Die Seele des Menschen ist der Ort, wo Gott mit dem Teufel ringt.

Dimitri Karamasov, (Die Brüder Karamasov, Fjodor Dostojewski)

Der neue Mensch; Mythmakerz.

MYTHMAKERZ

Aus Schauspiel wird Spielen wird Lebenskraft.
Ein Weg zur archaischen und transzendentalen Erfahrung Deiner künstlerischer Arbeit. Die Poesie des Mythos leben. Die Sprache der Natur sprechen. Physical theatre acting training auf mythologischer, religionswissenschaftlicher und gestalttherapeutischer Basis.

Das Seminar findet durchgehend als schauspielerische Aus- und Weiterbildung für eingeschriebene StudentInnen und SchülerInnen, an der Hochschule für Musik in Nürnberg und aktuell der Zerboni Schauspielschule in München statt. Weiterhin finden in unregelmäßigen Abständen Workshops statt. Orte und Zeiten erfährst Du auf Anfrage.

Charaktere, Konflikte, Krisen, Erlösungen, Untergänge: den Schicksalsfaden spinnen, eine Welt daraus weben – und wieder vernichten.

Entflieht der Mensch seiner geschichtlichen Bedingtheit, so entsagt er nicht zugleich seinem Menschsein, um sich in der “Animalität” zu verlieren; er findet die Sprache, manchmal auch das Erleben eines “verlorenen Paradieses” wieder. Die Träume, die Tagträume, die Bilder die seine Heimwehgefühle begleiten, seine Sehnsüchte, seine Begeisterung, all das sind Gewalten, die den in seine geschichtlichen Bedingtheiten eingesperrten Menschen in eine geistige Welt entrücken, die unendlich reicher an Geist ist, als die geschlossene Welt seines “geschichtlichen“ Moments.

Mircea Eliade

derneueMensch;Vorschaubildschaufenster.

Mythmakerz Schaufenster

Videodokumentationen und Feedbacks der TeilnehmerInnen.

Die Poesie des Scheiterns

A way a lone a last a loved a long the
riverrun,
Past Eve and Adam`s, from swerve to bend of bay
brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs.

Eine Materialsammlung zur archaischen, spielerischen und transzendentalen Erfahrung Deiner künstlerischen Arbeit.
Zusammengetragen und verbunden von Olaf Rauschenbach

Mit dieser Arbeit entspreche ich der Bitte vieler SchülerInnen und StudentInnen, die Inhalte aus dem Seminar „riverrun mythmakerz“ schriftlich zusammenzufassen. Weiterhin wollte ich glaubwürdig arbeiten und meine Spekulationen, Vermutungen und Schlussfolgerungen entsprechend belegen. Daher mutet das Erscheinungsbild etwas wissenschaftlich an. Davon kann allerdings keine Rede sein, ich arbeite bestenfalls poetisch. Die zahlreichen eingefügten Zitate, sollen Dir einzig eine fundierte Bereicherung und Ergänzung sein, Dein Streben, wonach auch immer, zu hinterfragen. Weiterhin vervollständigen sie meine Gedankengänge, aus wissenschaftlicher Sicht. Möglicherweise bin ich bei der Angabe des jeweiligen Erscheinungsjahres etwas ungenau. Zahlen recherchierte ich mit der Emotionalität eines Schauspielers. Was sind schon 10 Jahre im Mythos?! Nicht mehr als die Ewigkeit eines Wimpernschlages.
In den einzelnen Kapiteln gebe ich meine immer subjektiven Erfahrungen, aus der künstlerischen Arbeit auf mythologischer, religionswissenschaftlicher und gestalttherapeutischer Basis wieder. Nach einem allgemeinen Überblick, in dem ich die Götter dieser Welt in jedem Menschen selbst verorte und die Themen meiner Aufmerksamkeit anschneide, setzte ich mich dichterisch mit dem menschlichen Denken und Streben und seinen realen Konsequenzen auseinander. Schließlich finde ich einen Ausweg aus einer Krise, die nach Rudolf Bahro eine In-Weltkrise sein muss. Dieser Weg ist eine Erfahrung – poetisch und spielerisch. Ich ergänze die heute vorherrschenden analytischen, zielgerichteten Methoden (sich z.B. einem geschriebenen Text zu nähern), um einen radikalen Gegenentwurf – einer Lebenshaltung: die Konzentration auf den Augenblick und das damit mögliche, lernende Spiel im Moment ewiger, mythischer, unzählbarer Zeit. Ein Leben mit links, dem weiblichen Lebensprinzip in mir.

Statt das Buch zielgerichtet von vorn bis hinten chronologisch durchzulesen, kann es sinnvoll sein, zunächst willkürlich und dem Zufall folgend, einzelne Abschnitte zu öffnen und sich so inspirieren zu lassen. Das erklärt auch, warum sich zentrale Motive im Kontext eines anderen Zusammenhanges öfter wiederholen.

„Zufall ist genaugenommen ein Sprung, schafft einen Sprung heraus aus der Reichweite des eigenen Halts an sich selbst.“(Cage, 1961, 45`für einen Sprecher, S.97)

Und weil die Mutter des Theaters das Scheitern ist, wünsche ich Dir für die Lektüre und Dein weiteres künstlerisches Leben „Hals und Beinbruch“ oder „Wird schon Schiefgehen“. Du wiederum bleibst ehrlich bei Dir und verzichtest auf jedes floskelhafte Dankeschön. Und sollte es Dir doch rausrutschen, bist Du sofort als gedankenloser Lügner und Schwätzer entlarvt.

Nachfolgend findest Du Leseproben aus dem Einleitungskapitel. Du möchtest mehr wissen? Sprich mich an.

“Der schlimmste Feind des Menschen ist der Mensch, immer bereit nach des Teufels Unterweisung Unheil anzurichten, sein eigener Scharfrichter, ein Wolf, ein Satan gegen sich selbst und andere. Kein Dämon kann so plagen, kränken und quälen wie der Mensch seine Mitmenschen. Wie oft verwende ich allen Scharfsinn darauf, mich zu Grunde zu richten und missbrauche dabei alle meine guten Gaben zum eigenen Ruin. Verloren in völliger Verderbtheit. Dein Verderben kommt aus dir. Perditio tua ex te.”[1]

Mit vernünftigen, funkelnden, geschliffenen Worten, zerstöre ich Mensch mich schleichend schon immer. Worte von Minderwertigkeit und Mangel als Ansporn zu neuem Schaffen. Unvollkommener unglücklicher Mensch, alter Adam, nie ausreichend ich mit mir. Nie im Moment. Nie entspannt im Augenblick. Immer im Werden, Wollen, Müssen. Immer erfolgwärts gerichtet, immer wunschwärts orientiert. Immer im Stress. Mit Selbstabwertung beflügle ich meinen Geltungsdrang, mein Glücksstreben – mit einem Extrem nähre ich das andere. Verharre unverstanden, meiner Sprache beraubt unverständlich, im stehenden Atemzug schwebend im über dem Abgrund, bar jeder Kraft und kein rettendes Ufer mehr sehend.

