Das Sein zelebrieren: Paradies setzt ein.|brief@NeuerMensch.com
riverrun – acting 2019-02-18T15:41:25+00:00

Die Seele des Menschen ist der Ort, wo Gott mit dem Teufel ringt.

Dimitri Karamasov

Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.

Christian Morgenstern
  • riverrun acting – searching for actors and mankind basic language

    Das mythologisch, religionswissenschaftlich und „gestalt“basierte Schauspieltraining, entwickelt von Olaf Rauschenbach in der Zusammenarbeit mit Studierenden und SchülerInnen der darstellenden Künste.

    Ein Weg zur archaischen und transzendentalen Erfahrung Deiner schauspielerischen Arbeit und ihrer rituellen Veröffentlichung auf der Bühne und vor der Kamera.

  • Das Seminar findet durchgehend als  schauspielerische Aus- und Weiterbildung für eingeschriebene StudentInnen und SchülerInnen, an der Hochschule für Musik in Nürnberg und aktuell der Zerboni Schauspielschule in München statt.

  • HFM Nürnberg / WS 18/19 und SS 19, Thema: „Tristan und Isolde“ nach dem Libretto von Wagner und der Vorlage von Gottfried v. Strassburg

  • Zerboni Schauspielschule WS 18/19, Thema: „Das wüste Land“  T.S. Elliot

riverrun acting schauspieltraining

Kunst

… besitzt die Fähigkeit uns lebhaft mit einer anderen Vision der Realität zu konfrontieren. Doch diese Konfrontation bereichert nicht nur die Fantasie. Sie attackiert auch unsere Gewohnheiten und stellt die Dogmen unseres Denkens bloß.

Sehgewohnheiten hinterfragen, Denkweisen verändern, überholte Selbstkonzepte aufzeigen: neue Horizonte eröffnen!
Damit wird Kunst im Theater seinem mythologischen Ursprung gerecht. Hier beginnt Entwicklung und Gesellschaft.
Es geht nicht um den Inhalt, dieser ist seit tausenden Jahren in tausenden Varianten gleich: Liebe und Krieg zwischen den Menschen.
Es geht um das WIE! WIE zeige ich diese Inhalte. Und dann beginnt Veränderung.

“Tristan und Isolde”, “Orpheus und Eurydike”, “Penthesilea”, “Die Orestie” …
Ob bewusst oder unbewusst, den meisten Opern, Theaterstücken, Filmen, Liedern und Gedichten unserer Welt liegen mythologische Bilder und Symbole zu Grunde. Archetypen bestimmen das Wesen der handelnden Charaktere auf der Bühne und vor der Kamera.

Die Symbole, die Mythen, die Riten […] – sie offenbaren stets eine Grenzsituation des Menschen und nicht bloß eine geschichtliche Situation; Grenzsituation bedeutet jene Situation, die der Mensch entdeckt, wenn er seinen eigenen Standort im Weltall erkennt. […] Sähe die Religionsgeschichte den Menschen nicht nur als historischen Wesen, sondern als lebendiges Symbol […] sie würde uns den Weg bahnen zu einem neuen Erwachen, zu einem Wiedererringen der archaischen Symbole und Archetypen, die, lebendig oder versteinert, in der religiösen Überlieferung der gesamten Menscheit vorhanden sind. […] könnte der moderne Mensch auch die Symbolik seines Körpers wiederentdecken, den sein Körper ist ein Anthropokosmos. […] Erlangt der moderne Mensch neues Bewußtsein von der ihm eigentümlichen antropokosmischen Symbolik ( die nur eine Spielart der archaischen Symbolik ist), so erringt er eine neue Daseinsdimension, von der der zeitgenössische Existentialismus und Historizismus nicht das geringste wissen: eine Seinsweise der Wahrhaftigkeit, eine authentische und gesteigerte Seinsweise […] (M. Eliade, Ewige Bilder und Sinnbilder, S.39ff)

Auf magische Art und Weise sind mir die Figuren, Ihre Konflikte vertraut und auch wenn die Geschichte so oder so ähnlich schon tausende Male erzählt wurde: Spannung erfüllt mich, die Zeit bleibt stehen, ich tauche ab in eine andere Welt, ich fiebere mit, ich kämpfe mit, ich siege und verliere gleichermaßen. Irgendwie erneuere ich mich, regeneriere. Diesen Zustand kann ich heilig nennen. Im Erleben und Erfahren der urmenschlichen, bis heute ungebrochen gültigen Bilder und Symbole, liegt wahrscheinlich der Schlüssel zu einer transzendenten, spielerischen, somit lebendigen Lebenshaltung und der menschlichen Entwicklung und Konfliktlösung überhaupt.

