XXXVIII Rolle, Persona, Maske

XXXVIII Rolle, Persona, Maske 2019-10-08T18:20:19+00:00

Project Description

Letztendlich handelt das Heldenschicksal davon, „Herr“ im eigenen Hause zu werden, sich seiner selbst bewusst zu sein, sich selbst kennen zu lernen, seine inneren Prozesse zu erfahren und sich damit anzuerkennen. Das alles unter Einbeziehung aller Aspekte der eigenen Persönlichkeit. Nichts davon schönfärben, sich nicht ein vom privaten oder beruflichen Umfeld erwartetes Selbstbild aufdrücken. Das Heldenschicksal redet von Befreiung, genauer: von Selbstbefreiung. Und Selbstbefreiung ist die Befreiung des Selbst von den Zwängen der eigenen Maske – Persona, Rolle, Ich – des Charakters. Daraus resultiert nicht etwa die subtilere Anpassung meiner selbst, nach eigenen Vorstellungen, durch mein intelligentes, reflektiertes Ich, sondern die größtmögliche Freiheit meines, unter dem Ich verborgenen, Selbst, was einem regenerierten Urzustand nahekommt. Da sind ungeahnte Überraschungen möglich. Freiheit ist die Erlangung des Heldenschicksals – das Ich abschmelzen, das Selbst erkennen. Die Wahl haben, Dinge zu tun oder zu lassen nach eigenem Ermessen. Ich kann tausendmal meine Umwelt befreien, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, innerlich meine Freiheit, meine spielerische Freiheit auch mal wahrzunehmen und auszuprobieren, und nicht den wundervollen Sommertag mit Selbstzweifeln verbissen arbeitend, an irgendeinen Fortschritt verschwenden zu müssen. Das ist kein eigenes Ermessen. Das Heldenschicksal ist zwingend ein Aspekt der erfahrbaren, kindlichen, spielerischen Freiheit und ohne sie, absolut unmöglich in seiner visionären Kraft. Und wer frei ist, ist verantwortlich; er kann nicht mehr sagen: Meine Kindheit, die anderen, die Umstände, die Sachzwänge sind schuld. Es braucht zuerst heldenhafte Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung, statt Selbstunterdrückung im Namen eines gedachten Heldenbildes, das sich ausschließlich nach dem Licht der Sonne orientiert und gestaltet, statt anerkennt. Jener Mensch, der so sein ICH für sein Selbst nimmt, scheint vielleicht heldenhaft nach den gedachten Kategorien des Patriarchats, der Erleuchtung oder sonst was, ist es aber im eigentlichen Sinne nicht. Ihm fehlt das archaische, spielende, schmutzige Kind, die erfahrbare Leere des Neubeginns. Kind ist immer erfahrbar, ist archaisch, ist lebendig.

„Wer in den Spiegel des Wassers blickt, sieht allerdings zunächst sein eigenes Bild. Wer zu sich selber geht, riskiert die Begegnung mit sich selbst. Der Spiegel schmeichelt nicht, er zeigt getreu, was in ihn hineinschaut, nämlich jenes Gesicht, das wir der Welt nie zeigen, weil wir es durch die Persona, die Maske des Schauspielers, verhüllen. Der Spiegel aber liegt hinter der Maske und zeigt das wahre Gesicht.
Dies ist die erste Mutprobe auf dem inneren Wege, eine Probe, die genügt, um die meisten abzuschrecken, denn die Begegnung mit sich selber gehört zu den unangenehmeren Dingen, denen man entgeht, solange man alles Negative auf die Umgebung projizieren kann. Ist man imstande, den eigenen Schatten zu sehen und das Wissen um ihn zu ertragen, , so ist erst ein kleiner Teil der Aufgabe gelöst: man hat wenigstens das persönliche Unbewußte aufgehoben. Der Schatten aber ist ein lebendiger Teil der Persönlichkeit und will darum in irgendeiner Form mitleben. Man kann ihn nicht wegbeweisen oder in irgendeiner Form umvernünfteln. Dieses Problem ist unverhältnismäßig schwierig, denn es ruft nicht nur den ganzen Menschen auf den Plan, sondern erinnert ihn zugleich an seine Hilflosigkeit und an sein Unvermögen. Starke Naturen – oder soll man eher sagen schwache? – lieben diese Anspielung nicht, sondern ersinnen sich irgendein heroisches Jenseits von Gut und Böse und zerhauen den Gordischen Knoten, statt ihn zu lösen. Die Rechnung muß aber über kurz oder lang doch beglichen werden. […] es gibt Probleme die man mit den eigenen Mittel schlechthin nicht lösen kann. Ein solches Eingeständnis hat den Vorteil der Ehrlichkeit, der Wahrheit und der Wirklichkeit. […] Hat man eine derartige Einstellung, so können hilfreiche Kräfte, die in der tieferen Natur des Menschen schlummern, erwachen und eingreifen, denn die Hilflosigkeit und Schwäche, sind das ewige Erlebnis und die ewige Frage der Menschheit, und darauf gibt es auch eine ewige Antwort […] Wieviel weiß der Mensch von sich selber? Es ist aller Erfahrung nach sehr wenig.“[1]