“Wo bist du, mein geliebtes Land,
Gesucht, geahnt, und nie gekannt?
Das Land, das Land so hoffnungsgrün,
Das Land, wo meine Rosen blühn;

Wo meine Freunde wandelnd gehn,
Wo meine Toten auferstehn,
Das Land, das meine Sprache spricht,
O Land, wo bist du? …

Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer, wo?
Im Geisterhauch tönt’s mir zurück,
„Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.“[2]

Mein Wille ist machtlos, meine Innenwelt den drängenden unmittelbaren Erfahrungen augenscheinlich nicht gewachsen. Die Zeit steht still und droht konstant mit dem endgültigen Ende. Tod. Doch ewig rettend, spielt die „Erlöserfunktion des Mythos ihre Rolle […] für jedes menschliche Wesen, das seinem Abenteuer lauscht.“[3] Die wahre Geschichte bändigt die Drohung der Zeit. Sie wird in mir erzählt, von mir hier und jetzt, wenn gar nichts mehr geht, wenn der Verstand verzweifelt ausgelaugt schweigt.

„Die wahre Geschichte ist es, die […] die große Zeit offenbart, die mythische Zeit, welche die wahrhaftige Quelle allen Seins und allen kosmischen Geschehens ist“[4]

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[1] Burton, 1651, S.77

[2] Georg Philipp Schmidt von Lübeck, Des Fremdlings Abendlied, 1808, Text zum Lied Der Wanderer, Komp: Franz Schubert, D 489 – Opus 4/1

[3] Eliade, 1952, S.71

[4] Eliade, 1952, S.70

„Gehör erbitt ich   aller heiligen Geschlechter,
höhrer und mindrer    Söhne Heimdalls;
du willst, dass ich, Walvater,    wohl erzähle
ält’ste Kunde der Wesen,     derer ich mich erinnere.“[1]

“Tristan und Isolde”, “Orpheus und Eurydike”, “Penthesilea”, “Die Orestie”, “Der Herr der Ringe”, “Narnia”, “GOT” … allen Opern, Theaterstücken, Filmen, Liedern und Gedichten unserer zivilisierten Welt, liegen Bilder und Symbole aus uralten Mythen zugrunde. Diese sind die Spiegel aller innerweltlichen Konflikte der Menschen seit Beginn aller Tage und bestehen so unverändert fort. Denn jedes Stück Unterhaltung oder Kunst, für das ich mich begeistere – in Abwehr, Spannung, Interesse oder Begierde – ist geschaffen aus Menschen, von Menschen, für Menschen, jenen im Wesen und Kern uralten Menschen – dem alten Adam[2]. Sie bringen all die Leben meiner verborgenen Existenz, im Schatten meines beschränkten bewussten Seins zum Singen. So erklingt im unendlich weiten, reichen Land tief in meinem Inneren, das Lied der Lieder – die „ält’ste Kunde der Wesen, derer ich mich erinnere“, in seiner ganzen archaischen Dramatik. Es ist das Lied des Lebens aus Überfluss und Tod, das Lied vom Rad der Fortuna – Glück und Unglück verteilend, das Lied von Eis und Feuer[3], das Lied vom Sein mit meinen Gegensätzen schlechthin. Es erzählt von den in verschiedenen Intensitäten immer wiederkehrenden Situationen, in denen ich mich in den Widersprüchen meines Lebens aufzureiben drohe, zwischen denen mein wunschverhaftetes[4] Selbstbild entlarvend zerbröselt, gleich rostigem Eisen im taufeuchten Wald. Dieses Lied singt vom gefahrstillen Abwärtsstrudel im tobenden Ozean, aus dessen Untiefen vielleicht allmählich majestätisch, neues unverwundetes Land auftaucht. Ein neues Land aus altem geboren. Für diesen Moment erwacht das Paradies aus hundertjährigem Schlaf, für eine Nacht blühen alle Blüten aller Potentiale in mir. Ich regeneriere mich labend, schöpfe frische Kraft für den neuen Umlauf der ewigen Melodie.

„Sähe die Geschichte den Menschen nicht nur als historisches Wesen, sondern als lebendiges Symbol […] sie würde uns den Weg bahnen zu einem neuen Erwachen, zu einem Wiedererringen der archaischen Symbole und Archetypen, die, lebendig oder versteinert, in der religiösen Überlieferung der gesamten Menschheit vorhanden sind. […] So könnte der moderne Mensch auch die Symbolik seines Körpers wiederentdecken, denn sein Körper ist ein Anthropokosmos. […] Erlangt der moderne Mensch ein neues Bewusstsein von der ihm eigentümlichen anthropokosmischen Symbolik (die nur eine Spielart der archaischen Symbolik ist), so erringt er eine neue Daseinsdimension, von der der zeitgenössische Existentialismus und Historizismus nicht das geringste wissen: eine Seinsweise der Wahrhaftigkeit, eine authentische und gesteigerte Seinsweise […].”[5]

Das alles in mir. Jederzeit findet sie statt, die wahre Geschichte. Und weil ich Mensch bin, beginnt erneut mein Werk aus Zerstörung und Aufbau.

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[1] Die Weissagung der Seherin – Völuspa, Krause, Reclams Nr. 18426, S.10

[2] Das Bild vom „alten Adam“ fußt auf der Bibel und ihrer Vorstellung vom „alten Menschen“ in seiner Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit, an dessen Stelle der neue Mensch treten soll. „…ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus.“ (Kol.3,9). Vom „alten Menschen“ spricht man, wenn man den Menschen mit allen seinen Schwächen beschreiben will. Den „alten Adam ausziehen“ heißt so viel wie seine „Fehler ablegen“ und ein neues (gottgefälliges) Leben beginnen. Quelle: Universal Lexikon, deacademic.com

[3] Das Lied von Eis und Feuer, im Englischen A Song of Ice and Fire, ist eine Fantasy-Saga des US-amerikanischen Autors George R. R. Martin. Dieses Buch bildet die Vorlage zur Erfolgsserie Game of Thrones.