Die wahre Geschichte ist es, die […] die große Zeit offenbart, die mythische Zeit, welche die wahrhaftige Quelle allen Seins und allen kosmischen Geschehens ist […] diese Erlöserfunktion des Mythos spielt ihre Rolle […] für jedes menschliche Wesen, das seinem Abenteuer lauscht. (M. Eliade, Ewige Bilder und Sinnbilder, S. 71)

Vereinfacht dargestellt!

Darstellende Künstler zwischen Kommerz und Kunst. Warum riverrun acting?

Wir verhandeln als darstellende Künstler auf der Bühne Inhalte, die dem Psychotherapeuten, dem Priester, dem Medizinmann, dem Religionswissenschaftler, dem Ethnologen, dem Mythenforscher extrem geläufig sind. Jene Inhalte mit immer gleichem Kern und in ständig wechselnder buntschillernder Aufmachung auftretend, finde ich weltweit, seit tausenden von Jahren in allen Kulturen, sowohl in den “zivilisierten” als auch den “primitiven”. Ihr eigentlicher Zweck vereinfacht gesagt und bereits angedeutet: seelische und geistige Erneuerung und Regeneration des Menschen durch den Menschen, mittels Projektion seiner innerweltlichen Vorgänge in göttliche und dämonisch erscheinende Wesen, in einer phantastischen Welt außerhalb seiner selbst. Was sich so profan liest oder anhört, hat in seiner Umsetzung und Erfahrung eine besondere und somit heilige Dimension. Daraus entstanden die Religionen und das Theater unserer Zeit. Würden wir diesem archaischen Ursprung unserer Stoffe als Künstler bewußt gerecht werden, wäre das gelebte Friedensarbeit. Tun wir aber nicht.

Indem der Mensch auf symbolische Weise an der Vernichtung und Neuschöpfung der Welt teilnahm, wurde auch er neu geschaffen; er wurde wiedergeboren und begann eine neue Existenz. […] Er hatte die märchenhafte Zeit der Schöpfung wieder erreicht. […] er wurde neu geboren und begann seine Existenz noch einmal mit einem ungeschmälerten Vorrat an Lebenskarft, wie im Augenblick seiner Geburt. […] das Fest ist nicht die “Gedächtnisfeier” eines mythischen (und damit religiösen) Ereignisses, sondern seine Reaktualisierung.(M. Eliade, Das Heilige und das Profane, S. 72 ff)

[…] diese ewige Rückkehr zu den Quellen des Heiligen und Wirklichen, rettet […] rettet die menschliche Existenz vor dem Nichts und dem Tod. […] Die ihres religiösen Gehaltes entleerte Wiederholung führt jedoch notwendig zu einer pessimistischern Sicht der Existenz. Die zyklische Zeit, die nicht länger ein Weg zurück zurück zu einer Situation des Anfangs, zur geheimnisvollen Gegenwart der Götter ist, die entsakralisierte zyklische Zeit, enthält einen schrecklichen Aspekt; sie wird zum Kreis der sich unentwegt um sich selbst dreht, sich ewig wiederholt. (M.Eliade, Das Heilige und das Profane, S.95)

Den Mythos poetisch lesen lernen.

Wissenschaftlicher Konsens ist heute: Mythen und Religionen sind zuerst poetisch zu lesen, als ein Symbol des Menschen und seiner Entwicklung. Sie sind zuerst intrapersonelle Tatsachen und erst in zweiter Instanz historische. “Das wörtliche Verständnis des Mythos entstellt seinen Sinn” so der anerkannte Mythenforscher Joseph Campell. Ja, Mythen und Religionen sind in ihrem Kern nach außen projizierte innerweltliche menschliche Konflikte und keine Expeditionsberichte aus dem Inneren der Erdkugel, die im wörtlichen Verständnis nur noch zur Kleinkindunterhaltung taugen.

[…] das Bild des verlorenen Paradieses, das plötzlich Umrisse gewinnt in der Musik eines Akkordeons – welch ein unwürdiges Studienobjekt war das doch! Aber diese Einstellung zeigte nur, wie sehr man vergaß, daß das Leben des modernen Menschen überströmt von halb vergessenen Mythen, von heruntergekommenen Hierophanien, von ihren Gefühlswerten beraubten Symbolen. […] Ein ganzer Müllhaufen von Mythologischem lebt in seinen unzureichend kontrollierten Seelenzonen fort.[…] der Mythos vom verlorenen Paradies, das Bild vom vollkommenen Menschen oder das Mysterium der Frau und der Liebe […] All das findet sich unter vielen anderen Dingen – doch wie sehr säkularisiert, abgewertet, übertüncht! – im halbbewussten Strom des alltäglichen Lebens: in den Tagträumen, in den Melancholien, im freien Spiel der Bilder […] Die abgewerteten Bilder bezeichen den Ausgangspunkt, von dem aus die geistige Wiedergeburt des modernen Menschen beginnen könnte. (M. Eliade, Ewige Bilder und Sinnbilder, S.19 ff)

Jungfrauengeburt und Auferstehung: die „alten Männer“ ignorieren lernen.