 

Spiel

Letztendlich ist alles menschliche Leben ein ernstes Spiel, mit Masken, Rollen und Verwandlungen, auf der weiten Bühne des Welttheaters. Das ICH ist auch nur eine tragische, komische Rolle. Du entscheidest selbst, wie ernst Du Dein Spiel nimmst oder wie ernst Du Deine eigene private Maske, Rolle oder Persona für Dich nimmst. Du entscheidest selbst, wie frei oder begrenzt Du in Deinem Leben spielen willst. Spielst Du Spiel A:  Das musst du tun und alles andere ist verboten? Oder spielst Du Spiel B: Dies und Dies ist nicht erlaubt, aber was du sonst tust ist egal?[2]

Spiel A ist das Spiel der Wahnsinnigen und Psychopaten. Spiel B ist das freie kindliche Spiel. Menschen mit psychischen Störungen eskalieren aus sich selbst heraus, drehen sich immer tiefer hinein in ihre eigene Welt aus Wahn- oder Zwangsvorstellungen, ohne dass es einen erkennbaren Anlass gäbe. Sie leben sozusagen in ihrer eigenen Welt und wirken entsprechend in ihre Umwelt hinein. Wird das Verhalten als selbst -oder fremdgefährdend erkannt, droht die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik. Menschen die glauben, ein Verhalten objektiv einschätzen zu können, entscheiden darüber.

Ich kenne von mir Situationen, in denen ich mich ähnlich selbst verrückt mache, aus einer Angst oder Sorge heraus, aus einem Minderwertigkeitsgefühl, einem beruflichen oder privaten Stress, einem veränderten Hormonspiegel. Ich erkenne mich im Wahnsinnigen wieder. Das heißt, der Unterschied zwischen mir und ihm ist graduell. Mehr nicht.

„Von dem was einer ist.
[…] Immer kommt es darauf an, was einer sei und demnach an sich selber habe: denn seine Individualität begleitet ihn stets und überall, und von ihr ist alles tingirt, was er erlebt. In allem und bei allem genießt er zunächst nur sich selbst […] Daher ist das Englische to enjoy oneself ein sehr treffender Ausdruck, mit welchem man z. B. sagt he enjoys himself at Paris, also nicht »er genießt Paris«, sondern »er genießt sich in Paris«. – Ist nun aber die Individualität von schlechter Beschaffenheit, so sind alle Genüsse wie köstliche Weine in einem mit Galle tingirten Munde. Demnach kommt, im Guten wie im Schlimmen […] weniger darauf an, was einem im Leben begegnet und widerfährt, als darauf, wie er es empfindet, also auf die Art und den Grad seiner Empfänglichkeit in jeder Hinsicht. Was einer in sich ist und an sich selber hat; kurz die Persönlichkeit und deren Wert, ist das alleinige Unmittelbare zu seinem Glück und Wohlsein.“[3]

 