[4] Jakob Grimm bringt den Namen Wotan (Odin) aus der nordischen Mythologie etymologisch u.a. mit dem Begriff Wunsch in Verbindung, Jakob Grimm, Deutsche Mythologie, Kap VII Wuotan, 1875

[5] Eliade, 1952, S.39ff

„Diese ewige Rückkehr zu den Quellen des Heiligen und Wirklichen, rettet […] rettet die menschliche Existenz vor dem Nichts und dem Tod. […] Die ihres religiösen Gehaltes entleerte Wiederholung führt jedoch notwendig zu einer pessimistischen Sicht der Existenz. Die zyklische Zeit, die nicht länger ein Weg zurück  zu einer Situation des Anfangs, zur geheimnisvollen Gegenwart der Götter ist, die entsakralisierte zyklische Zeit, enthält einen schrecklichen Aspekt; sie wird zum Kreis der sich unentwegt um sich selbst dreht, sich ewig wiederholt.”[1]

Die Nymphen flohen! Die Muse ist tot. Das ist passiert. Das ist die große Krise. Ich höre nicht mehr zu, ich beurteile und bewerte mit Sachverstand, ich trockne den Sumpf aus. Die Quellen meines unendlich reichen Zauberlandes sind schon verdurstet, die Wälder vertrocknet, die Wiesen verbrannt. Die Wesen verschwunden. Die Dürre der Dogmen[2] wütet.

“The river’s tent is broken: the last fingers of leaf
Cutch and sink into the wet bank. The wind
Crosses the brown land, unheard. The nymphs are departed.”[3]

Würde ich spätestens jetzt dem archaischen Ursprung unserer zu erzählenden Geschichten bewusst gerecht werden, wäre das der rettende Regen. Wasser auf trockene Mühlen. Aber ich rede darüber, nicht mehr von mir. Ich bleibe beobachtend außerhalb meiner selbst, die sengende Glut des Klimawandels betrifft mich nicht. Ich trinke sauberes Wasser aus Plastikflaschen. Ich erstatte Bericht historisch. So macht man das. Ich verliere mich in Tätigkeiten vor Objektiven, auf Bühnen. Ich produziere mich selbst. Selfmademan. Objekt satt Subjekt. Der Mensch als Marke. Influencer. Fassade. Potemkinsche Dörfer.[4] Schein. Selbstverliebte Selbstdarsteller drehen sich unentwegt um sich selbst, in verbissenem Ernst und heiliger Attitüde, Quasigottheiten gleich beschreiten Sie rote Teppiche. Ein heimlicher Traum des Menschen?

“KLYTAIMNESTRA[…] Teures Haupt,
Steig aus dem Wagen. Doch mir soll dein Fuß
Den Staub nicht rühren, Herr und Held von Ilion.
Nun kleidet sich in Purpur dir der Pfad
Ins unerhoffte Haus.

AGAMEMNON[…] Und ruf mit Deinem Purpur nicht den Neid
Auf mich herab. So ehrt man Götter nur.
Wie könnt, ein Sterblicher, ich ohne Scheu
Den Fuß auf diese Prachtgewebe setzen?
Als Mensch ehre mich und nicht als Gott.”[5]

Und das Beil seiner Gattin spaltet im Bade seinen Schädel.[6] Der König des aufsteigenden Jahres müsste fortan weiter sterben zur Sonnenwende in der Hitze des beginnenden Sommers, wie er jedes Jahr als Opfer starb – der König. Archaisches Rotationsprinzip[7]. Das brachte Herbst und Winter und Frühjahr wieder, statt endloser Sommerhitze. Doch das zyklische tödliche Ende verhindernd, präsentiert ein in blutiger Schlacht gewonnenes Ego, sich als menschlicher Mensch des Denkens. Neuer König, von Gottes Gnaden im ewigen himmlischen Lichte. Mensch. Und nun? Atlasgleich ruht die Erde auf Menschenschultern. Gott ist tot[8]. Unbegreifliches Reich der Phantasie, trockengelegt mit berechnender Vernunft in Furcht vor der unberechenbaren Erfahrung des hingebungsvollen Lebens. Ein langfristig toxischer Tod. Das große Sterben hat begonnen, schon vor undenkbaren Jahren in mir, in uns, in der Natur.

“Leben ist aber nicht nur ein erkenntnisgewinnender, sondern dabei immer auch ein, Erfahrungen in Strukturen verwandelnder Prozess.”[9]

Solche Erkenntnis deutet einen schweren Weg an. Ständig in Strukturveränderung, prägen Menschen aktiv handelnd ihre Umwelt, ihre Innenwelt schon Jahrtausende. Was ist aus dem Menschen geworden? Strebend schaffend verwandelnd durch Selbstkastration und Zwangssterilisierung.

„Was da vorgeht, ist primär eine In-Weltkrise und keine Umweltkrise. […] Demnach muss ein Versuch das Wesen der Krise zu begreifen von der Subjektivität handeln, davon also, aus welchem inneren Antrieb der Mensch Leben und Erde zerstört, und von der inneren Verfassung, aus der wir uns noch retten können.“[10]

Ist das Land der Wunder irreversibel zerstört? Was habe ich getan? Und wie? Kann ich das akzeptieren, was geworden ist? Kann ich mich akzeptieren, wie ich mich gestaltet habe und in jedem weiter Moment daran wirke? Kann ich die heutige Welt akzeptieren, wie ich sie mitverantworte? Ich suche Antworten für das Unfassbare.

„Geschöpfe die uns durch die Zeiten begleitet haben, sind nun vom Aussterben bedroht, da ihre Lebensräume – und der alte, uralte Lebensraum des Menschen – der zeitlupenartigen Explosion einer expandierenden Weltwirtschaft zum Opfer fallen. Falls unter uns das Kind ist, das weiß, wo sich das Herz dieses Ungeheuers versteckt, bitte lasst es uns berichten, wohinein wir den Pfeil schießen müssen, um dieses Monstrum aufzuhalten.“[11]

Es ist Zeit für den Freitod, mich Monster zu stoppen. Das Monster bin ich, der verdorrte Mensch im Aufwärtsstrudel der ewigen Bedeutsamkeit. Schlösser, Burgen, Denkmäler, Museen. Kulturrevolution[12]! Personenkult. Narzisstische Persönlichkeitsstörung[13]. Ich opfere meine Wichtigkeit. Ich erstrebe den Freitod meines unerlässlichen ICH. Mein Leid und mein Schmerz, von dem niemand wissen soll, leiten mich an.