Doch traditionell patriachal strukturiert und autoritätsgläubig abhängig, beschäftigen wir uns  in der darstellenden Kunst noch immer mit dem wörtlichen Verständnis, mit der Projektion die wir sehen und blind produzieren, mit Ursache und Wirkung, Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Wir stecken die immer gleich agierenden Darsteller einfach in andere Kostüme. Verwandlung? Die Projektion wird inszeniert. Wirkungsvoll aufbereitet, in Szene gesetzt und durch Pseudogötter (Stars) personifiziert. Die Unterhaltungsindustrie wirkt. Worte werden geübt, Lebensläufe erfunden, Rollen neben mir entwickelt, Betonungen und Gesten trainiert. Des Kaisers neue Kleider. Wir arbeiten in und an der Spaltung unserer Seele, statt im Urvertrauen auf uns selbst. So werden wir der großen archaischen Aufgabe nur noch zufällig gerecht. Vergleich: das ist ein wenig so, als würde ein Religionswissenschaftler die Jungfrauengeburt oder Auferstehung jenseits ihres Symbolcharakters als historische Tatsache erklären. Das ist ja schon genau so geschehen durch die Kirche, mit dem Ergebnis das das eigentliche große Bild allmählich seine Strahlkraft verliert und absurd wirkt. Dieses Schicksal kann uns Künstler auch erwarten. Passiert das nicht schon in endloser Beliebigkeit?

Ein Dogma ist immer das Resultat und die Frucht von vielen Geistern und vielen Jahrhunderten. Es ist gereinigt von allem Bizarren, von allen Unzulänglichen und Störenden der individuellen Erfahrung. Aber trotz alledem ist die individuelle Erfahrung, gerade in ihrer Armseligkeit, unmittelbares Leben, sie ist das warme, rote Blut, das heute pulsiert. Sie ist für einen Wahrheitssucher überzeugender als jede Tradition. Unmittelbares Leben aber ist immer individuell, denn das Individuum ist der Lebensträger. (Jung, Psychologie und Religion, S. 67)

Und ein lebendiger Geist wächst und überwächst sogar seine eignen alten Formen und sucht sich nach freier Wahl seine Menschen, die ihn verkünden und in denen er lebt. Neben diesem ewig erneuerten Leben des Geistes, der auf vielfachen und unbegreiflichen Wegen durch die Geschichte der Menschheit sein Ziel sucht, wollen von Menschen festgehaltene Namen und Formen wenig sagen, sind sie doch nur die wechselnden Blätter und Blüten am selben Stamme des ewigen Baumes.(Jung, Psychotherapie und Seelsorge, Abs. 538, S.355)

Alle Götter in mir!

Was aber ist, wenn ich als darstellender Künstler das tue, was in jeder Psychotherapie fällig wird, was der Wissenschaftler ohnehin schon tut? Was, wenn ich alle Projektionen dahin zurückziehe wo sie herkommen – zum Menschen?  Zu mir selbst! All die göttlichen und dämonischen Wesen kehren zurück zum Wesen, zum Kern, zum intrapersonellen Ursprung aller Geschichten dieser Welt. Zurück zu mir, denn ich bin Mensch. Wie verändert sich mein Denken und Handeln, meine Stimme, mein Sein? Was passiert, wenn ich buchstäblich bei Null anfange? Bin ich überfordert so ohne Krücken? Jetzt bin ich aller Feinde und Freude ledig und nur mit mir konfrontiert – ich der Ausgang aller Konflikte! Ich die Lösung! Bin ich dafür zu schwach, mich als Weltendrama wieder zu finden? Auf mein alleiniges Sein zurückgeworfen?

Wenn man sich jemanden vorstellt, der tapfer genug ist, seine Projektionen allesamt zurückzuziehen, dann ergibt sich ein Individuum, das sich eines beträchtlichen Schattens bewußt ist. Ein solcher Mensch hat sich neue Probleme und Konflikte aufgeladen. Er ist sich selbst eine ernste Aufgabe geworden, da er jetzt nicht mehr sagen kann, daß die anderen dies oder jenes tun, daß sie im Fehler sind […]Er lebt in einem “Hause der Selbstbestimmung”, der inneren Sammlung. Solch ein Mensch weiß, daß, was immer in der Welt verkehrt ist, auch in ihm selber ist, und wenn er nur lernt, mit seinem eigenen Schatten fertig zu werden, dann hat er etwas Wirkliches für die Welt getan. (Jung, Psychologie und Religion, Abs.140, S.101)

Ist der Gedanke zu aufklärerisch?