Wahnsinn

Betrachte ich mich genauer, zeige ich alle Anzeichen eines Wahnsinnigen: Ich nehme meine Welt für wahr und unterstelle mir dabei Objektivität. Ich finde Feinde und Freunde. Ich wirke meiner Wahrnehmung entsprechend, handeln in die Welt hinein. Dabei agiere ich eindeutig selbstgefährdend und fremdgefährdend. Ich zerstöre mich (Stress, Rauchen, Alkohol, Kaffee, Schlafmangel, Drogen, Zucker, Bewegungsmangel, Überforderung) und ich zerstöre meine Umwelt (Massentierhaltung, Auto, Ressourcenverbrauch, Flugreisen und unendlich viel mehr). Wer weist auf dieser Welt, wen für dieses alltägliche, normale suizidale Verhalten in welche Klinik ein? Jeder einzelne Mensch spielt, gefangen in seinem ICH, seinem Charakter, seiner Rolle oder seiner Persona im Welttheater das Spiel A: Das musst du tun und alles andere ist verboten! Wir spielen die Rolle unseres ICH, mit einem so gedacht, heldenhaft verbissenen Ernst, dass es ein Wunder ist, das dieser Planet noch existiert.

„Die Maske, die “persona” unserer Individuation, ist uns im Westen so angewachsen, daß keine Ewigkeit sie auslöscht und Seligkeit sie verklären, aber nie abschmelzen kann. […] wie komme ich dazu, immer irgendetwas sein zu müssen? Und wo fände ich das Sein, das nicht ein bestimmtes Irgend – etwas ist? Sondern Sein schlechthin, unsagbar, grenzenlos, durch die Färbung keiner Eigenschaft getrübt. – Hier liegt für den Westen eine Grenze des Wahnsinns, – aber wir sind es müde, wir selbst zu sein; nicht nur dieses eine Ich, dessen Rolle uns gerade beschäftigt, nein: alles Ich, und sei es groß und herrlich, Gott oder Stern, – widert uns an.“[4]

So wie wir unsere eigene Lebensrolle formen, gestalten wir die Rollen auf der Bühne des Theaters oder des Filmes. Verbissen analytisch, verhaftet in der gigantischen Zugspannung aus Vergangenheit und Zukunft, in einem Wollen und Müssen. Wir formen die Rollen die wir „spielen“, so zwanghaft wie die eigene Persönlichkeit, mit einem existentiellen Ernst, der jede überraschende Spielmöglichkeit abtötet. Wir behaupten Leichtigkeit, in einer Sphäre der Perfektion. Wir formen Rollen, Charaktere, also eigene Begrenzungen, mit Begründungen aus unserem zeitlichen, immer abhängigen Leben. Das hat mit dem kindlichen Spiel des Heldenmythos, verdammt wenig zu tun und verhindert das volle Welttheater, auch in uns wahrzunehmen und auszuspielen. Wie gesagt: Spiel A, Das musst du tun und alles andere ist verboten! Wir kopieren das Leben, mehr nicht.

 

But acting doesn’t mean copying life.

„Wer alle einzelne Bestimmung an sich löscht, Person und Schicksal, wer wie Gott ist, jenseits beider in grenzenloser Ruhe, und nur spielend in Kontur und Ablauf verwoben, wird mythisch. […] Der Weg geht über die völlige Entäußerung von der Person, einbegriffen ihrem unbewussten Grund von Trieben und Begrenzungen, die als Bereitschaften der Tiefe, Personen immer neu aufzubauen, in uns schlummern oder gären. Der werdende Buddha (Bodhisattva) zertut das Ich mit Opfern ohne Maß, in Leben ohne Zahl – so allein kann er werden, was er ist: transzendent, allem Schicksal enthoben, wenn auch Befangenheit in ICH und Welt, ihm ewig den Anblick der eigenen Transzendenz verstellen will.“[5]

Das Abschmelzen der eigenen Selbstbehinderung, ist eine Kernaufgabe für jeden spielenden Menschen, inkarniert im Heldenschicksal. Und wie soll das gehen? Spielerisch in „Opfern ohne Maß, in Leben ohne Zahl“. Es ist immer ein Opfer, wenn ich mein ganz persönliches, färbendes, bestimmendes Ich einen Hauch abschmelze. Es gibt kein Maß, dieses Opfer bringe ich meinem Selbst täglich dar. Und mein Selbst, das ist in meiner Imagination eine glühende Magmamasse in meinem Unterleib, es ist das Leben schlechthin. Es ist frei und souverän, um im mythologischen Bild zu bleiben: es ist das göttliche und dämonische in mir – Alle Götter in mir!
Ich opfere mich im Spiel B: Dies und Dies ist nicht erlaubt, aber was du sonst tust ist egal! Ich nehme mein Ich so ernst, wie all die anderen Wesen, in meiner inneren Fantasyworld.