“Ich bin die Wunde und der Stahl!
Ich bin der Streich und bin der Backen!
Ich bin das Beil und bin der Nacken!
Opfer und Henker jedesmal!”[14]

Ich bin das Kind und ich bin das Monstrum. Bin Verbraucher, Konsument, Marktschreier, Mörder und Gemordeter. Meine tote Seele höre ich nicht mehr.

„Wenn die Seelenschwäche der tiefste Grund für unser Festgefahrensein in der Megamaschine […] ist, dann macht die ökologische Krise, macht der Umstand, daß das Häuschen zu klein wird für diese manisch vulgärmaterialistische Praxis, nur klar, wir müssen unsere inneren Wesenskräfte wiederbeleben.“[15]

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[1] Eliade, 1957, S.95

[2] Dogma: verbindliche Glaubensaussage, mit dem Anspruch der absoluten Gültigkeit/Wahrheit. `Die ausdrückliche Leugnung eines Dogmas führt zum Ausschluss aus der Kirche.` Quelle: Dorn, Anton Magnus; Eberts, Gerhard (Hsrg..), Redaktionshandbuch Katholische Kirche, München 1996

[3] Eliot, The Waste Land, Zeilen 173 – 175, 1927, S.54

[4] Potemkinsche Dörfer: „Vorspiegelung falscher Tatsachen“ Durch materiellen und/oder organisatorischen Aufwand („Attrappen“, Schauspieler usw.) wird die Illusion von zeigbaren Erfolgen, Wohlstand usw. geschaffen. Die Bezeichnung geht zurück auf die unwahre Geschichte, dass Feldmarschall Potemkin, Kulissen von Dörfern aufgestellt und angebliche Dorfbewohner von einem zum nächsten transportieren lassen habe, um Katharina die Große auf einer Reise nach Neurussland über die Entwicklung bzw. den Wohlstand der neubesiedelten Gegend zu täuschen. Quelle: wikipedia

[5] Die Orestie des Aischylos, Agamemnon, 458 v. Chr. Deutsch von Karl Vollmöller, S. Fischer Verlag, Berlin, 1911, S.35

[6] Zurückkehrend aus Troja nach Mykene wird Agamemnon von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem Geliebten Aigisthos im Bad ermordet – als Strafe für die Opferung seiner Tochter Iphigenie. Soweit die Story.

[7] Prinzip, nach dem ein Amt von dem Amtsinhaber nach einer bestimmten, festgelegten Zeit an einen Nachfolger abgegeben werden muss. Quelle: Duden

[8] Friedrich Nietzsche in Fröhliche Wissenschaft, 1882, „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet.“

[9] Hüther, Die biologischen Grundlagen der Spiritualität, 2013, S.25

[10] Bahro in der Einführungsvorlesung zum WS 1989/90, Ost-Berliner Vorlesungen zur Sozialökologie an der Humboldt Universität Berlin 1989, 1991, S.82

[11] Snyder, 1990, S.9

[12] 1966 entfesselte Mao Zedong die „Große Proletarische Kulturrevolution“. Mit ihr stiftete der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas bewusst ein „großes Chaos“, um zu einer neuen „großen Ordnung“ zu gelangen. Tatsächlich bewirkte die Kampagne einen radikalen Bruch mit traditionellen Werten: Schüler erschlugen ihre Lehrer, Kinder denunzierten ihre Eltern, alte Kulturstätten wurden geschleift. Die Kampagne forderte rund 1,7 Millionen Todesopfer, die Zahl der politisch Verfolgten liegt im zweistelligen Millionenbereich. Quelle: Johannes Piepenbrink im Editorial zur Kulturrevolution, bpb, Bundeszentrale für politische Bildung, 2016

[13]  Nach DSM-IV-TR beziehungsweise DSM-5 gibt es folgende Kriterien für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung: Die Betroffenen haben ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, sie verlangen nach übermäßiger Bewunderung, sie idealisieren sich selbst und sind stark von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz oder Schönheit eingenommen. Sie glauben von sich, besonders und einzigartig zu sein und nur von anderen außergewöhnlichen oder angesehenen Personen oder Institutionen verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können. Darüber hinaus zeigen sie ein offensives Anspruchsdenken und erwarten, bevorzugt behandelt zu werden. Quelle: Marion Sonnenmoser in Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Erkrankung mit vielen Facetten, Ärzteblatt, 13. Ausgabe, Dezember 2014, S. 567

[14] Baudelaire, Der Heautontimorumenos, 1857/1973, S.135

[15] Bahro in Zugänge zum Wesen der ökologischen Krise, 1991, S.82

Wissenschaftlicher Konsens ist heute: Mythen und Religionen sind zuerst poetisch zu lesen, als ein Symbol des Menschen im System der ihn bettenden Natur und seiner Entwicklung darin. Sie zeigen „das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst“[1], sind somit intrapersonelle Tatsachen und erst in zweiter Instanz historische. Ja, Mythen und Religionen sind menschliche Lebensäußerungen und keine Expeditionsberichte aus dem Inneren der Erdkugel, die im wörtlichen Verständnis nur noch zur Kleinkindunterhaltung taugen.

„[…] das Bild des verlorenen Paradieses, das plötzlich Umrisse gewinnt in der Musik eines Akkordeons – welch ein unwürdiges Studienobjekt war das doch! Aber diese Einstellung zeigte nur, wie sehr man vergaß, daß das Leben des modernen Menschen überströmt von halb vergessenen Mythen, von heruntergekommenen Hierophanien, von ihren Gefühlswerten beraubten Symbolen. […] Ein ganzer Müllhaufen von Mythologischem lebt in seinen unzureichend kontrollierten Seelenzonen fort.[…] der Mythos vom verlorenen Paradies, das Bild vom vollkommenen Menschen oder das Mysterium der Frau und der Liebe […] All das findet sich unter vielen anderen Dingen – doch wie sehr säkularisiert, abgewertet, übertüncht! – im halbbewussten Strom des alltäglichen Lebens: in den Tagträumen, in den Melancholien, im freien Spiel der Bilder […] Die abgewerteten Bilder bezeichnen den Ausgangspunkt, von dem aus die geistige Wiedergeburt des modernen Menschen beginnen könnte.”[2]

Doch traditionell patriarchal strukturiert und autoritätsgläubig abhängig, beschäftigen sich darstellende KünstlerInnen akribisch mit dem wörtlichen Verständnis des Mythos, d.h. mit der sichtbaren, rational erfassbaren Geschichte. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem Erforschen von Ursache und Wirkung, Schuld und Unschuld, Ort, Zeit, Zusammenhänge usw., nicht aber der unsichtbaren, vielschichtigen, menschlichen Lebensäußerung, die die eigentliche gigantische, versteckte und selbst unterdrückte! Kraft hinter jedem Mythos ist. Stattdessen stecken sich die immer gleich agierenden Darsteller, einfach in neue Kostüme vor wechselnden Hintergründen. Gewaltige, unfassbare Landschaften werden Kulissen für die Inszenierung der Story – vernünftig, wirkungsvoll aufbereitet, verständlich in Szene gesetzt und durch Pseudogötter (Stars) personifiziert. Leicht konsumierbare Unterhaltung. Kein Geld da, kein Publikum für den gefahrvollen Widersinn poetischer Tiefe. Demokratie rein rechnerisch verstanden, kann diktatorisch werden. Worte werden geübt, Lebensläufe erfunden, Rollen entwickelt, Betonungen und Gesten trainiert. Praktische Arbeit an der Spaltung der Seele, statt im Urvertrauen auf den ganzen Menschen als komplexes Wesen und wissender Organismus.

