnsucht und Sicherheit nicht lösen lässt, fühlen wir uns gefangen in einem Leben, das nicht unseren Bedürfnissen entspricht. Umso mehr, wenn uns der Wunsch nach Sicherheit davon abhält, der eigenen Berufung und den eigenen Herzenswünschen nachzugehen. Das führt mitunter zu großer Unzufriedenheit, Energielosigkeit bis hin zur Lähmung.“[25]

Das ist der Stoff, aus dem das Theater der menschlichen Entwicklung gemacht ist, das Welttheater. Darin ist der Held ein Mensch, der kein Feuer scheut und es sogar bringt (Emotionen), keinen Kampf vermeidet (Konflikte, never waste a good trigger[26]) und ewig zum Kind zurückkehren kann (Neuanfang, Spielfähigkeit, mangelnde Ernsthaftigkeit). Vielleicht ist das die wahre Trinität.

„Der Begriff Spiel ist höherer Ordnung als der des Ernstes. Denn Ernst sucht das Spiel auszuschließen, Spiel jedoch kann sehr wohl den Ernst in sich einschließen.“[27]

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[1] Klassifizierung depressiver Störungen nach der ICD 10, die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen.

[2] Eliade, 1952, S.18

[3] Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, London, 1890

[4] Novalis, 1798, Blüthenstaub, Vers 16, 1798

[5] Und doch ist die moderne Medizin ein Segen, auch für meine Seele, sage ich in Dankbarkeit aus eigener Erfahrung. Wahrscheinlich wäre ich schon mehrmals entstellt oder tot. Anm. d. Autors

[6] Eliade, 1951/1975, S.37f

[7] Loki aus der germanischen Mythologie, ein klassischer Feuerbringer, wird auch der Unheilskundige genannt. Vgl. Vers 37, Das Hymirlied in Die Edda

[8] Campbell, 1959, S.519 in Mythologie der Urvölker

[9] Jung, 1959, Abs.178, S.110 in Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus

[10] Eliade, 1965, 2007

[11] Eliade, 1957, S.71

[12] Jung, 1940, Abs.284, S.181 in Zur Psychologie des Kinderarchetypus

[13] Eliade, 1957, S.118

[14] Im Wein liegt die Wahrheit.

[15] Jung, 1940, Abs.233, S.173 in Psychologische Deutung des Trinitätsdogmas

[16] Eliade, 1952, S.54

[17] Jung, 1959, Abs.179, S.110 in Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus

[18] Eliade, 1952, S.62

[19] Campbell, 1959, S.673 in Schöpferische Mythologie

[20] Zimmer, 1935, S.84

[21] Songtext von Das ganze Leben ist ein Quiz © Universal Music Publishing Group, Songwriter: Lorenzo Arbore / Angelo Colagrossi / Joachim Reinhard Hagemann / Hans Peter Kerkeling / Claudio Mattone

[22] Campbell, 1959, S.463 in Mythologie der Urvölker

[23] Über Ritter Gawan aus den Arthus Sagen in: Campbell, Schöpferische Mythologie, 1959, S.612

[24] Paul Rebillot (* 19. Mai 1931 in Detroit; † 11. Februar 2010 in San Francisco) war ein US-amerikanischer Autor, Theaterkünstler und Psychotherapeut, bekannt für „Die Heldenreise“

[25] Zitiert nach der Heldenreiseanbieterin Ninon Hensel,
www.deine-heldenreise.com

[26] Vgl. Ana T. Forrest, Die Yogakriegerin, 2011

[27] Johan Huizinga zitiert in: Campbell, Mythologie der Urvölker, 1959, S.462