„Was bin ich? wo fange ich an, wo ende ich und worin gründe ich? wo sind die Grenzen des Ichs: ist die Person das übergreifende Ding, wie das Bewußtsein gern wähnt, oder ist sie nur die helle Blüte an einem dunklen Baum, eine gestaltige Welle auf einem dunklen tieferen Wasser, ein Oberflächengebilde, herausgewölbt aus einem Anderen, das sich ihr entzieht, sie aber in ihrer Vergänglichkeit gewähren läßt? Es gilt dieses Andere in uns zu erfassen, um die Ordnung der Abhängigkeit von ihm zu begreifen und zu meistern, – denn es geht darum, souverän zu werden im Hause unseres Leibes, unserer Welt. Wir sind es nicht, denn das hieße, nach Belieben aus unserer Ganzheit schöpfen, – wann können wir das? Wir haben uns nicht ganz, wir haben nur, was jeweils uns bewußt wird, – ein Fließendes, Entgleitendes, – die Nacht verschlucktes, der Tag verstreut es. Wie wenig haben wir von dem, was alles in uns liegt, als einen Besitz, über den wir willentlich verfügen können, – oder wie wenig davon hat uns? zuweilen langt es nach uns oben aus seiner Tiefe als ein Erleuchtetsein, als eine Fülle, – dann läßt es uns wieder gleichmütig wie ein Ungenügendes aus der Hand fallen.“[6]

„In Leben ohne Zahl“ – in Rollen ohne Zahl, in Masken ohne Zahl, in Charakteren ohne Zahl: spielen das Spiel B aus der vollen Kraft meines Innenlebens, in voller Ernsthaftigkeit, ohne mich ernst zu nehmen. Darum ist Theater und Spielen unsterblich. Dies und Dies ist nicht erlaubt, aber was du sonst tust ist egal! Darin liegt weder Beliebigkeit noch Gleichgültigkeit, sondern vielmehr die Chance zur Rückkehr in meinen ganzen Körper in seiner unendlichen Vielfalt, in seiner sich selbst frei gestaltenden Natur mit all ihren ungeahnten Potentialen. Und damit betreten wir auch die berühmte „via negativa“ im Sinne Grotowskis:

“… not a collection of skills but an eradication of blocks,” that is, an elimination of the obstacles that stifle or block an actor’s creative expression and ability…“[7]

Es warten Erfahrungen, die aus Dir kommen und das verborgene Wesen (nicht nur den Inhalt) von Konflikten, Rollen, Szenen und Handlungsbögen offenbaren. Nein, Du sammelst kein Wissen, Du legst Dein ureigenes Wissen frei. Dazu musst Du einzig wirklich bereit sein und Deine bisherige Vorstellung von Kunst, Spiel und Leben in Frage zu stellen.

„Sein neues Denken befreit den Menschen von der Unmittelbarkeit der umgebenden Welt, ihr bannender Eindruck wird zur bloßen Erscheinung.“[8]

Spiel B im absoluten Moment, unter Abschmelzung meines bedürftigen, erfolgshungrigen ICH – gespannt zwischen meinem Trauma und meiner Vision, zwischen erinnerter Vergangenheit und gedachter Zukunft. Was kommt danach? Im Heldenschicksal, des alles in sich einschließenden spielenden Kindes, existiert diese Frage nicht. Es hat nichts zu verlieren.

„Wir sehen das Neue, also das Spontane, aufgrund unserer Begriffsmuster nur immer in den Filtern des Vergangenen […] aber es entgeht uns dabei das Neue. Wenn wir einander zum Beispiel in Partnerschaften in alten Mustern wahrnehmen, projizieren wir vergangene Erfahrungen auf den gegenwärtigen Augenblick, obwohl die Partnerin oder der Partner in diesem Moment gerade einen ganz neuen Impuls einbringen wollte. Wir sehen es gar nicht.“[9]

_______________________

[1] Jung, 1959, Abs.42ff, S.29ff

[2] Vgl. Varela in Portele, 1992 S.21

[3] Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Kap.2

[4] Zimmer, 1935, S.73

[5] Zimmer, 1935, S.39

[6] Zimmer, 1935, S.103

[7] Vgl. Jerzy Grotowski, Für ein armes Theater, 1986

[8] Zimmer, 1935, S.69

[9] V. Brück, 2007, S.142