The show must go on
The show must go on (yeah yeah)
Ooh, inside my heart is breaking
My make-up may be flaking
But my smile still stays on
Yeah[3]

Ich werde auf die Schauspielarbeit nach Stanislawski[4] nochmals in Denken I eingehen. Die daraus entstandenen Methoden und Techniken, beruhen auf einem äußerlichen, zielorientierten, linear denkenden Zerlegen der Textvorlagen für das naturalistisch (authentisch) wirkende Vorspielen der Geschichte. So wird der erzählte Mythos seiner großen archaischen Aufgabe allerdings nur noch zufällig gerecht. Vergleich: das ist ein wenig so, als würde ein Religionswissenschaftler die Jungfrauengeburt oder Auferstehung Christi jenseits ihres Symbolcharakters als historische Tatsache erklären. Damit macht er sich lächerlich. Das ist ja schon genau so geschehen durch die Kirche, mit dem Ergebnis das das eigentliche große Bild, gänzlich seine Strahlkraft verliert und absurd sinnlos wirkt. Wahrheit und Weisheit – das Paradies wird ein infantiler Traum, wiederholt in endloser Beliebigkeit. Halten wir wirklich weiter so dogmatisch an unseren „alten“ Traditionen fest? Ist es das wert – der blutige Mythos nur noch als perfekter Schein, austauschbare Massenware für eine möglichst homogene Zielgruppe? Befreit von jeder irritierenden, widersprüchlichen, phantastischen, unverkäuflichen und somit revolutionären Welt? Jede Weltreligion hat ihr Dogma dafür, als Leitstern und letzte Gewissheit.

“Ein Dogma ist immer das Resultat und die Frucht von vielen Geistern und vielen Jahrhunderten. Es ist gereinigt von allem Bizarren, von allem Unzulänglichen und Störenden der individuellen Erfahrung. Aber trotz alledem, ist die individuelle Erfahrung, gerade in ihrer Armseligkeit, unmittelbares Leben, sie ist das warme, rote Blut, das heute pulsiert. Sie ist für einen Wahrheitssucher überzeugender als jede Tradition. […] Und ein lebendiger Geist wächst und überwächst sogar seine eignen alten Formen […] Neben diesem ewig erneuerten Leben des Geistes, der auf vielfachen und unbegreiflichen Wegen durch die Geschichte der Menschheit sein Ziel sucht, wollen von Menschen festgehaltene Namen und Formen wenig sagen, sind sie doch nur die wechselnden Blätter und Blüten am selben Stamme des ewigen Baumes.”[5]

Letztendlich entscheide ich selbst, was mir wichtig ist. Meine Erfahrung entscheidet. Punkt. Und ich? Lebe weiter als Menschmaschine, als Teilmensch, als wäre ich glücklich und zufrieden mit mir. Kein Problem. Ich bin anerkannt, ich schreibe Autogramme, ich werde im Supermarkt angehimmelt, mein Konto explodiert nach oben. Ich bin wer. Wissenschaftlich denkendes Menschfragment ich, habe mich eingesperrt in einem Lebenskäfig aus Zeit und Gewohnheit, jenseits meiner kreatürlichen Vollständigkeit: voll und ganz Kulturmensch. Yolo[6]. Mensch zelebriert sich selbst im Kreis als geldwertes Objekt seiner eigenen Begierde. Jedes Deo überdeckt noch meinen tierischen Stallgeruch.

“Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.”[7]

Zum Verlassen des Käfigs ist ein Paradigmenwechsel in meinem Denken erforderlich. Der Weg führt in die Innenwelt, die wirkliche Realität. Welcher Wahnsinn eröffnet sich mir, wenn ich dieses Bild ungebremst in meinen Körper einlasse und spürend erfahre. Analog, weg von der Literatur in die Welt da draußen– die Ratte, die Giraffe im Zoo, der getötete Thunfisch, das Milchvieh, der bezwungene und zugemüllte Himalaya Gipfel, der viel befahrene Ozean, der begradigte, ausgebaggerte Fluss – alles in mir. Was wird möglich, verlasse ich meine mich überhöhende Position des reflektierenden Subjektes, das ein Objekt analysierend betrachtet, für eine wechselseitige Beziehung in Verbundenheit?

”Das Paradox der Kultur lautet: Um vollständig Mensch zu werden, benötigen wir […] das wechselseitige Verbundensein mit anderen Lebewesen. Um Mensch zu sein, müssen wir Tier werden, Stein, Wasser, ja, Welt. Das Tröstliche besteht darin, dass wir das alles schon sind. Wir müssen uns nur darauf einlassen.[8]

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[1] Der Autor von Das Lied von Eis und Feuer (Game of Thrones) hat wiederholt geäußert, dass für ihn das Leitthema jeder Erzählung das „menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst“ sei (the human heart, in conflict with itself); nur darüber lohne es sich zu schreiben, wie es William Faulkner bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur ausgedrückt habe. Ian Irvine: George R R Martin: Tolkien for the 21st century. In: Independent, Quelle: wikipedia

[2] Eliade, 1952, S.19ff

[3] Brian May, Queen, Album Innuendo, 1991

[4] Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, (1863 – 1938) russischer/sowjetischer Schauspieler, Schauspiellehrer, Regisseur, Theaterreformer. Das „Stanislawski-System“, Resultat seiner Arbeit, hatte prägenden Einfluss auf die Methoden von Stella Adler, Lee Strasberg, Stanford Meisner und bildet damit heute die Basis der Lehre für angehende SchauspielerInnen.