Jung sagte: “Kinder werden durch das Sein der Eltern erzogen, nicht durch die Worte die sie schwatzen.” Vielleicht: Rollen werden gespielt durch mein Sein und nicht durch die Worte die ich quatsche, die Lumpen die ich trage und das Auto das ich fahre. Zurück nach vorn zum SEIN. Paradies setzt ein.

Charaktere, Konflikte, Krisen, Erlösungen, Untergänge – Schöpfer sein!

Hier lebt das kompromisslose und anspruchsvolle Schauspieltraining riverrun acting: sprechen, singen und spielen aus dem Erleben in meinem Körper, tief aus meinem Becken – der verdammten Hölle sozusagen – dem Für und Wider aller Welten und Götter in mir. Erst danach und als allerletzte Instanz, aus der blitzartigen, messerscharfen Analyse meiner Gedanken – aus dem Himmel. Mache eine künstlerische Selbstmitteilung. Du bist die Figur oder Rolle, wie Du jede Figur oder Rolle bist. Einfach weil Du ein Mensch bist und weil Du außerdem dem Ruf gefolgt bist, Deine künstlerische Profession auszuüben. Warum solltest Du Dir entkommen wollen? Bist Du Deiner Kraft und Macht gewachsen? Bist Du “wahrer Dichter”? Bist Du Schöpfer? Oder einfach die Schießbudenfigur im Jahrmarkt der Eitelkeiten auf der Jagd nach der höchsten Tagesgage?

In uns ist die Anlage zu allem: wir wollen hören und gehorchen, folgen und uns leiten lassen, dienen und uns abdanken; aber wir wollen auch aufschwellen und gebieten, herrschen und Blitze schleudern; wir wollen in Gemeinschaft aufgehen und einsam sein, keines anderen bedürftig. Alles Grauen schläft in uns und alle Untat, aber auch alle Möglichkeiten der Läuterung und Verklärung. Ein unaufhaltsam schnelles Nacheinander wie ein Rasen zuckender Blitze, ja ein ewiges Zugleich aller dieser widersprechenden Möglichkeiten wäre die totale, ideale Erfüllung des in uns angelegten Wesens, der schakti in uns: – und es würde uns selbst zerreißen und unsere Welt, wenn es so aus unserem Innersten hervorbräche, über uns hinaus strömte in die Wirklichkeit und sich projizieren wollte auf die Welt. (Heinrich Zimmer, Indische Sphären, S.160)

Den Schicksalsfaden spinnen, eine Welt daraus weben – und wieder vernichten.

Im riverrun acting Schauspieltraining geben wir den abgesunkenen Bildern und Symbolen ihren Platz und ihr Leben in unserem Bewusstsein und in unserem Körper zurück. Wir verabschieden uns aus dem ewig gleichen “so tun als ob” im Netz der Projektionen. Daraus entsteht Freiheit – persönliche und künstlerische. Das ist die Magie und Weitsicht, die Projektionen der Welt bewusst schöpferisch auf der Bühne und vor der Kamera gestalten zu können. Inspiriert aus Deinem eigenen und somit kosmischen Erleben. Aus deiner archaischen Tiefe.

Entflieht der Mensch seiner geschichtlichen Bedingtheit, so entsagt er nicht zugleich seinem Menschsein, um sich in der “Animalität” zu verlieren; er findet die Sprache, manchmal auch das Erleben eines “verlorenen Paradieses” wieder. Die Träume, die Tagträume, die Bilder die seine Heimwehgefühle begleiten, seine Sehnsüchte, seine Begeisterung, all das sind Gewalten, die den in seine geschichtlichen Bedingtheiten eingesperrten Menschen in eine geistige Welt entrücken, die unendlich reicher an Geist ist, als die geschlossene Welt seines “geschichtlichen Moments”. (M. Eliade, Ewige Bilder und Sinnbilder, s.14)

Wenn Du mehr erfahren willst, mach mit im riverrun acting Schauspieltraining.
Euer
Olaf Rauschenbach

riverrun acting download PDF

riverrun blog – Arbeitsdokumentationen und Feedbacks
riverrun sacred space – Nordische/Germanische Mythologie aus Deinem Dunkel heraus erfahren.

Don’t push the river, it flows by itself – It flows above us and beneath us but in the middle we dance in the moonlight, at the river’s edge.

Alida Brill