XXXVII Die ewige Wiederkehr

XXXVII Die ewige Wiederkehr 2019-10-08T18:14:21+00:00

Project Description

Im Symbol des Heldenschicksals, erlangt der Held oder die Heldin für den Status der Vollkommenheit, jenen kurzen Moment direkt nach der Überwindung einer inneren Gegensatzspannung. Diese zeigte sich in einem heftigen inneren Konflikt, der zu einem lähmenden Stillstand führte und in heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen gipfelte – im Kampf des göttlichen Helden mit dem Drachen der Tiefe.

„[…] der Drache, das Bild des Meerungeheuers, der Urschlange, das Symbol für die kosmischen Wasser, die Finsternis, die Nacht und den Tod, kurz für das Amorphe und Virtuelle, für alles, was noch keine “Form” hat. Der Drache musste von einem Gott besiegt und zerstückelt werden, damit der Kosmos ans Licht kommen kann. (Tiamat besiegt Marduk und macht daraus die Welt, Jawhe besiegt Rahab) […] Doch dieser Sieg Gottes über den Drachen, muß jedes Jahr symbolisch wiederholt werden, denn jedes Jahr ist die Welt von neuem zu erschaffen.“[1]

Die Erfahrung der Dualität als Basis und Nahrung jedes Konfliktes, der immer heftige Emotionen schürt, löst sich auf in einer vollendeten Einheit. In ältesten Gemeinschaften, ausgedrückt im Symbol des Kindes. Der Held stirbt seinen (ICH)Tod und kehrt als unbefleckter, neuer Mensch zurück.

„Indem der Mensch auf symbolische Weise an der Vernichtung und Neuschöpfung der Welt teilnahm, wurde auch er neu geschaffen; er wurde wiedergeboren und begann eine neue Existenz. […] Er hatte die märchenhafte Zeit der Schöpfung wieder erreicht. […] er wurde neu geboren und begann seine Existenz noch einmal mit einem ungeschmälerten Vorrat an Lebenskraft, wie im Augenblick seiner Geburt. […] das Fest ist nicht die “Gedächtnisfeier” eines mythischen (und damit religiösen) Ereignisses, sondern seine Reaktualisierung.“[2]

Damit beginnt Regeneration aus den Kräften des Neubeginns, der Wiedergeburt. Heilung findet statt. Mit dieser tiefgreifenden Erfahrung, kann ein Mensch nicht mehr zurück, in den alten profanen Alltag. Er kann nicht so weiterleben wie bisher, denn er hat sich aus seinen alten Verstrickungen entwickelt. Den ihn umfangenden Schicksalsfaden zerriss er, und ist nun mit völlig neuen Möglichkeiten seines Lebens konfrontiert.

„Der Neophyt stirbt seinem […] nicht regenerierten Leben ab und wird wiedergeboren zu einer neuen, geheiligten Existenz und damit auch zu einer Seinsweise, welche die Erkenntnis, das Wissen möglich macht. Der Initiierte ist nicht nur ein “Neugeborener” oder “Auferstandener”, er ist auch ein Mensch der weiß, der Mysterien kennt, der metaphysische Offenbarungen gehabt hat. […] der Initiierte ist derjenige, der die Mysterien erfahren hat, er ist der Wissende.“[3]

 

„[…] wieder einmal ist die gestaltige Welt nur Meer, und alle Lebensgestalt ins Urelement der Wasser zerlöst. Nun schlummert das göttliche Wesen in Alleinsamkeit, ruht riesigen Leibes auf grenzenlosem Meer, seinem anderen Ich. Was einst als Welt entfaltet aus ihm quoll und wieder quellen wird – jetzt regt es sich IN ihm. Ist es der Traum des Schlafenden, wie entfaltete Welt sein Wachsein?“[4]

 

„[…]im Traum vermag man die geschichtliche Zeit abzuschaffen und die mythische wiederzufinden, was den künftigen Schamanen zum Zeugen des Weltanfangs und damit zum Zeitgenossen der […] uranfänglichen mythischen Offenbarungen macht.“[5]

Aus den Wassern des Lebens, aus dem Traum, aus der Einsamkeit wird er regeneriert wiedergeboren und lebt sein Leben, mit einem schmaleren, leidverursachenden ICH als bisher weiter. Bis sein Königreich erneut seiner Heldentat bedarf. Denn immer ist Mensch nur für einen Augenblick vollkommen. Alle göttliche Vollkommenheit aber wacht stets in ihm, ist immer Potential.

»Das Ganze vollendet sich nun!« […] Nun ist er ganz geworden, ist das eine und das andere: Heilbringer und unheilbringender Verbrecher, sein Lichtes und sein Dunkles fließen mächtig in eins. Nun braucht er keine Augen mehr wie andere Menschen, – Augen, die gegeben sind, immer eines vom anderen zu sondern und zwischen mehrerem einen Weg zu weisen; in seiner Ganzheit ist eines das andere, der Rettende ist das Opfer, seine Größe ist sein Fluch, seine Unschuld seine Schuld. Da wirft er seine Augen weg, – er könnte wie der rasend gewordene Ajas des Sophokles, sein tragischer Bruder, rufen, der den selbstgewählten Tod grüßt mit dem Laut, »Dunkel: du mein Licht!«[6]

 

„Im Mythos ringt einmal Krischna, der menschgewordene Allgott als Hirtenknabe mit einem Schlangendämon; zum Entsetzen der Hirtenfrauen scheint er im Wasser vom Dämon überwältigt, von den Windungen der Schlange umstrickt und gelähmt, vor ihrem Gifthauch ohnmächtig geworden. Da ruft ihm sein Halbbruder Rāma, wie er ein menschgewordenes Stück Vischnu, vom Ufer her zu, »göttlicher Herr der Götter, was entfaltest du dieses menschliche Wesen an dir? weißt du nicht um dein eigenes anderes Wesen: du bist der Nabel der Welt, Schaffer, Wegraffer und Hüter aller Welten, du bist alle Welt! menschliches Wesen hast du gezeigt, Knabenspiele hast du gezeigt, darum bezwinge jetzt den Dämon!« So wird Krischna sich selbst in Erinnerung gebracht, ein Lächeln spaltet den Kelch seiner Lippen, klatschend schlägt er auf die Windungen, die ihn fesseln, spielend löst er seinen Leib aus ihnen, beugt das Haupt der Schlange unter seinen Fuß und hebt an, stampfend darauf zu tanzen, bis der Schlangendämon um Gnade bittet. So stellt sich das Doppelgesicht unseres und allen Wesens dar: daß wir Jīva und Brahman in einem sind, kreaturgebannt und preisgegeben, zugleich aber todlos frei.“[7]

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[1] Eliade, 1957, S.45

[2] Eliade, 1957, S.72ff

[3] Eliade, 1957, S.163

[4]  Zimmer, 1935, S.33

[5]  Eliade, 1951/1975, S.111

[6] Über Ödipus und Odin, Zimmer, 1935, S.189

[7] Zimmer, 1935, S.117