[5] Jung, Psychotherapie und Seelsorge, 1940, Abs.538, S.355

[6] You Only Live Once

[7] R. M. Rilke, Der Panther, erschienen in “Neue Gedichte”, 1907

[8] Weber, 2016, S.137

„Wir sind alle Pilger auf der Suche nach Wahrheit. Wir dürfen nie vergessen, dass das göttliche Mysterium, die letzte Wahrheit, unsere Begriffswelt übersteigt. Wollen wir zu dem Mysterium gelangen, das jenseits von Worten und Gedanken, von Leben und Tod liegt, müssen wir über die Begriffe hinausgehen.“[1]

Will ich wieder irgendwie essentiell einen Beitrag für diese Welt als Einheit und ganzes System leisten, dann müssen wir, musst Du und muss ich “etwas anders machen”. Dann will ich “über die Begriffe hinaus gehen”. Alle Religionen, ja alle kulturellen Ereignisse in diesem Moment, ja unsere ganze Zivilisation existierten nicht, ohne die archaisch übliche, komplexe und ausschließlich mündliche, körperliche Weitergabe mythologischer Inhalte als umfassender Wissensspeicher, von einem Menschen zum Anderen inmitten der einst “heiligen” und nicht feindlichen Natur, die wir selber sind. Der Träger und Vermittler dieses Wissens, muss jener sein “wer so weiß”[2], wenn er Worte und Tänze lernt, um zu gegebener Zeit die Welt rituell “neu zu weben”, auf das sich alle anderen darin aktiv mitwirkend selbst erkennen. Dieser Mensch muss alle Wesen (in sich) kennen, würdigen, vereinen. Ein ganzer Mensch. Ein Mythmaker. Ein Wissender seiner Innenwelt. Einer, der mit Göttern, Dämonen und Tieren reden kann. Der Widersprüche aushält und seine eigene Unfähigkeit alles zu bestimmen und alles zu verstehen.

„[…] Der Schauspieler (Mythmaker. Anm. d. Autors) ist auf diesem Weg. Mit dem Licht des Dichters steigt er in die noch unerforschten Abgründe der menschlichen Seele; seiner eigenen Seele, um sich dort geheimnisvoll zu verwandeln, und Hände, Augen und Mund voll von Wunder wieder aufzutauchen. Er ist Bildner und Bildwerk zugleich: er ist der Mensch an der äußersten Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum und er steht mit beiden Füßen in beiden Reichen.”[3]

Die Wissenschaft hat die Mythen aller Kulturen und Zeiten erforscht und ihren identischen Wesenskern bloßgelegt. Aufgabe der Kunst ist es nun, den Universalmythos wieder dem modernen Menschen für sein alltägliches Leben zugänglich zu machen. Das kann mein Beitrag sein für mich und diese Welt. Dann fällt wieder Regen in der Wüste der dogmatischen Unfehlbarkeit. Dann beginnt neues Leben.

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[1] Bede Griffiths in Bede Griffiths, Guru, Mönch und Mystiker, von Corinna Mühlstedt, Deutschlandfunk, 18.07.2018

[2] “Jene Welt (die Welt der Götter) gehört nur denen die wissen” (Satapatha- Brahmana X, 5,4,16) “wer so weiß“ ya evam veda, zitiert bei Eliade, 1960, S.119ff

[3] Max Reinhardt aus „Rede über den Schauspieler“, gehalten im Februar 1928 an der Columbia-Universität in New York

Nichts was mich unterhält, existiert ohne meinem immer währenden inneren Drama. Hinter aller Inszenierung des Welttheaters jedoch, verstecken sich die Mythen der Kulturen – die wahren Geschichten, die die große Zeit offenbaren. Sie tragen das leuchtende Purpurgewand im Sonnenglanze des gewohnten Lebensschein und wirken doch eifrig treibend, aus dem sumpfigen Urgrund der Zeitlosigkeit schlechthin.

”Der Mensch vermag sich anscheinend im Weltall nicht zu behaupten, ohne an irgendeine Fassung des allgemeinen Mythenerbes zu glauben. Ja, die Erfülltheit seines Lebens scheint sogar in direktem Verhältnis zur Tiefe und Weite nicht etwa seines rationalen Denkens, sondern seiner Mythologie zu stehen. […] Denn es ist eine Tatsache, dass die Mythen unserer verschiedenen Kulturen als energiefreisetzende, lebenstreibende und -lenkende Kräfte auf uns einwirken, ob bewusst oder unbewusst.”[1]

Die Mythen bringen die Kunde der ältesten Wesen, derer ich mich erinnere ungefragt in das Heute. All ihre Wesen, spielen das alte Lied der Lieder im heiligen Ernst, das wichtige Leben verlachend. Und ihr Spielen, das ist:

“ … ein Schritt hin zur eigenen Wahrheit, der Geist wird befreit, nicht von irgend etwas […] sondern zu etwas, etwas Frischem und Neuem: einer spontanen Tat.”[2]

Spielen zeugt vom Ursprung der Menschenkultur, der Quelle unter dem heiligen Baum in dem die Nymphen baden und mich erwarten. Ihr Gesang, ihr Werben, Bitten und Flehen, zieht mich in das Verderben.

„Sage vergeht nie ganz, die verbreitete, welche der Völker redende Lippe umschwebt: denn sie ist unsterbliche Göttin.“[3]

Ich erkenne mich wieder in ihr und erlebe die unendlichen Weite des kindlichen Augenblickes im Zentrum der Welt. Ich bin eine Sommerwiese im Blütenrausch, ein kolossaler Walfisch in den strömenden Tiefen des unendlichen Ozeans, ein Vogel auf dem Wind liegend, gleite durch die Lüfte. Ich stehe wieder am Anfang, jungfräulich und leer. Ich, der ewige Anfänger, dem nie etwas gelang.

“Im Anfängergeist gibt es keinen Gedanken: “Ich habe etwas erreicht.” Alle selbstbezogenen Gedanken grenzen unseren unendlich weiten Geist ein.”[4]

In meinem so unendlich weiten kindlichen Anfängergeist, bin ich in meinem reinsten Sein, erneut mit allen Wesenskräften ausgestattet. Für diesen Augenblick der Unendlichkeit, spiele ich das alte Lied gänzlich in mir.

“Alles in uns, – wir sind, »aus den Strudeln aller Abgründe, von den Sternen aller Himmel«, – alle Götter in uns, – wir sind erfüllt von Einem, das mächtiger, unheimlicher und größer ist als wir selbst. Ich kann nur suchen, mich gut mit ihm zu stellen […] Auf die richtige Form des Umgangs kommt ebensoviel an, denn es ist das Mächtige und Vielgesichtige, Vielgliedrige in mir selbst […] Wenn sein uns zugekehrtes Gesicht uns lächelt, trägt ein anderes, das es uns gnädig abgewendet vorenthält, die grauenvollen Züge, die uns versteinen. In allen Gebärden spielt es zugleich, in liebender Fürsorge, schreckender Gewalt und weltüberhobenem Gleichmut; das Weibliche und das Männliche, das Lockende und das Mütterliche, das strahlend Heldische und das Hohnlachen der Vernichtung blitzen an ihm auf, darüber die göttliche Ruhe des Jenseits. Alle Tiergestalten in ihrer sprechend sinnbildlichen Gewalt des Dumpfen und Weichen, des Grausamen und Warmen, Reißenden und Sanften sind seine spielenden Facetten.”[5]

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[1] Campbell, Mythologie der Urvölker, 1959, S.16

[2] Ebd. S.43

[3] Hesiod, Werke und Tage, / 700 v. Chr., zitiert in Grimm, 1850, Eingangszitat

[4] Suzuki, 1970, S.23

[5] Zimmer, 1935, S.183

“Während in unserer “Zeit der Trennungen” die Tendenz vorherrscht, die Einheit der Dinge zu zerlegen, die Dinge in Komponenten zu zersplittern […] zeigten sich der archaischen Mentalität die Dinge der Welt in viel größerer Einheit […] Was also viele Wissenschaftler eine “Krankheit des Geistes” nennen, scheint die Auflösung einer trennenden, analytischen Anschauung zu sein, durch die eine archaische Wahrnehmungsweise zum Vorscheint kommt, die normalerweise unter kulturellen Verschluss gehalten wird.”[1]

Was ist, wenn ich die alles trennende, deutende, bewertende Weltentseelung beende? Wenn ich mich im analysierten Objekt der wissenschaftlichen Betrachtung, als Subjekt wiedererkenne. Wenn ich das „lyrische Ich“ bin. Wenn ich alle Charaktere der Mythen, poesieberauscht dahin zurückziehe wo sie herkommen – zum Menschen? Zu mir selbst! All die göttlichen und dämonischen Wesen kehren zurück zum Wesen, zum Kern, zum Ursprung aller Geschichten dieser Welt. Sie begleiten mich wieder, sie sind immer da. Phantastische Fabelwesen, Tierwesen, Himmelswesen, Höllenwesen. Ist das psychopatisch oder poetisch?

„Wenn der historische Prozess der Weltentseelung, eben der Zurücknahme der Projektionen, so weitergeht wie bisher, dann muss alles, was draußen göttlichen oder dämonische Charakter hat zur Seele zurückkehren, in das Innere des unbekannten Menschen, von wo es anscheinend seinen Ausgang genommen hat.“[2]

Ich der Ausgang aller Konflikte! Ich die Lösung! Bin ich dafür zu schwach, mich als Weltendrama wieder zu finden? Wie verändert sich mein Denken und Handeln, meine Stimme, mein Sein?

Ich projiziere alltäglich permanent, nehme die Welt verzerrt durch meine persönlichste Sichtweise war, färbe jedes Detail mit meiner Lebenserfahrung, meinem Ich, meinem Charakter. So entstehen Götter und Dämonen. Nur so spüre ich in Bezug zu Dingen, Wesen, Situationen eine innere Resonanz, einen emotionalen Ausschlag in mir. Wäre dem nicht so, die ganze Welt ließe mich kalt, wäre eine mir bedeutungslose, seelenlose Masse. Aber ich spüre in ganz bestimmten Beziehungen zu Dingen und Wesen das Feuer der Emotionen, egal ob negativ oder positiv genannt, göttlich oder dämonisch. Es ist das Feuer der Lebenskraft aus mir, mit dem ich meine Welt schöpfe. Ich kann mich darin erkennen, immer ist das meine Welt. Ich muss nur hinsehen und wahrnehmen. So gesehen, gibt es keine objektive Welt. Es gibt 70 Milliarden subjektive Welten, die sich stetig entwickeln. Alles fließt[3]. Ich bin mein lebendiger Kulturbringer, wie Du auch.

“Wie Odysseus die Schatten des Hades mit Blut tränken muß, daß sie ihre Schemenhaftigkeit so weit verlieren, um als Menschen wie einst zu ihm zu reden, so tränken wir die schattenhaft unwirkliche Welt ringsum mit Blut, daß sie uns etwas besage, – aber es ist unser eigenes Herzblut, unsere Lebenskraft […] Sie spiegelt all unsere innersten Möglichkeiten zu agieren und zu reagieren, wir füllen ihre matte Spiegelfläche mit unserem Strahl und nennen, was sie spiegelt, unsere Welt. Eine Welt an sich gibt es nicht; keine Wissenschaft, solang sie rein ist, vermißt sich zu sagen, was die Welt sei; – vermeint sie, es zu können, ist sie schon von Schakti koloriert. […] Weil alle mögliche Dämonie der Welt uns innen ist, ist sie so außen, wie sie uns innen ist. Wir selbst sind die Unendlichkeit in unserer Tiefe, darin liegen Ironie und Hoheit unseres Daseins, – die Drohung seiner Hölle und die Verheißung des Himmels.”[4]

Wenn ich mein Wirken in dieser Weise erkenne, kann ich nicht mehr anderen Menschen die Schuld an meinem Schicksal geben. Ich kann mir nicht mehr die Hände in Ergebenheit desinfizieren und gleichzeitig an „die Anderen“ oder „die Umstände“ eine Verantwortung delegieren. Im analysierten Objekt erkenne ich mich als Subjekt. Das Spiel des Lebens in Poesie, hebt eine trennende, einseitige Subjekt- Objekt Beziehung, für eine beseelte, gleichberechtigte Subjekt – Subjekt Beziehung auf. Selbst wenn die Beziehung zu einem Stein besteht. Aus einem ernsthaften Ich, wird eine spielerische Lebensrolle inmitten vieler Welten. Das ist weder unmöglich, noch schließt es Konflikte aus. Solch Leben ist einfach nur selbstverantwortlich, mitfühlend und fair.

“Wenn man sich jemanden vorstellt, der tapfer genug ist, seine Projektionen allesamt zurückzuziehen, dann ergibt sich ein Individuum, das sich eines beträchtlichen Schattens bewußt ist. Ein solcher Mensch hat sich neue Probleme und Konflikte aufgeladen. Er ist sich selbst eine ernste Aufgabe geworden, da er jetzt nicht mehr sagen kann, daß die anderen dies oder jenes tun, daß sie im Fehler sind […] Er lebt in einem “Hause der Selbstbestimmung”, der inneren Sammlung. Solch ein Mensch weiß, daß, was immer in der Welt verkehrt ist, auch in ihm selber ist, und wenn er nur lernt, mit seinem eigenen Schatten fertig zu werden, dann hat er etwas Wirkliches für die Welt getan.”[5]

Spielend, singen, sprechen und tanzen aus dem Erleben in meinem Körper – dem Für und Wider aller Welten und Götter in mir. Geschichten von mir und meinen Taten, personifiziert durch die Wesen aus meiner Phantasie. Kein Gerede mehr, von der Bosheit oder Heiligkeit anderer, als Objekt einer Wissenschaft. Alles bin ich. Gott und Dämon, Henker und Opfer, König und Bettler. Mache eine künstlerische Selbstmitteilung. Bist Du Schöpfer? Oder einfach die Schießbudenfigur im Jahrmarkt der Eitelkeiten?

„In uns ist die Anlage zu allem: wir wollen hören und gehorchen, folgen und uns leiten lassen, dienen und uns abdanken; aber wir wollen auch aufschwellen und gebieten, herrschen und Blitze schleudern; wir wollen in Gemeinschaft aufgehen und einsam sein, keines anderen bedürftig. Alles Grauen schläft in uns und alle Untat, aber auch alle Möglichkeiten der Läuterung und Verklärung. Ein unaufhaltsam schnelles Nacheinander wie ein Rasen zuckender Blitze, ja ein ewiges Zugleich aller dieser widersprechenden Möglichkeiten wäre die totale, ideale Erfüllung des in uns angelegten Wesens […] : – und es würde uns selbst zerreißen und unsere Welt, wenn es so aus unserem Innersten hervorbräche, über uns hinaus strömte in die Wirklichkeit.”[6]

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[1] Duerr, H.P. Traumzeit – über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, 1978, S.146 zitiert in Portele, 1992, S.68

[2] Jung, Psychologie und Religion, 1940, S.102

[3] panta rhei, altgriechisch für „alles fließt“, Heraklit, um 520 v.Chr.

[4] Zimmer, 1935, S.213

[5] Jung, Philosophie und Religion, 1940, Abs.140, S.101

[6] Zimmer, 1935, S.160

Welchen Raum gebe ich der wiedererwachenden, fragilen Phantasiewelt in mir und wie schütze ich ihre/meine Wesen vor meinem Streben nach dem “Neuen Menschen”, dem “neuen Adam”? Jenem unerreichbaren Menschideal unserer überheblichen, objektzentrierten Kulturgeschichte, in dem ich konditioniert bin? Wie vollbringe ich diese Heldentat?

“Es ist vollbracht,[…] der Held aus Juda siegt mit Macht
und schliesst den Kampf.
Es ist vollbracht.”[1]

Bleibe ich beim Alten, besinge und bestaune die Heldentat als begreifbare, stattgefundene, abgeschlossene Geschichte eines Anderen, die ich mir seitdem für mein Seelenheil nützlich erklären kann? An die ich mich zyklisch oder bei Bedarf beruhigend erinnern kann? Dann hat Jesus tatsächlich mit seinem Tod, die Sünden der Welt aller Zeiten, auf sich genommen.

Oder singe ich selbstverantwortlich von mir, dem immerfort tobenden unbegreiflichen Kampf der Figuren des Mythos in mir? Brauche ich dafür Wunderwaffensysteme und absurd aufgerüstete Armeen mit geschliffenen Elitekämpfern? Nein.

“Die seltene Erscheinung des wahren Helden tritt über den Horizont, der keiner Götterhilfe, keiner Zauberwaffen bedarf, der nicht erbebt wo alle zittern. […] Aber was er Einziges, Unerhörtes ist, vermag er einzig aus sich selbst. […] Heldentum ist innerlich: in uns wird überwunden oder nirgendwo.”[2]

Jeder einzelne Mensch ist Träger des Mythos. Das ist Fluch und Segen. Jeder Mensch ist ein Kunstwerk, ein Held. Jeder Mensch nährt potentiell in sich das Göttliche und das Dämonische. Diese Tatsache ist erfahrbar und bestimmt meinen Auftritt, das WIE IN DIESER WELT. Wie gestalte ich diese Welt beseelt und lebendig?

“[…] die Beachtung der Rechte des Anderen und der Abbau des Wunsches, alles nach der eigenen Vorstellung zu gestalten […] ist auch die Voraussetzung der Versöhnung zwischen Mensch und Natur: Weniger die Natur beherrschen wollen als mit ihr leben und sich von ihr leiten lassen”[3]

Entscheide ich mich für das gestaltende Leben in der Zeitspanne zwischen Geburt und Sterben im Rahmen unserer Zivilisation? Was wäre, wüsste ich, morgen bin ich tot. Gäbe es wirklich ein weiter so? Ich würde das Leben genießen. Jeden einzelnen Widerspruch feiern – jetzt. Jeden Moment atmen als wäre er der letzte, als wäre er ewig. Mich in Dir sehen und Dich sehen – Mensch, Tier, Wesen, Ding. In Beziehung treten zu dem WAS IST, nicht was wird, nicht was soll. Nicht mehr mich selbst beweisen, nicht mehr mich selbst behaupten. Mich akzeptieren und mal den Druck rausnehmen, jemand sein zu müssen. Akzeptieren mit Allem was ist. Die letzten Minuten in der epischen Dauer der Heldentat aufgehen. Poetisch, spielerisch, wertfrei den Tod annehmen und aufheben, in der Ewigkeit der mythischen Zeit.

“Entflieht der Mensch seiner geschichtlichen Bedingtheit, so entsagt er nicht zugleich seinem Menschsein, um sich in der “Animalität” zu verlieren; er findet die Sprache, manchmal auch das Erleben eines “verlorenen Paradieses” wieder. Die Träume, die Tagträume, die Bilder die seine Heimwehgefühle begleiten, seine Sehnsüchte, seine Begeisterung, all das sind Gewalten, die den in seine geschichtlichen Bedingtheiten eingesperrten Menschen in eine geistige Welt entrücken, die unendlich reicher an Geist ist, als die geschlossene Welt seines “geschichtlichen Moments.”[4]

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[1] Johann Sebastian Bach, Johannes-Passion, BW 245, 1724, Akt IV, Kreuzigung und Tod

[2] Zimmer, 1935, S.69

[3] Paul Goodman über die anarchistische Gesellschaftsordnung in Blankertz Der kritische Pragmatismus Paul Goodmans, S.52, Köln 1989 zitiert in Portele, 1992, S.85

[4] Eliade, 1952, S.14